bildung+ Startseite Mediadaten Impressum Links Newsletter

Journal der Leipziger Buchmesse Lernraum Schule reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Unterricht

Lernen beim Helfen

Service Learning: ein neues Lehr- und Lernkonzept, das die Sozialkompetenz fördert

Julia Kerber

Kleine Kita-Kinder betreuen – gern auch solche mit Handicap: eine Möglichkeit für Service Learning, das „Lernen durch Engagement“

Service Learning heißt „Lernen durch Engagement“ und greift dort an, wo traditioneller Unterricht oft versagt: Es setzt Lehrinhalte in direkten Zusammenhang mit dem alltäglichen Leben und fordert gesellschaftliches Engagement. Erfahrungen werden auf allen Ebenen besprochen und verknüpft, sodass sich Inhalte besser einprägen und direkte Erfolgserlebnisse einstellen

Vormittagsunterricht in der 7. Klasse: Die Schüler behandeln in der Biologiestunde das Thema Nachhaltigkeit. Der Lehrer erklärt den Zusammenhang zwischen Umweltschutz und Forstwirtschaft.

Zwei Stunden später befindet sich die Gruppe im nahegelegenen Wald und hilft dem Förster, mit Unterstützung der NABU-Ortsgruppe eine neue Baumreihe anzulegen. Engagiert schwingen die Schülerinnen und Schüler die Schaufeln und bringen am Ende stolz Namensschilder an den jungen Bäumchen an. Lena hat offensichtlich Spaß an der Aktion: „Im Unterricht ist manchmal alles weit weg, aber hier sehe ich genau, was unser Lehrer gemeint hat.“

Die Kinder und Jugendlichen setzen sich für das Gemeinwohl ein, sei es im sozialen, ökologischen, politischen oder kulturellen Bereich. Das Motto des Projektes lautet: „Tu was für andere – und lern dabei!“ Service Learning ist eine Lehr- und Lernform, die die Sozialkompetenzen der Schülerinnen und Schüler fördert.

Zur Zeit beteiligen sich mehr als 100 Schulen aus 14 Bundesländern am Netzwerk Service-Learning. Regionale Partner unterstützen die Schulen bei der Umsetzung, beispielsweise Bürgerstiftungen oder Freiwilligenzentren.

Hauptförderer des Projektes ist die Freudenberger Stiftung, die das Netzwerk zusammenhält, und die Mitwirkenden bei Planung und Realisierung unterstützt. Hier können sich Schulen um eine Förderung bewerben.

Lernen durch Erklären

Der Lernerfolg ist nachweisbar am höchsten, wenn Schüler nicht nur Inhalte wiederholen, sondern sie selbst aktiv anderen erklären. Dafür bietet das Konzept des Service Learnings eine geeignete Plattform. Schüler besuchen zum Beispiel Kindergärten, um den jüngeren Kindern naturwissenschaftliche Experimente zu erklären, die sie im Physikunterricht besprochen haben.

Die direkte Verbindung von Unterrichtsstoff, praxisnahem Experiment und sozialem Engagement ist ein durchschlagender Erfolg, der den Schülern als gelebte Erfolgserlebnisse im Gedächtnis bleiben.

Auch in Altenpflegeheimen oder Bahnhofsmissionen zeigen die Schüler Einsatz. Wer im Seniorenheim aushilft, bearbeiten im Unterricht beispielsweise das Thema Demenz.

Wer in der Bahnhofsmission eingesetzt wird, behandelt Themen wie Altruismus oder Rationalismus im Deutsch- und Ethikunterricht.

Am Ende geht es stets darum, Verantwortung zu übernehmen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass man gebraucht wird – die Grundlage für selbstbestimmtes und soziales Handeln.

Empathiefähigkeit und Sozialkompetenzen steigern

Auch die Arbeit auf kommunalen Grünflächen bietet Lernanlässe zuhauf – eine schöne Ergänzung etwa für den Biologieunterricht

Anders als soziales Engagement außerhalb der Schule bietet Service Learning die Möglichkeit, die gemachten Erfahrungen zu reflektieren und in einen gesellschaftlichen und politischen Kontext einzuordnen.

Während sich junge Menschen bei Praktika oder Zivildienst oft allein gelassen fühlen, haben sie beim Service Learning die Gelegenheit, sich im Unterricht darüber auszutauschen. Das vertieft die Eindrücke und das Verständnis für andere Menschen. Außerdem ist die Motivation bedeutend größer, wenn die Schüler den direkten Zusammenhang zwischen Unterricht und Praxis sehen.

