Prozess + Praxis
Und es geht doch …
Wie eine Greifswalder Ganztagsschule sich mit Bordmitteln verändert
Sabine Schweder
Das Fach Physik startet in Klasse 6 mit „nur“ einer Wochenstunde – somit 45 Minuten für eine Welt, in der es bei Erstkontakt viele Fragen und Wissensdurst gibt. Physiklehrerin Renate Schmidt stieß mit diesem knappen Zeitbudget seit Jahren an Grenzen, die verhindern, dass bei den Kindern die Begeisterung für Physik anhält. „Diese Stunde reicht gerade für eine kompakte Stoffvermittlung.“ In 45 Minuten bot sie ihren Schülern einen mit Demonstrationsexperimenten aufgelockerten, meist lehrgangsförmigen Unterricht. Fragen außerhalb des lehrplangerechten Stoffangebotes wurden aufgeschoben. Eine Taktik, die Kindern das Fragen abgewöhnt. „Die große Neugierde zerrinnt auf diese Weise. Die Distanz zur Wissenschaft wächst. Wenigstens im Einstiegsjahr muss das anders laufen,“ so Schulleiterin Angela Leddin.
Impulsgeber für die veränderte Lernkultur war Prof. Hartmut Wedekind von der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, Startrampe für die Veränderung war die Beteiligung am Netzwerk „Labor Lernkultur“. Wedekind verstand die geäußerten Zweifel des pädagogischen Teams und ermunterte es, seinen Physikunterricht zu verändern. Bereits im nachfolgenden Schuljahr wurde Blockunterricht eingeführt. Physik findet seitdem alle 14 Tage, jedoch mit 90 Minuten statt.
Veränderte Schülerrolle
Die Schüler arbeiten immer zu dritt. Vor der Teamgründung prüfen sie per Checkliste, ob sie lieber an der Experimentieranordnung „tüfteln“ oder Ergebnisse untersuchen oder aber mit Notebook und Plattform die Lernwege und Ergebnisse dokumentieren. Mit dem Ergebnis der Selbstbefragung werden jedes Jahr Forscherteams gebildet, die in balancierter Arbeitsteilung das ganze Schuljahr kooperieren. Daneben setzt sich die Lernumgebung aus wechselnden Materialpools, Plattform, Internet und Büchern zusammen. Letzte vor allem, um Vermutungen bzw. Beobachtungen als Bedeutungshintergrund zu recherchieren.
Veränderte Lehrerrolle
Renate Schmidt lernte, dass das Zentrum einer motivierenden Lernumgebung ein lebensweltnahes Forschungsproblem ist. „Ich sehe den Alltag mittlerweile mit den Augen von 12-jährigen, wenn ich ‚Allerweltsprobleme’ mit Potenzial für selbstständiges Forschen suche. Warum friere ich, wenn ich nass bin? Warum schwimmt ein Schiff? Warum fliegt ein Heißluftballon?“ Würde sie den Schülern das Fragen überlassen, hieße das, eine Lernwerkstatt zu pflegen. Einen Raum mit unzähligen Materialien, um Experimente zu konzipieren und zu realisieren. Soweit ist die Schule noch nicht. Die Gespräche mit dem Schulträger finden erst noch statt. Der Dachboden böte Platz. Das Konzept hat Schulleiterin Angela Leddin schon im Kopf. „Es ist eine Hürde, die es zu nehmen gilt.“
An jedem „Forschungstag“ erleben die Schüler persönliche Höhepunkte. Im Vakuum wächst ein Schokokuss! Schalen von Eiern brechen erst bei vier Kilo Gewicht. Diese und andere Phänomene entzünden Lernprozesse. Die dann entstehende Unruhe wird positiv bewertet – es ist geweckte Neugier. Lehrerin Schmidt berät und lobt – neue Aufgaben.
Veränderung in Bezug auf Lernleistung
Die Schüler werden zum einen gebeten, Experimente auf „klassische“ Weise zu beschreiben, zum anderen, die traditionelle Systematik um ein digitales Foto und mit Antworten auf: „Wie lautet eure Forschungsfrage?“, „Wo versteckt sich diese Frage im Alltag?“ zu ergänzen. Alles wird über eine Plattform dargestellt. So werden wissenschaftliches Arbeiten wie auch Sachkenntnis auf neue Weise dokumentiert. Am Ende betreiben die Schüler eine selbstentwickelte Lernumgebung. „Was ich vermitteln kann, habe ich auch verstanden!“. Geprüft wird auch, wie der Einzelne im Team arbeitet und dabei vielleicht über sich hinaus wächst.
Die Instrumente und das Konzept sind abzurufen unter: http://physikforscher.blogspot.com
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