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Prozess + Praxis

Nicht mehr, sondern anders

Pädagogische Erfolge als Motor für Innovationen

Torsten Buncher

Das Kollegium der GS Südschule Lemgo in NRW hatte in den Jahren des großen Wandels nach der deutschen Wiedervereinigung erfolgreiche Entwicklungsarbeit geleistet. Ausruhen konnte und wollte man sich aber nicht darauf. Rektor Torsten Buncher berichtet, wie seine Schule den Schwung für neue Veränderungen genutzt hat

Unsere große Zufriedenheit in der Arbeit und die Wahrnehmung der Erfolge der Kinder wurden stark getrübt durch den ersten PISA-Schock. Dieser ging die Grundschulen nicht direkt an. Dennoch hatten wir das Gefühl, unseren Kindern nicht genügend mitgegeben zu haben. Wenige Jahre später erhielten wir mit dem ersten VERA-Test eine eigene Quittung. Wir hatten in etwa Landesdurchschnitt erreicht, aber kaum Kinder in die Lage versetzt, Spitzenleistungen zeigen zu können. Es war also an der Zeit, die Schule zu verändern.

Zielsetzung

Ein häufiger Fehler bei Veränderungsprozessen ist jener, „mehr vom selben“ zu versuchen. Mehr vom selben in der Schule hieße noch mehr Förderstunden, noch mehr Arbeitsblätter oder noch mehr Tests zu produzieren. Deshalb war uns klar, dass die Arbeitsprozesse andere werden mussten. Dies zu erreichen, war nicht möglich über den Austausch von Lehrkräften oder die Einbeziehung einer anderen Schülerschaft. Der für uns einzige Weg: den Unterricht verändern und Mindeststandards für jedes Fach beschreiben. Diese Mindeststandards waren nicht etwa beschränkt auf die Inhalte, sondern bezogen auf die Arbeitsprozesse der Kinder und Lehrkräfte.

Prozesse

Fortbildung auf Halde funktioniert nicht. Alle Fortbildungsangebote für Veränderungen des Lernens laufen ins Leere, wenn die Schule nicht an dieser Stelle eine eigene Fragestellung entwickelt hat, über die sie die Lehrerfortbildung reflektieren kann und will.

Um sich auf neue Wege zu begeben, bedarf es auch des Lernens an Modellen. Nachdem wir einstimmig beschlossen hatten, das Lernen an der Südschule jahrgangsübergreifend zu organisieren, haben über ein Jahr hinweg Lehrkräfte an anderen Schulen kriteriengeleitet hospitiert. Aus diesen Erfahrungen haben wir versucht, ein Bild für unsere Schule zu entwerfen. Dieses Bild sollte sowohl beschreiben, wie das Lernen organisiert werden kann, als auch, wo die Kinder am Ende der Grundschulzeit stehen sollen. Zu all diesen Überlegungen gesellte sich die Einführung der Offenen Ganztagsschule in NRW. Von Anfang an war der Schulleitung klar, dass uns hier eine große Chance in den Schoß gefallen war. Die Schule neu zu denken, war nicht mehr auf die wenigen Unterrichtsstunden am Vormittag beschränkt, sondern umfasste jetzt den ganzen Tag.

Erfolg planen

Veränderungen laufen in Stufen ab. Rückblickend lässt sich für die Südschule die Entwicklung wie folgt beschreiben:

  1. Bewusstsein für die Dringlichkeit schaffen.
  2. Verantwortliche mit Veränderungsbereitschaft gewinnen und zusammenbringen.
  3. Die Zukunftsvision ausformulieren und eine Strategie entwickeln, wie sie erreicht wird.
  4. Die Zukunftsvision bekannt machen.
  5. Das Handeln im Sinne der neuen Vision und der Ziele ermöglichen.
  6. Kurzfristige Erfolge planen und gezielt herbeiführen.
  7. Erreichte Verbesserungen systematisch weiter ausbauen.
  8. Das Neue fest verankern.

