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Technik + Ausstattung

Hinter Schloss und Riegel

Schließfächer machen das Schulleben leichter

Markus Hofmann

Mit leichtem Gepäck lernt sich's angenehmer. Zudem fühlen sich Schüler, denen die Schule ein Schließfach zur Verfügung stellt, als Person respektiert

Schließfächer in der Schule: bloß eine aus den USA importierte Modeerscheinung? Oder haben sie einen ernsthaften Nutzen im Schulalltag? Und: Können Schließfächer tatsächlich irgendetwas zu einer Veränderung des Schullebens beitragen?

In angloamerikanischen Ländern gehören Schließfächer in den Schulflur wie die Tafel ins Klassenzimmer. Nahezu jeder Schüler hat eines, in das er Bücher und Material, die er nach Unterrichtsschluss erstmal nicht mehr braucht, einschließen kann. Auch in unsere Schulen haben Schließfächer Einzug gehalten – die Idee aus Übersee hat selbst Traditionalisten überzeugt. Die Vorteile liegen ja auch auf der Hand: Dicke Atlanten, schwere Bücher, sperrige Materialien, Musikinstrumente oder Sportsachen wandern hier hinein anstatt in die Ranzen der Schüler. Sie haben weniger zu schleppen und schonen damit ihren Rücken und ihre Körperhaltung – eins der Hauptargumente für das Anschaffen oder Anmieten von Schließfächern.

Hauptsache leicht?

Freilich gibt es hier plausible Einwände. Mediziner stellen immer häufiger bei Heranwachsenden eine zu schwach ausgeprägte Rumpfmuskulatur fest, eine Folge des um sich greifenden Bewegungsmangels. Auch wenn das zunächst paradox klingt: Das korrekte Tragen eines ergonomisch optimalen Ranzens kann für etwas Abhilfe sorgen und die schlaffen Bauch- und Rückenmuskeln trainieren. Und es ist selbst dann nicht schädlich, wenn die Schultasche weit mehr wiegt als zehn Prozent des Körpergewichtes, was ja meistens der Fall ist. Überhaupt hat die verbreitete Zehn-Prozent-Faustregel einen recht unwissenschaftlichen Ursprung und sollte daher nicht so hoch gehängt werden. Sie stammt nämlich aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Mit ihr legten damals die Militärs das Höchstgewicht des Tornisters fest, mit dem Infanteristen stundenlang noch halbwegs aufrecht marschieren können. Sofern der Schulranzen aber richtig gepackt und getragen wird, sind für Heranwachsende auch 15 Prozent und mehr schadlos zu bewältigen, zumal sie den Ranzen ja nur relativ kurze Zeit buckeln müssen.

Trotzdem: Viel schleppen möchte niemand, und wenn leichtes Gepäck die Stimmung der Schüler hebt, ist es legitim, sich schwerer Brocken zu entledigen.

Stolperfallen vermeiden

In Ganztagsschulen mit offenen Lernformen hat das auch Vorteile für die Allgemeinheit: Es liegen weniger Gegenstände und Kleidungsstücke herum, die ein spontanes, lernformgerechtes Umgestalten oder Wechseln des Lernortes behindern würden. Schließfächer können dynamische Unterrichtskonzepte also durchaus unterstützen.

Mehr Ordnung in Räumen und Fluren hat zudem einen sicherheitstechnischen Vorteil: Fluchtwege bleiben frei, die Stolper- und Verletzungsgefahr wird reduziert. Und nicht zuletzt wirkt ein aufgeräumtes Schulgebäude sympathischer als eines, in dem es aussieht wie auf dem Flohmarkt. So fällt es Schülern wie Lehrern leichter, sich mit ihrer Schule zu identifizieren und Verantwortung für die äußeren Lernbedingungen zu übernehmen.

Klein, aber mein

Schließfächer einzurichten, hat – was oft übersehen wird – auch soziale Dimensionen. Viele Schüler empfinden es nämlich als Wertschätzung ihrer Person und als Respekt vor ihrer Privatsphäre, wenn die Schule ihnen einen Schrank anbietet, über dessen Inhalt sie – unter Einhaltung gewisser Regeln – allein und frei verfügen dürfen, mit eigenem Schlüssel oder Zahlencode. Darin haben kleine Glücksbringer ebenso Platz wie Wertgegenstände, ohne die viele Schüler heute kaum noch aus dem Haus gehen, MP3-Player, Handys, mobile Playstations oder auch Kleidungsstücke teurer Marken etwa. Im Schließfach entzieht man sie unerwünschten Blicken und schützt sie weitgehend vor Verlust, Diebstahl, Vandalismus – und auch den Spötteleien der Mitschüler. Ein Schließfach-Vermieter bietet den Schülern sogar an, mittels eines Schutzbriefs den Schrankinhalt zu versichern.

