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Lässt der Computer das Buch hinter sich?

Markus Hofmann

Die einen sehen in Laptop und Tablet-Computer die Zukunft des Lernens, andere halten deren Einführung an Schulen für Geldverschwendung. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft irgendwo dazwischen: Digitale Technologie eröffnet unbestreitbar neue Perspektiven gegenüber dem tradierten Lernen am Buch. Doch vielerorts ist der Boden dafür nicht bereitet – und das Buch insofern noch lange nicht überflüssig

In Südkorea gilt das traditionelle Schulbuch als Auslaufmodell, man setzt voll auf digitale Technik. Nach dem Willen der Regierung wird es in wenigen Jahren durch E-Books abgelöst, die sich alle Schüler auf ihren Tablet-Computer laden, der jetzt schon weit verbreitet ist. Einkommenschwachen Familien will das Bildungsministerium ein Gerät kostenlos zur Verfügung stellen. Per WLAN erreichbare Cloud-Computing-Systeme werden für die Schüler außerdem weitere zahlreiche multimediale Lerninhalte bereithalten. Rund 1,4 Milliarden Euro lässt sich Südkorea das bis 2015 kosten.

Top oder Flop?

In Deutschland ist man zwar noch lange nicht soweit, aber einige Modellschulen berichten bereits von positiven Erfahrungen mit elektronischen Flachmännern. Die Kaiserin-Augusta-Schule in Köln etwa wurde mit einigen Dutzend iPads ausgerüstet und möchte sie nicht mehr missen. Kritiker jedoch, die in derlei Hightech keinen Nutzen sehen, der eine flächendeckende Einführung rechtfertigt, bekamen jüngst Aufwind aus den USA.

Im Schulbezirk Kyrene, Arizona, hatte im Rahmen eines fünfjährigen Pilotprojektes jeder Schüler einen Laptop erhalten, die Nutzung des Internets im Unterricht wurde intensiviert, die Moderatorenfunktion der Lehrer ausgebaut. Eine begleitende Untersuchung wertete aus, ob und wie sich der Hightech-Einsatz auf das Lernergebnis ausgewirkt hat. Die Bilanz: Das Leistungsniveau stagniert seit fünf Jahren, im Vergleich zu anderen Schulbezirken ist Kyrene sogar zurückgefallen, obwohl Schüler wie Lehrer fast ausnahmslos Positives berichten. Die Befürworter milliardenschwerer Investitionen in die moderne Technik zweifeln zwar an der Stichhaltigkeit der Untersuchung, die Daten nur in standardisierten Tests erhoben und deshalb „weiche“ Erfolgsfaktoren nicht erfasst habe. Dennoch ist die Diskussion über Sinn und Zweck digitaler Aufrüstung der Schulen neu entflammt.

Schule als Nachzügler

Kontroversen sind normal in Übergangsphasen, und in einer solchen befindet sich Bildung zur Zeit. In unserer Berufswelt hingegen ist man schon viel weiter. Computerkenntnisse werden in den meisten Bereichen als selbstverständlich vorausgesetzt. Daher ist nicht einzusehen, warum der Computer ausgerechnet in der Schulbildung, die ja neben Impulsen zur Persönlichkeitsentwicklung vor allem berufliche Qualifikationen zu vermitteln hat, weiterhin nur ein Dasein als Exot, Lückenfüller oder Pausenclown fristen soll.

Zudem nutzen die Heranwachsenden digitale Medien ganz selbstverständlich als Instrument der Aneignung von Weltwissen und der Persönlichkeitsentfaltung (siehe S. 8 ff). Mögen Kulturpessimisten darin auch den Untergang des Abendlandes sehen: Ein Bildungssystem, das diese Tatsache ignoriert und weiterhin auf das gedruckte Wort als alleinigen Informationsträger setzt, wird unweigerlich in einer Sackgasse enden. Das hat auch Auswirkungen auf das schulische Binnenklima: Lehrer, die den Einsatz digitaler Medien im Unterricht vernachlässigen, verlieren bei den Schülern an Akzeptanz. Nicht etwa, weil jene Lehrer die moderne Technik womöglich nicht bedienen können, das wäre verzeihlich. Sondern weil sie sich damit über die veränderten Kommunikationsvorlieben, Arbeitsweisen und Wissensbedürfnisse ihrer Schüler hinwegsetzen.

