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Schule

Beschimpft, beleidigt, bedroht

Hate Speech: bedenklicher Trend an deutschen Schulen

Messe Stuttgart / didacta

Lehrkräfte werden in Schulen zunehmend Zeugen einer aggressiven und hasserfüllten Sprache. Diese richten Schüler nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen ihre Lehrerinnen und Lehrer. Experten sprechen sogar von einer generellen Verrohung im gesellschaftlichen Umgang

Dass der Schulhof ein hartes Pflaster sein kann, wissen die meisten aus ihrer eigenen Schulzeit: ein aufgeschürftes Knie, Gerangel um einen Platz auf der Bank oder demütigende Erfahrungen mit einem mobbenden Mitschüler. Doch was sich derzeit in deutschen Schulen abspielt, geht weit darüber hinaus. Knapp 60 Prozent der Lehrkräfte geben an, dass Gewalt an Schulen in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Harte Fälle von körperlicher Gewalt kommen zwar eher selten vor, psychische und verbale Angriffe finden dagegen häufig statt. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie, die der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) im November vorgestellt haben. Immer häufiger richtet sich die Gewalt gegen Lehrkräfte: Über die Hälfte von ihnen sagt, dass Lehrer ihrer Schule Opfer psychischer Gewalt geworden seien. Solche Angriffe äußerten sich in neun von zehn Fällen verbal; seltener über Dritte oder schriftlich. Und nicht nur Schüler beschimpfen, beleidigen oder bedrohen ihre Lehrer. Auch wenn Schüler meist Verursacher der Gewalt sind, wurde mehr als jede zweite betroffene Lehrkraft zudem von Eltern verbal angriffen.

Wandel der Lehrerrolle

„Alle an der Gesellschaft Beteiligten müssen Haltung gegen Gewalt jeglicher Art zeigen“, fordert die BLLV-Vorsitzende Simone Fleischmann

Für Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV, sind die Umfrageergebnisse ein Zeichen dafür, dass Kinder und Jugendliche mehr Orientierung brauchen: „Wenn Schüler Lehrkräfte ,blöde Kuh‘ oder ,Arschloch’ nennen, zeigt dies, dass die Grenze zur Autorität nicht mehr gefunden wird.“ Das äußere sich in einem hasserfüllten und grenzüberschreitenden Umgangston. „Gott sei Dank sind wir nicht mehr die bösen Lehrer mit erhobenem Zeigefinger, aber Kumpel der Kinder dürfen wir auch nicht sein. Als Autoritätsperson kann man Respekt erwarten“, sagt Fleischmann, die weiß, dass diese Gratwanderung gerade für junge Lehrkräfte schwierig ist. Auch, wo sie unterrichten, entscheidet über das Maß der Gewalt: Am häufigsten sehen Pädagogen an Förder- bzw. Sonderschulen und Grundschulen eine Zunahme der Gewalt, vergleichsweise am seltensten hingegen an Gymnasien. Fleischmann sorgt sich, „dass Kinder keine klaren Grenzen mehr finden. Grenzen, die Mitschüler, Eltern, Lehrer, Politiker und die gesamte Gesellschaft ihnen aber aufzeigen müssen“.

Schule als Spiegelbild der Gesellschaft

Wie wichtig Vorbilder sind, weiß auch Arzt und Psychotherapeut Prof. Joachim Bauer: „Kinder und Jugendliche suchen nach Modellen, an denen sie sich orientieren können.“ Der VBE Baden-Württemberg prangert an: Wenn in den Talent- und Talkshows der Privatsender, in Filmen und der Werbung eine Gossensprache mit Ausdrücken wie „Wichser“, „Spast“ und „Schlampe“ der normale Umgangston sei, verwundere es nicht, dass die Hemmschwelle für verbale Attacken sinke. Das gilt allerdings nicht nur für Verbales. Neurologe Bauer sieht zwischen aggressiver Sprache und aggressivem Verhalten einen engen Zusammenhang: „Sprache ist so etwas wie Probe-Handeln. Die Sprache testet aus, was geht und bereitet vor, was wir – oder andere – dann irgendwann auch tun.“