Betrachten wir Kommunikation aus der Sicht der Transaktionsanalyse, stehen sich zwei Positionen gegenüber: hier das kritische Eltern-Ich der Schulleitung mit einem überhöhten Sendungsbewusstsein („Alles muss anders werden, damit es gut ist“), dort das renitente Kind-Ich der Lehrkraft, das sich verweigert und bockig alles beim Alten belassen will. Die Kunst liegt also darin, Kompromissbereiche zwischen den berechtigten Reform-/Veränderungs-/Entwicklungsansprüchen und der nüchtern zurückhaltenden Vorsicht gegenüber Neuem zu finden. Wer das beherzigt, findet bald rationale Zustimmung zum angestrebten Neuen.

Das ist aber erst der halbe Weg. Erst, wenn die emotionale Akzeptanz gegeben ist, kann aus Neu Alt werden und der Veränderungsprozess ist abgeschlossen. Unsere Zukunftsvision war, unser Lernen und Lehren anders (und damit besser) zu organisieren und die Tagesabläufe der Kinder mitzudenken. Allerdings konnten wir uns nicht vorstellen, sofort alle Fächer jahrgangsübergreifend oder nachmittags zu unterrichten. Ein Kompromiss lag darin, einen redlichen Anfang mit den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht zu finden, während über einen längeren Zeitraum die Voraussetzungen für sukzessiv hinzukommende Fächer geschaffen wurden.

Strategien und Mittel

Ist das Ziel beschrieben und die Leidenschaft geweckt, ist es an der Zeit aufzubrechen. Wie bei jeder gut geplanten Reise bedarf es verschiedener Rastplätze für die Ruhe und die Rückschau sowie für Möglichkeiten des Aufladens und Auftankens. Alle Fortbildungen wurden nun systemisch und im Sinne der Zielerreichung angelegt. Alles andere haben wir zurück gestellt. Damit wir als Erwachsene (Lehrkräfte und ErzieherInnen) besser miteinander streiten konnten, haben wir uns Kommunikationsschulungen ins Haus geholt. Damit wir uns klarer darüber waren, wie wir arbeiteten, haben wir zu Hospitationen eingeladen, denn nur Präsenz schafft Transparenz und nur Rückmeldung ermöglicht eine stete Verbesserung.

Damit wir unsere Zielvorstellungen präzisierten, haben wir uns an Ausschreibungen beteiligt. Die jeweils erreichten Verbesserungen wollten wir natürlich Stück für Stück absichern. Dabei hat uns die Arbeit mit den Standards des Schulverbundes „Blick über den Zaun“ sehr geholfen.

Zwischenbilanz

Was haben wir bislang erreicht? Die Schülerzahlen gingen zurück, als im Jahr 2008 in NRW die Schuleinzugsbezirke aufgehoben wurden. 260 Kinder besuchten damals die Südschule. Heute ist die Zahl auf 330 gestiegen, davon 180 im Offenen Ganztag. Nahezu die Hälfte aller Schüler stammt von außerhalb des ehemaligen Schulbezirkes. Die Schule freut sich also großer Beliebtheit und genießt größtes Vertrauen bei den Eltern. Mittlerweile werden alle Fächer jahrgangsübergreifend mit den Klassenstufen 1 bis 3 unterrichtet, in den Ganztagsklassen auch an drei Nachmittagen.

Ausblick

Gewonnen haben in den zurück liegenden Prozessen alle an unserer Schule Beteiligten. An den Kindern lässt es sich am besten ablesen. Sie haben die Schule nach und nach für sich in Besitz genommen. Andere Beteiligte verhalten sich ähnlich, werben MitarbeiterInnen an, verhalten sich konstruktiv bei Beschwerden, regen Verbesserungen oder verbessern die Abläufe.

Dieses „Eigentümerverhalten“ zeigt, dass das Neue fest verankert ist. Künftige Fragestellungen wie Inklusion, gebundener Ganztag, jahrgangsübergreifendes Lernen 1-4, zeichnen sich erst zart am Horizont ab. Wir werden mit den neuen Herausforderungen und Chancen gelassen umgehen können.

Wenn die Kinder ihre Schule wie selbstverständlich „in Besitz“ nehmen, war – wie in Lemgo –  die Veränderung zur Ganztagsschule erfolgreich

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