Mediale Vielfalt bewahren

Im Umkehrschluss den Computer allen anderen Medien als Jungbrunnen für unser angegrautes Bildungssystem vorzuziehen, kann aber auch nicht die richtige Konsequenz sein. Die Vielfalt unserer Kommunikations- und Informationskanäle, zu denen seit Jahrhunderten das Buch zählt, hat ihren Reiz, den aufzugeben fahrlässig wäre. Darum spricht auch nichts gegen eine Koexistenz von Buch und Computer an der Schule, zumal wir in eben dieser Phase des Wandels leben, in der die Physiognomie des Buches die Entwicklung neuer Geräte, Software-Anwendungen und Online-Angebote noch immer entscheidend beeinflusst. E-Books, E-Papers und Literatur-Apps für Smartphones und Tablets etwa bedienen sich ganz selbstverständlich einiger Designs und Funktionen, die das Lesen physischer Seiten suggerieren. Das hat einen einfachen Grund: Die User sind daran gewöhnt. Die Leseerfahrungen der meisten Menschen wurzeln in bedrucktem Papier, auch die der heutigen „digital natives“. Im Unterschied zu älteren Erwachsenen nutzen diese ihre traditionell gewonnene Lesekompetenz intensiv, um ihren medialen Horizont auf elektronische Quellen zu erweitern. So passiert das, was vielen Lehrern schwer fällt zu akzeptieren: Das Buch erscheint den Jugendlichen nicht mehr als Leitmedium, sondern als eines neben vielen.

Freilich bieten die digitalen Medien ungleich mehr Features und Ablenkungen als ein Printmedium, sie befriedigen eben auch den Spieltrieb. Das herkömmliche Buch hat da einen immer schwereren Stand. Insofern ist es also durchaus begrüßenswert, dass die Anbieter von E-Books, E-Papers und Reader-Apps den altbacken wirkenden Klassiker in eine neue „sexy“ Hightech-Verpackung stecken, denn im Grunde bleibt damit (fast) alles beim alten. Und wenn dadurch die Lese- und Lernbereitschaft wieder steigt, warum sollten wir uns dann ausnahmslos an das gedruckte Buch klammern?

Flexiblere Lernprozesse

Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass sich mit der Bandbreite der Medienformate auch die Rezeptionsweise verändert hat. Digitale Technologien haben neue, vernetzte Interaktionsräume geschaffen, die die Schüler für Lernprozesse nutzen können. Das gedruckte Buch steckt da recht enge Grenzen. Nehmen wir folgenden Fall einer Gruppenarbeit an: Zu Lerngegenstand X verfügt die Schulbibliothek über nur ein Exemplar eines bestimmten Fachbuchs. Maximal drei Schüler können darüber ihre Köpfe zusammenstecken, bei einer größeren Gruppe wird gemeinsames Arbeiten daran praktisch unmöglich. Kopien müssten gezogen, Passagen vorgelesen oder abgeschrieben werden. Als E-Book wäre das Fachbuch dagegen auf beliebig vielen Rechnern speicherbar, was allein schon eine immense Arbeitserleichterung bedeutete. Hinzu kommt die Vernetzbarkeit der Arbeitsplätze über Inter- oder Intranet: Unabhängig von Zeit und Ort könnten die Gruppenteilnehmer ihre Teilergebnisse einander vorstellen, sie gemeinsam bewerten und zu einem Gesamtkonstrukt zusammenfügen. Zudem stehen im Internet zahlreiche Lerninhalte zur Verfügung, mit denen sich Aussagen des Fachbuchs schnell verifizieren, widerlegen oder ergänzen lassen. Eine solche Flexibilisierung der Lernprozesse gestaltet sich mit herkömmlichen Büchern wesentlich schwieriger, zumal mit jenen, die sich zentral in „Lehrmittelhoheit“ einer Schule oder Bibliothek befinden.

Keine halben Sachen

Derlei offene Arbeits- und Kommunikationsformen erfordern auf technischer Seite allerdings mehr als nur neue Laptops oder Tablets. Ohne effiziente IT-Infrastruktur, ohne hoch verfügbares Schulnetzwerk ist vernetztes Arbeiten kaum möglich, und die teuren Multimedia-Rechner kommen über den Status eines reinen Eingabe- und Speichermediums, eines Fortschrittlichkeit vorgaukelnden Feigenblattes nicht hinaus. Davon abgesehen: Auch technisch befinden wir uns am Scheideweg. Schulen, die heute in klassische Computertechnik investieren, werfen unter Umständen viel Geld zum Fenster hinaus. Die Zukunft gehört dem Cloud-Computing: Daten und Applikationen existieren nicht mehr auf Festplatten vollwertiger (und damit teurer) Einzelplatzrechner, sondern in einer viralen Wolke, in die sich die User mit einem schlank ausgerüsteten Computer einklinken, um Informationen zu beziehen, Daten zu verwalten und Programme zu updaten. Net-Books und Tablets, die nur noch über Web-Anwendungen verfügen, sind die Vorboten dieser Entwicklung. Umso schwieriger zu rechtfertigen ist folglich die Anschaffung kostspieliger Hard- und Softwarepakete, wenn Schulen nicht zuvor eine technisch nachhaltige Architektur geschaffen haben, um konsequent alle Potenziale digitaler Medien nutzen zu können, die diese dem Buch voraus haben.

Um es provokant zu formulieren: Sehen Schulen diese Technik nur als Zugeständnis an den Zeitgeist, brauchen sie sie nicht. Und die Bücher können in den Ranzen und Regalen bleiben.

In der Berufswelt sind Computer und Internet zu unverzichtbaren Arbeitsmitteln geworden, und auch in vielen Kinderzimmern haben sie ihren festen Platz. Daran können und dürfen unsere Schulen nicht vorbeiunterrichten