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Bildung

Die Archetypen in uns

Psychologische Facetten der Lehrerpersönlichkeit

Peter Maier

Der König – einer von vier Archetypen unserer Persönlichkeit

„Archetypen“ ist ein Begriff aus der Jungianischen Psychologie. Vereinfacht sind sie als „Seelenprägungen“ oder „Seelenfiguren“ zu bezeichnen. Der Etnologe und Psychologe Steven Foster (www.schooloflostborders.com) hat daraus vier fundamentale Archetypen herausgearbeitet – in einem „Lebensrad“, das unser Autor in Beziehung zur Lehrerpersönlichkeit setzt

Reichhaltig ist solches archetypisches Material im großen Schatz europäi-scher Märchen und Mythen zu finden. Foster hat die Archetypen in einem Kreis angeordnet, der zugleich als sogenanntes „Lebensrad“ die Ganzheit der menschlichen Persönlichkeit abbilden will: das „Kind“, den „Krieger“, den „König“ und den „Magier“. (Natürlich müssen diese Archetypen für die weibliche Psyche als „Kriegerin“, „Königin“ und „Magierin“ bezeichnet werden.) Diese Archetypenlehre kann als passendes Modell auch für die Bewusstmachung, Beschreibung und Deutung der Lehrerpersönlichkeit dienen. Auch für die Schülerpersönlichkeit ist dieses Modell anwendbar.

Der Süden: das (Innere) Kind

Als archetypische Figur gehört das „Kind“ in den Süden. Die Psychologie bezeichnet diesen Seelenaspekt auch als „Inneres Kind“. Ein Kind ist spontan, lebensfroh, natürlich, unbewusst, lebendig.

Man kann nur hoffen, dass jeder Pädagoge, egal, wie alt er ist, nicht nur rational, kontrollierend, nüchtern oder berechnend agiert und lebt, sondern sich ein Stück Kindheit bewahrt und sein „Inneres Kind“ stets zur Verfügung hat. Denn nur so kann er als Erwachsener auf die kindliche Ebene „switchen“, wenn es passend und im Unterricht notwendig ist. Er kann seine Schüler dort abholen, wo sie sich gerade geistig und vor allem emotional befinden und immer wieder spielerische Elemente in seinen Unterricht einbauen.

Der Westen: der Krieger

Als Archetyp wird im Modell des Lebensrades der „Krieger“ im Westen angesiedelt. Er ficht für uns die inneren und manchmal auch äußeren Kämpfe aus, kämpft – vor allem in uns selbst – mit Dämonen, Zauberern und bösen Drachen, die unsere eigene Schattenseite symbolisieren, um schließlich den Schatz oder den Gral zu finden oder eine Prinzessin zu befreien. Viele Märchen und Mythen handeln genau davon. Der Krieger ist in der Lage, eine nach einem psychischen Wachstumsprozess zu eng gewordene alte Haut abzustreifen und uns durch eine Metamorphose zu einer neuen Identität und Authentizität als nun Erwachsener zu geleiten.

Der Krieger ist nötig, wenn gerade in wilden Pubertätsklassen Grenzen gesetzt werden müssen. Hier benötigen die Schüler bisweilen Orientierung und klare Ansagen und kein zu „softes Säuseln“. Der Lehrer muss also jeder Zeit seine Kriegerkraft zur Verfügung haben, um sich den nötigen Respekt bei Schülern zu verschaffen.

Der Norden: der König

Kompass der Seele: das „Lebensrad“ noch Steven Foster

Im Norden des Lebensrades „wohnt“ der Archetyp des „Königs“ in uns, der mit Verantwortung, Umsicht und Würde handelt. Hier ist die mentale und systemische Ebene beheimatet. Beim König geht es um die Rolle des verantwortlichen, sorgenden und disziplinierten Erwachsenen in uns selbst. Jeder wirklich Erwachsene könnte daher als ein „König“ oder als „sein eigener König“ bezeichnet werden.

Zur Königsaufgabe des Lehrers gehört es, Fachunterricht zu erteilen, stets den Überblick über seine Klasse zu bewahren, schwächere Schüler zu fördern, Außenseiter mit einzubeziehen, Mitgefühl zu zeigen und bei der Persönlichkeitsentwicklung, Charakterbildung und Werteerziehung der Jugendlichen aktiv mitzuwirken.

Der Osten: der Magier

Der Pädagoge, Mentor und Autor Peter Maier beschäftigt sich seit Jahren mit den seelisch- psychologischen Aspekten des Lehrerberufs und der schulischen Bildung

Dem Osten schließlich ist die magisch-spirituelle Ebene im Menschen zugeordnet. Daher kann man hier den Archetyp des „Magiers“, den weisen Teil in unserer Seele, finden, der sich über das planende und ordnende Denken des Königs erhebt und darüber hinauswächst. Der Magier bringt das Unerwartete, Überraschende, Intuitive, Krea- tive und Spirituelle in unseren Alltag, der sonst allein durch den Verstand, also durch den König, dominiert wird.

Man kann den Lehrerberuf auf Dauer nur dann positiv gestalten, wenn man als Pädagoge in der Lage ist, seine Schüler – einem Magier gleich – immer wieder zu verzaubern: indem man ihnen seine Fächer begeisternd nahebringen, sie für Projekte motivieren oder für soziale Aufgaben gewinnen kann. (Auch die Rollen als Seelsorger und Psychologe möchte ich beim Magier ansiedeln, wenn besonderes Einfühlungsvermögen gefragt ist: wenn ein naher Angehöriger oder ein geliebtes Haustier der Schüler gestorben ist, die Eltern sich gerade getrennt haben oder schulische Misserfolge zu verkraften sind.)

Fazit

Mir als Lehrer hat das Wissen um die Archetypen der Lehrer- und Schülerpersönlichkeit als eine Art von supervisorischem Modell sehr geholfen, meine eigenen Rollen als Pädagoge besser zu beleuchten und zu verstehen, meinen Unterricht damit bewusster zu gestalten und flexibler auf die jeweilige Unterrichtssituation einzugehen. Mit dem Archetypen-Modell, das stets eine integrative Pädagogik im Blick hat, konnte ich der Ganzheit von Lehrer- und Schülerpersönlichkeit mehr gerecht werden.

Weitere Informationen:

www.initiation-erwachsenwerden.de

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