Internet
Qualität statt Gequatsche
Diskursives Lernen im Web 2.0
Sabine Schweder / Markus Hofmann
Jugendliche der 10. bzw. 12. Klasse des Staatlichen Gymnasiums München-Moosach und des Paulsengymnasiums in Berlin beteiligten sich an einer Online-Debatte, um die aktuellen Wirtschaftslage in Deutschland zu diskutieren. Es galt, Fakten aus eigenen Beobachtungen, Medienpositionen und eigene Standpunkte, Ideen und Utopien zu debattieren. Die Diskutanten orientierten sich an der Frage „Die Finanzkrise – Risiko für den Generationenvertrag?“ und waren damit herausgefordert, die Auswirkungen der Finanzkrise zu interpretieren und die in der Öffentlichkeit diskutierten Lösungskonzepte zu bewerten, um mögliche Folgen für die heranwachsenden Generationen abzuleiten.
In Berlin wurde die Debatte direkt in den Leistungskurs Politik integriert, in München als Angebot im Freizeitbereich. Der Austausch fand statt auf einer Plattform bei SCHOLA-21 (siehe Kasten). Sie war nur über eine Zertifizierung für die Beteiligten erreichbar. So konnten die Schüler nicht anonym, sondern unter ihrem vollständigen Namen debattieren und operieren. Das war Grundvoraussetzung für die Integration in den Unterricht – und es vermied Nonens-Diskussionen.
Basis für seriöses Diskutieren
Bei einem Auftakttreffen in München machten sich die Schüler miteinander bekannt und mit der Funktionalität der Plattform vertraut. Die zu diskutierende Ausgangsfrage bot unterschiedliche Ansätze, die die Schüler mit Hilfe der vorhandenen Werkzeuge entfalteten. Mittels kooperativer Methoden gliederten die Jugendlichen das Diskussionsfeld und beschlossen, anhand der aufgereihten Teilfragen sich als Diskutanten zu spezialisieren. In gesetzten Diskussionsteams fanden Interessensgruppen zusätzlichen Raum, um Thesen zu entwickeln, Material zu hinterlegen und Standpunkte vorzuarbeiten. Neben der schriftlichen Diskussion im Forum griffen die Diskutanten auf die eingerichteten Speicherfelder verschiedener Arbeitsgruppen zu. Von diesen ausgehend, wurden Argumente vorbereitet oder vertieft.
Gedanken strukturieren
Die Funktionsweise des Forums folgte herkömmlichen Mustern. Dadurch entstanden Sprachketten aus Beiträgen unterschiedlicher Diskutanten. Das erlaubte Rückschlüsse auf Sachlichkeit, Sprachqualität, Überzeugungskraft und damit auf ein Diskussionsvermögen Einzelner.
Damit erweiterte sich die eigentliche Diskursumgebung – „indem ich meine Gedanken und Ausführungen zusätzlich strukturieren konnte und gelernt habe, diese sich daraus entwickelnde Power meiner Argumente einzusetzen“, berichtete ein Schüler. Nicht alle zeigten eine gleich hohe Bereitschaft, mit dieser detaillierten, aber vor allem aufwendigeren Arbeitsweise in die Diskussion zu gehen. Die Verlockung, lediglich im Forum zu arbeiten, war groß. Um jedoch diesen Fall diskursiven Lernens als Unterricht geltend zu machen, war es für die Beteiligung unumgänglich, die Argumentation für alle nachvollziehbar herzuleiten. Hier setzt pädagogische Begleitung an.
Bei ihrer Forumsarbeit entwickelten die Jugendlichen ihre Fähigkeit zur Diskussion auf der Ebene des schriftlichen Austauschs. Der pädagogischen Begleitung kam es zu, die Qualität der Beiträge rückzumelden und die Reflexion des Schüler aktiv zu begleiten. Das Forum avancierte damit für die Lehrer, aber auch für die Jugendlichen selbst, zum Zentrum der Analyse von Kommunikationsprozessen und deren Qualität und damit zum Reflexionsmedium. Die Konzeption versteht sich als Teil eines Methodenrepertoires für einen Unterricht, der die Entwicklung der schriftsprachlichen Kompetenz fördert.