Cybermobbing

Das Austesten von Sprache und Grenzen findet immer häufiger auch im Internet statt. „Über soziale Medien lassen sich Trends enorm schnell verbreiten, auch Hass-Sprache. Hinzu kommt, dass man anonym auftreten kann, ohne für das, was man verbreitet hat, geradestehen zu müssen“, erklärt Bauer. Laut Umfrage des BLLV und VBE gehen fast 80 Prozent der befragten Lehrkräfte davon aus, dass Mobbing über das Internet gegen Lehrer in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Knapp ein Drittel kann von Cybermobbing-Fällen an der eigenen Schule berichten. Gerhard Brand, Vorsitzender des VBE Baden-Württemberg, meint: „Jemanden im Internet als Idiot zu bezeichnen gehört unter Jugendlichen fast schon zum guten Ton. Es gibt kein Korrektiv.“

Gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Um Gewalt jeglicher Art an Schulen keinen Raum zu geben, hat der BLLV das Manifest „Haltung zählt“ verfasst. Darin fordern Lehrkräfte, die Gesellschaft vor „Spaltung, Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Radikalisierung“ zu schützen. Das Manifest erhält prominente Unterstützung von Politik, Verbänden, Kirchen, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft. „Wir erwarten uns, dass alle an der Gesellschaft Beteiligten selbst Haltung zeigen und keine Grenzüberschreitungen zulassen“, erklärt BLLV-Präsidentin Fleischmann. So verpflichten sich die Unterstützer, das Manifest persönlich und innerhalb ihres Umfeldes aktiv zu unterstützen. Ein fairer Umgang miteinander, auch bei Konflikten, sei die Grundlage demokratischer Meinungsbildung, meint Fleischmann: „Das müssen Kinder lernen.“ Dass diese Forderung nicht nur die Schule, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft, bekräftigt auch VBE-Vorsitzender Brand. „Das ist etwas, das weit über den Rahmen Schule hinausgeht – auch die Politik ist gefordert.“ Zusätzlich müssen Eltern und Lehrer am gleichen Strang ziehen. „Eltern sollten frühzeitig Wert auf einen guten Umgangston ihrer Kinder legen, aber auch Lehrer haben einen Erziehungsauftrag“, sagt Brand.

Was Lehrer tun können

Nicht nur im direkten Kontakt in Klassenzimmer und Pausenhof nimmt die Brutalität zu – auch das Internet ist zu einer Plattform für verbale Gewalt und Psychoterror gegen Lehrer und Mitschüler geworden

Für Pädagogen gibt es verschiedene Möglichkeiten, aggressives Verhalten und Mobbing zu verhindern. Aus Sicht des Neurologen Bauer ist besonders der Perspektivwechsel entscheidend: „Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn ich von jemand anderem mit einer Sprache der Verachtung oder des Hasses angesprochen werde? Wie fühlt es sich an, wenn ich miterlebe, dass jemand, der mir nahesteht, so angesprochen wird? Dann wird schnell klar: Hass-Sprache produziert Hass und Gewalt.“ Der VBE-Vorsitzende Brand weiß, dass eine gemeinsame Vertrauensbasis von Lehrkräften und Schülern notwendig ist, um solche Perspektivwechsel in der Klasse durchzuspielen. „Schüler müssen aus Eigenreflexion heraus eine angemessene Sprache wählen und nicht weil der Lehrer sie bevormundet.“ Auch das Manifest des BLLV kann zu diesem Zweck genutzt werden, zum Beispiel als Diskussionsgrundlage in der gymnasialen Oberstufe. „Zusätzlich erarbeiten wir gerade weitere Materialien für Schüler“, erklärt Präsidentin Fleischmann. Hilfestellung für Lehrerinnen und Lehrer bieten aus Brands Sicht auch Fortbildungen zur konfliktfreien Kommunikation oder Deeskalationstrainings. Dass für Lehrkräfte in dem Bereich zu wenig angeboten wird, findet Brand und appelliert an die Politik, Lehrern mehr Zeit für Fortbildungen zu ermöglichen.

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