Welche Schlossvariante die praktikabelste ist, muss jede Schule für sich entscheiden. Zahlenschlösser wie dieses bieten den Vorteil, dass kein Schlüssel verloren gehen kann. Kleinere Kinder allerdings vergessen zuweilen den Code

Transparenz ist wichtig

Die Einführung von Schließfächern erfordert einen Konsens aller an Schule Beteiligten. Um sicherzugehen, dass die bereitgestellten Schränke auch genutzt werden, sollte die Schule zunächst Schüler und Eltern dazu befragen und vor allem dabei auch die Kosten und Mietmodalitäten transparent darstellen. Immerhin kommen auf die Eltern Mietkosten von monatlich zwischen 1,40 und 2,50 Euro je nach Anbieter zu, zuzüglich anfallender Kosten bei Schlüsselverlust sowie mutwilliger oder fahrlässiger Beschädigung. Können einkommenschwache Eltern die Mietkosten nicht tragen, sollten Schulleitung und Elternrat gemeinsam erwägen, ob dann z. B. der Förderverein der Schule einspringt. Diese Frage gilt es unbedingt zu klären, damit Schüler, die sich kein Schließfach leisten können, am Ende nicht genau dadurch als „arm“ stigmatisiert und Diskriminierungen ausgesetzt werden.

Auch feste Regeln für die Schließfachnutzung sind notwendig. Zumindest sollte allen Schülern klar sein, dass verderbliche Lebensmittel im Schrank nichts zu suchen haben, genau wie Alkohol, Tabak und andere Drogen. Die Schule sollte sich vor Einführung von Schließfächern zudem rechtlich absichern, in begründeten Fällen einzelne Schränke unter den Augen der Mieter durchsuchen zu dürfen, etwa wenn diese Schüler durch Drogenmissbrauch oder -weitergabe auf dem Schulgelände aufgefallen sind oder Indizien für ein Diebstahldelikt vorliegen. Als Abschreckung gedachte Präventivmaßnahmen wie stichprobenartiges Öffnen einzelner Fächer jedoch sind rechtlich problematisch und auch nicht ratsam: Sie beschwören schnell das Bild vom „Großen Bruder“ bei den Schülern herauf und belasten das Verhältnis zu ihrer Schule.

Schließlich ist es wichtig, den Schülern einen sorgsamen Umgang mit den Schließfächern zu vermitteln, denn gewöhnlich sind sie „nur“ deren Mieter und nicht deren Eigentümer. Reparaturen und Ersatzleistungen, die aufgrund unsachgemäßer Benutzung anfallen, können teuer werden.

Ablagen oder Garderoben reichen meist für eine sichere Unterbringung sperriger Gegenstände und Kleidung nicht aus. Diese liegen dann auf dem Boden herum – und werden zu gefährlichen Stolperfallen

Mit Augenmaß planen

Wie gut Schließfächer ihre Zwecke erfüllen und von den Schülern angenommen werden, hängt entscheidend vom Aufstellort und ihrer Einbindung in die Schularchitektur ab. Wenn etwa eine weitläufige Schule mit mehreren Etagen und Trakten die Schließfächer zentral aufstellt, wird sie wenig Erfolg damit haben. Liegt z. B. nur eine kurze Pause zwischen Unterrichtsstunden, die in weit voneinander entfernten Räumen ablaufen, werden die Schüler ihre Materialien und persönlichen Dinge lieber komplett mitnehmen, als sie quer durch die Schule zum Schließfach zu befördern. Ähnliches passiert, wenn Schüler nach Unterrichtsschluss eilig das Gebäude verlassen, um den nächsten Bus noch zu erwischen: Kommen sie nicht direkt an den Schließfächern vorbei, bleibt der Ranzen voll.

Idealerweise sollte daher die Einrichtung von Schließfächern gleich beim Neu- oder Umbau der Schule mitgedacht werden. Meist aber müssen die Schulen Kompromisse eingehen, also die Schränke während des laufenden Betriebs in das vorhandene Interieur einpassen. Viele Vermieter von Schließfächern bieten dafür eine Vor-Ort-Beratung an.

Bei dieser Gelegenheit ist es auch ratsam, die Mietverträge kritisch zu prüfen, vor allem die Kündigungsfristen. Diese sollten möglichst knapp bemessen sein. Nehmen wir einmal folgenden, nicht seltenen Fall an: Bei einem Schüler ergibt sich erst kurz vor Schuljahresende die Notwendigkeit (oder Chance) eines Schulwechsels. Die vertraglich vereinbarte Kündigungsfrist beträgt aber drei Monate und ist bereits verstrichen. Ergo muss dieser Schüler (oder vielmehr dessen Eltern) das Schließfach noch ein weiteres Jahr bezahlen, obwohl er schon zu einer anderen Schule geht.

Viele kleine Tücken gilt es also zu umschiffen, wenn eine Schule Schließfächer einführen will. Geht sie aber mit Plan und Weitblick an die Sache heran, kann sie damit die Schul-Lebensqualität für Schüler, Lehrer und Eltern auf vergleichsweise einfache Weise steigern.

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