Überdenken der Argumente des anderen
„Zuweilen entpuppte sich das Szenario als bizarr, da wir auf die Äußerungen unseres Nachbars in der Klasse Bezug nahmen“, so ein Schüler. Aber: „Vorteil war, dass man die Meinung des anderen schriftlich vor sich hatte und es einfacher wurde, Argumente zu überprüfen und zu überdenken. Auf dieser Basis war es leichter, fortführende Argumente zu überlegen.“ Eine andere Schülerin resümierte: „Durch den schriftlichen Austausch gab es ausreichend Zeit zum Überdenken der Argumente des anderen und das hat meine Toleranz gegenüber den anderen Meinungen doch wesentlich entwickelt. Ich habe es dann sogar bewundert, dass der in der Kontroverse blieb, weil ich mich dadurch herausgefordert fühlte, sachlich zu kontern.“
Von Vereinzelung am PC-Bildschirm keine Spur: Die Kommunikation im Forum bot immer wieder Anlässe für Diskussionen in der Gruppe. Die einzelnen Teilnehmer erhielten dabei Impulse, ihre individuelle Argumentation kritisch zu reflektieren – und disziplinierten sich gegenseitig, die Debatte nicht in redundantes Geplauder abgleiten zu lassen
© Sabine Schweder
Die schriftlich und asynchron geführte Debatte bewirkte zwar einen nicht zu übersehenden Tempoverlust. Das „Ausbremsen“ förderte jedoch maßgeblich die sachliche Auseinandersetzung und gab auch den zurückhaltenden Schülern die Chance zur Beteiligung. „Ich konnte mich als eher ruhiger Schüler besser durchsetzen und habe die Debatte dadurch wesentlich mitbestimmt!“, berichtet ein Schüler. Auch aus der Sicht der begleitenden Lehrer war es vorteilhaft, dass sich immer eine Pause zugunsten einer Argumentationsentwicklung bot, falls sich Schüler durch die Argumentation eines anderen überfordert fühlten. Die Gesprächsfähigkeit wurde in dieser Form des miteinander Austauschens zunächst vernachlässigt – sie sollte durch das Abschlusspodium herausgefordert werden.
Verantwortung beweisen
Mit dem Auftakttreffen stellten die beteiligten Schüler – zur Erleichterung der begleitenden Lehrer – selbstständig Diskurs- und Qualitätsregeln auf. Erstens: Nur mit erarbeiteten und fundierten Ergebnissen Thesen und Kommentare setzen. Zweitens: Hinweise auf Augenhöhe geben und Verantwortung für eine zielorientierte Diskussion übernehmen.
Von den Lehrern erbaten sich die Schüler Zurückhaltung. Ihr Argument: Wir wollen uns in diesem Fall testen und zwar, ob wir in der Lage sind, eine Diskussion auf Qualität zu halten, ohne dass die Lehrer sich einmischen. So können wir beweisen, dass wir Verantwortung übernehmen.
„Schriftlich" versus „mündlich"
Das Abschlusspodium in Berlin forderten von den Diskutanten, in einem mündlichen Diskurs die Argumente zu verteidigen. Mit Hilfe eines unabhängigen Moderators stellten sie Argumente erneut in den Raum und damit zur Diskussion. Die Schüler erlebten sich in direkter Konfrontation mit den anderen. „Auf einmal war alles ganz anders. Die Gedanken schossen durch den Kopf und ich hatte Mühe meine Ruhe zu bewahren. Ich habe mich dann lieber nicht zu Wort gemeldet, weil ich dann vielleicht die Kontrolle verloren hätte“, berichtet eine Schülerin.
Das Web 2.0 bietet neue Freiräume, die Medien nicht nur zu Instrumenten organisierten Lernens machen, sondern den Jugendlichen Ausdrucks- und Artikulationsinstrumente ihrer eigenen Interessenslagen an die Hand geben. Diese Online-Diskussion ist ein Beispiel dafür, wie sich die Jugendlichen neue Handlungsmöglichkeiten erschließen und gleichzeitig die Lernkultur verändern. Fazit eines Schülers: „Das Projekt hat mir gezeigt, dass das Internet mehr Möglichkeiten zur vernetzten Kommunikation bietet als allgemein bekannt ist. Unsere Lehrer sollten sich öfter dazu entschließen, uns auf diese Weise zu fordern."
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