Projekte
„Alles voll DDR hier!“
Think Big on Tour in der Evangelischen Schule Berlin-Mitte
Jeannette Goddar
Die Evangelische Schule Berlin-Mitte mag in der ganzen Stadt für ihren modernen Unterricht bekannt sein – untergebracht ist sie in Plattenbauten, die ihre besten Zeiten lange hinter sich haben. Außen wie innen blättert die ohnehin längst verblichene Farbe ab, Teile des Schulhofs erinnern eher an eine Schutthalde als an einen Ort für Spiel und Pause. „Extremst alt“ sei das Gebäude, merkt dann auch einer der Schüler in dem Sitzkreis völlig zu Recht an. Ein anderer motzt: „Alles voll DDR hier!“
Jugendliche als kreative „Bestimmer“
Heute ist der Tag, an dem sich manches ändern wird. Nicht nach den Plänen von Erwachsenen – die Schüler selbst entwerfen Visionen, wie sich ihr Umfeld verändern soll. Mit ein bisschen Geduld können sie ihre Ideen schon bald in die Realität umsetzen. „Erst einmal sammelt ihr ganz viele Ideen, dann einigt ihr euch auf die, auf die ihr am meisten Lust habt“, erklärt ihnen die Medienpädagogin Martina Harand. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Ekkehard Schmidt, einem Fernsehjournalisten, ist sie gekommen, um mit den Schülern einen Tag lang zu arbeiten. Für jede Idee, die heute früh in den Köpfen der Jugendlichen entsteht und die schon am Mittag im Internet präsentiert werden soll, gibt es 400 Euro. Dabei werden die „Think Big“-Projekte von Jugendlichen selbst initiiert und verantwortet, sind gemeinnützig, haben etwas mit dem Alltag der Projektemacher zu tun und erreichen viele andere Jugendliche.
„Think Big“, das bedeutet so viel wie: Trau dich, anzufangen – und dann denk weiter! Angedacht werden sollen Projekte, die nicht mehr kosten als 400 Euro, aber auch solche, die mit diesem Betrag erst einmal angeschoben werden können. Voraussetzung, um bei „Think Big“ mitzumachen, ist, unter 25 Jahre alt zu sein. „Think Big“ fördert beispielsweise die Verschönerung von Jugendfreizeitheimen, Rap-Contests von Jugendgruppen, Anti-Gewalt-Seminare und vieles mehr.
Projektmanagement als Lerngegenstand
Bei diesem Schul-Aktionstag in Berlin-Mitte ist aber wohl nur logisch, dass sich die Kreativität an dem maroden Schulgebäude entlang hangelt. Zu den Themenkomplexen „Müll“, „Fassade“ und „Bauwagen“ formiert sich je ein Schülerteam. Die Bauwagengruppe teilt sich binnen kürzester Zeit noch einmal auf in eine Bauwagen-Verschönerungs-Gruppe und eine Schülercafé-Gruppe. Die 13-jährige Lea berichtet: „Unsere Idee ist, einen einfachen Bauwagen in ein wunderschönes Schülercafé zu verwandeln und ihn somit zu neuem Leben zu erwecken.“
Der Weg zum eigenen Projekt ist leicht: Idee aufschreiben, online stellen und abwarten. Mit 400 Euro und Beratung von Jugendeinrichtungen vor Ort, den „Think Big Projekt-Partnern“, wird der alte Bauwagen zum Schülercafé
© Lydia Hesse
Wie gut Deutschlands Schulen jeden zusätzlichen Euro gebrauchen können, ist nicht das einzige, was der interessierte Beobachter an diesem frühherbstlichen Donnerstag in Berlins Mitte lernen kann. Das Projekt „Think Big“ kann mehr – nämlich das, was die Lehrerin Mandy Voggenauer so auf den Punkt bringt: „Es bringt den Schülern nahe, wie aus einer Idee ein kleines, präsentables Projekt wird“, sagt sie, „und zwar nicht theoretisch, sondern praktisch und lebensnah.“ Das, hofft Voggenauer, könnten sie in ihrem Leben außerhalb wie auch nach ihrer Schulzeit gut gebrauchen. „Die Jugendlichen lernen etwas über Projektmanagement – und dass sie aktiv werden und etwas tun können. Und wenn ihnen in ihrem Kiez etwas nicht passt, denken sie hoffentlich in Zukunft: Ich bin nicht hilflos – ich such mir ein paar Unterstützer und sammle erst einmal Ideen. Der Rest wird dann schon!“
Ideen verbreiten via Internet
Dafür, dass im Rahmen von „Think Big“ aus der Idee „ein präsentables Projekt“ wird, sorgen nicht zuletzt die neuen Medien. Die Mittagspause ist gerade erst vorbei, da sitzt Ekkehard Schmidt schon mit einem der Jüngsten aus der Klasse am Computer und wertet bewegte Bilder aus: Während die anderen Pizza gegessen haben, hat der Siebtklässler Robert mit einer kleinen Flipcam den Müll, das Laub und die Glasscherben auf dem Schulhof gefilmt. In wenigen Stunden werden die von dem Jungen selbst geschnittenen Bilder schon im Internet zu sehen sein: Unter www.o2thinkbig.de präsentieren die Jugendlichen nicht nur in fünf Sätzen ihre Ideen – nicht wenige von ihnen stellen Fotos oder sogar kleine Filme dazu ein.
Fernsehjournalist Ekkehard Schmidt ist von dem Einsatz der neuen Medien voll überzeugt. „Obwohl alle Jugendlichen ständig fernsehen, ist es für fast alle das erste Mal, dass sie Dinge wie Videotechnik, digitalen Schnitt und Bildbearbeitung erleben. Das regt sie zum Nach- und zum Weiterdenken an: Wie setze ich eine Idee in meinem Kopf bildlich um? Was zeige ich? Wie präsentiere ich das, was ich will?“ Und zwar: schnell. Binnen weniger Stunden entstehen Bilder. Auch das, sagt Ekkehard Schmidt, sei ein großes Plus moderner Technik: „Die Jugendlichen sehen unheimlich schnell Ergebnisse. Auch das ist in diesem Alter ganz wichtig.“
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