Abgesehen von den sozialen Kompetenzen, lernen die Schüler auch die praktische Lebensbewältigung. Das kann Orientierung sein, andere um Rat fragen oder einfach auf fremde Menschen zugehen.

Wer aus dem gewohnten Schulumfeld ausbricht, um sich in der Welt zu engagieren, kommt mit verschiedensten Menschen in Kontakt. Dies steigert die Empathiefähigkeit und lehrt den sicheren Umgang mit Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsklassen. Im besten Fall werden die Schüler weltoffener und toleranter.

Selbstwertgefühl entwickeln

Damit Service Learning optimal funktioniert, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Zunächst ist es wichtig, dass ein realer Bedarf besteht. Die Schüler müssen das Gefühl haben, tatsächlich gebraucht zu werden – demnach dürfen keine künstlichen Situationen oder „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ herbeigeführt werden. Deswegen werden die Schüler von Anfang an in das Projekt mit einbezogen. Sie überlegen gemeinsam, wo es in ihrer Stadt oder Gemeinde soziale Brennpunkte gibt und entwickeln ein Konzept, wie man den jeweiligen Verantwortlichen helfen kann. Das Selbstwertgefühl der Schüler steigt ungemein, wenn sie am Ende reale Erfolge sehen – und für ihr Engagement öffentlich gewürdigt werden.

Weitere Ziele sind in diesem Zusammenhang das Herausbilden einer politischen Identität und die Hilfe bei der Berufsfindung.

Aber nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer und die Gesamtheit einer Schule kann von dem Konzept Service Learning profitieren.

Dadurch, dass Lehrer gezwungen sind, sich fachübergreifend aufeinander abzustimmen, entsteht ein reger Austausch, gegenseitige Rücksichtnahme und tieferes Verständnis für die individuellen Stärken und Schwächen der Schüler.

Das Engagement in einer sozialen Einrichtung besteht zum Beispiel aus 20 Unterrichtsstunden, die auf ein Halbjahr verteilt sind. Diese strukturelle curriculare Anbindung wird offiziell als regulärer Unterricht anerkannt – und schließlich auch in den Zeugnissen lobend erwähnt.

Ebenso beteiligen sich viele Hochschulen inzwischen am Service Learning. Das Hochschulnetzwerk „Bildung durch Verantwortung“ fördert die praxisbezogene Durchführung der Seminarinhalte. Studenten der Pädagogischen Psychologie bieten etwa ein Lesetraining für Grundschüler an, während Studierende der Wärme- und Elektrotechnik Schulen beim Energiesparen beraten.

Service Learning soll dazu beitragen, junge Menschen zu verantwortungsvollen, vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft zu formen – Menschen, die bereits in jungen Jahren gelernt haben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht.

Weitere Informationen:

www.servicelearning.de

www.freudenbergstiftung.de

Unterricht

Extrawurst für alle?

Jedes Kind, jeder Erwachsene soll seinen Bedürfnissen entsprechend lernen. Was wie eine Utopie klingt, ist in den Schulgesetzen vie … mehr

Unterricht

Eine „BildungsBande“ gründen

Was ist Peer-Education? Der Kern des Projektes „BildungsBande“ ist das gemeinsame Lernen aus der Begegnung von Jugendlichen mit Kin … mehr

Unterricht

Form follows function

Geographie-Schulbücher sind oftmals wahre Material-Schatztruhen: Zwischen den Buchdeckeln steckt eine Unmenge von Fotos, Bildern, G … mehr

Unterricht

PILOT erweitert Angebot von „PILOT 4 School“

Anfang 2016 hat der Schreibgerätehersteller PILOT die Bildungskampagne „PILOT 4 School“ ins Leben gerufen und Lernmaterialien berei … mehr

Unterricht

Süß, aber fair

Was doch manchmal aus einem Unterrichtsprojekt so werden kann: Zunächst erforschten Schüler der Städtischen Realschule Waldbröl die … mehr

Unterricht

Mehr als Geld und gute Worte

Unter dem Motto „FAIRness macht Schule“ wurde in Nürnberg am 1. Juni 2016 der „Preis für Finanzielle Bildung“ verliehen. Mit dieser … mehr

Unterricht

Fluch des Kunststoffs

Bis zu 12,7 Millionen Tonnen Kunststoff landen jährlich im Meer, manche Schätzungen gehen von mehr als dem Doppelten aus, mit Folge … mehr