Heute + morgen
„Ganztagsschule muss zum Gemeinschaftsprojekt werden“
Deutsche Kinder- und Jugendstiftung
bildungSPEZIAL: Frau Bundszus, Ganztagsschulen befinden sich in einem ständigen Veränderungsprozess. Wie unterstützt das bundesweite Schulentwicklungsprogramm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ sie dabei?
Bettina Bundszus: Vor allem mit Know-How. Wir haben mittlerweile umfangreiches und fundiertes Erfahrungswissen darüber, wie eine gute Ganztagsschule funktioniert. Dieses Wissen wird über regionale Serviceagenturen, die es in allen Bundesländern gibt, an die Schulen weiter gegeben. Die Agenturen bieten Fort- und Weiterbildungen an, beraten Schulen und schaffen Möglichkeiten, sich in Netzwerken zu organisieren und so voneinander zu lernen. Die Serviceagenturen orientieren sich dabei an den unterschiedlichen Rahmenbedingungen im jeweiligen Bundesland und vor allem an den Bedürfnissen und Ressourcen der einzelnen Schulen. Für den bundesweiten Austausch sorgen die landes- und bundesweiten Fachtagungen und Kongresse. Zur größten Veranstaltung, dem Ganztagsschulkongress, kommen jährlich rund 1.300 Teilnehmende aus ganz Deutschland nach Berlin. Und nicht zuletzt finden Sie auf den Portalen www.ganztagsschulen.org und www.ganztaegig-lernen.de eine wahre Schatzkiste gefüllt mit aktuellen Informationen zur Ganztagsschulentwicklung, mit Schulportraits, Erfahrungsberichten, mit neusten Ergebnissen aus der Schulforschung, Arbeitsmaterialien zur Unterrichtsgestaltung und und und ...
Das Ganze wird gebündelt in dem Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“, das die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung realisiert. Ohne die Stiftung ginge das alles nicht.
Wie wird Ihrer Meinung nach die deutsche Ganztagsschullandschaft in zehn Jahren aussehen?
Ich bin sicher, dass die deutschen Schulen dann mehrheitlich Ganztagsschulen sein werden. Die Entwicklung seit der Veröffentlichung der ersten PISA-Ergebnisse hat gezeigt, wie schnell sich das ganztägige Schulkonzept in Deutschland etabliert hat. Boten im Jahr 2002 gerade mal 16 Prozent aller Schulen im Primar- und Sekundar-I-Bereich ganztägige Bildung an, ist es derzeit fast jede zweite Schule. Die Nachfrage der Eltern wird auch in den kommenden Jahren nicht nachlassen.
Außerdem wird es einen weiteren Qualitätsschub geben. Ganztagsschule ist ja schon jetzt kein Neuland mehr, sondern meist gut funktionierender Alltag. Die individuelle Förderung der Kinder wird sich mehr und mehr durchgesetzt haben.
Wichtig ist, dass die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe weiter verbessert wird. Beide pädagogischen Kulturen müssen anerkennen, dass ihr jeweiliger Blick auf die Kinder von hohem Wert ist, wenn es darum geht, die Kinder den ganzen Tag gut zu bilden, zu betreuen und auch zu erziehen. Angehende Lehrkräfte und Pädagogen müssen bereits in ihrer Ausbildung gut und praxisnah auf ihre spätere Tätigkeit an einer Ganztagsschule vorbereitet werden. Hier besteht an den Hochschulen noch erheblicher Nachholbedarf.
Auch die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern wie Musik- und Kunstschulen, Vereinen, Verbänden, Kirchen oder Unternehmen zu professionalisieren und qualitativ zu verbessern ist ein zentrales Anliegen des Programms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“
Wer außer Schulleitungen und Lehrkräften ist bei der Weiterentwicklung der Schulen besonders gefragt?
Schulleitungen und Lehrkräfte allein können die Arbeit an einer Ganztagsschule nicht schultern. Gute ganztägige Bildung kann nur gelingen, wenn Schule zum Gemeinschaftsprojekt wird. Gefragt sind Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter, Erzieherinnen und Erzieher und die ehrenamtlich Engagierten. Die Eltern müssen in die Arbeit der Schulen eingebunden werden und natürlich die Schülerinnen und Schüler denn schließlich ist die Ganztagschule der Ort, an dem sie nicht nur lernen, sondern einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen.
Schulen brauchen vor allem verlässliche Rahmenbedingungen im Land und verbindliche Kooperationspartner vor Ort. Alle, die für Schulen und Bildung zuständig sind, müssen Ihr Handeln bündeln und gemeinsam an einem Strang ziehen.
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