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Unterricht

Form follows function

Gestaltung beeinflusst Vermittlungsleistung von Schulbüchern

Hans-Peter Fischer / Klett Themendienst

Es gibt sie tatsächlich noch: Papierene Schulbücher, die Spaß machen und zum Lernen motivieren. Was bei den Schülern ankommt, hat der Verlag Ernst Klett untersucht – und nutzt die Erkenntnisse für ein neuartiges Layout

Geographie-Schulbücher sind oftmals wahre Material-Schatztruhen: Zwischen den Buchdeckeln steckt eine Unmenge von Fotos, Bildern, Grafiken, Tabellen – neben Texten zu den jeweiligen Themen. Mit solch einem Fundus müsse sich einfach gut lernen lassen, meinen viele Schulbuchmacher. Nicht automatisch, legt eine Studie nahe

Das Regenwaldfoto füllt fast die ganze Seite. Sattes tropisches Grün, exotische Pflanzen. „Ich dachte, da muss doch jeder Schüler hingucken“, sagt Christoph Rausch von Klett-Verlag. Mehr noch: Das Bild müsse genügen, um Schülern das Besondere des Lebensraums zu vermitteln: „Wir dachten, die Schüler müssten doch erkennen, dass der Regenwald zwar immergrün heißt, dass da aber auch ein paar Bäume stehen, die ihre Blätter abgeworfen haben.“

Schüler scheinen solche Buchseiten und angebotenes Bildmaterial jedoch anders wahrzunehmen: Oft beachten sie Fotos anfänglich kaum. Das zumindest ist eins der Ergebnisse von Yvonne Behnkes Untersuchung zu visuellen Qualitäten von Geographie-Schulbüchern. In ihrer Studie legte sie Jugendlichen verschiedene Schulbuchseiten zum tropischen Regenwald vor und zeichnete die Augenbewegungen auf, während die über 15-Jährigen die Seiten betrachteten. Fotos erwiesen sich nicht als Blickmagneten, stellte Behnke fest: „Wenn man sich das Alltagsleben von Schülern anschaut, von wie vielen Bildern sie umgeben sind, was ist da schon ein Bild in einem Schulbuch?“ Behnkes Daten lassen vielmehr den Schluss zu: Wenn Schüler ein Geographie-Schulbuch betrachten, verweilen sie am längsten bei den Texten.

Text bleibt wichtig

Dieser Untersuchungsbefund überrascht Schulbuchmacher Rausch, auch wenn er ihn erklärlich findet: Texte vermitteln handfeste Informationen zu einem Thema, deswegen suchen Jugendliche hier meist zuerst nach Erkenntnissen. Geschriebenes ist auch für Redakteur Rausch ein wichtiger Baustein beim Erstellen eines Buchs. Grundsätzlich setzen Schulbuchmacher auf einen Dreiklang: Texte, Materialien wie Bilder, Tabellen oder Karten, und schließlich Erschließungsaufgaben – „von dieser Trinität kommt man im Schulbuch nicht runter“. Allerdings finden sich in Geographieschulbüchern die unterschiedlichsten Seiten, so Rausch weiter: „Wir haben Motivations- oder Einstiegsseiten, wir haben Arbeitsseiten, über die Schüler Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben, und schließlich Sicherungsseiten, auf denen trainiert und zusammengefasst wird.“

Jeder Seitentyp verfolgt unterschiedliche Ziele und erfordert individuelle Gestaltung. Der Einstieg in einen thematischen Abschnitt soll Schüler begeistern, hier setzen die Redaktionen oft auf großformatige, ästhetische Abbildungen. Eine Arbeitsseite hingegen soll ein Thema inhaltlich vermitteln. Oft stützen sich solche Abschnitte auf Texte. Ein einziges Gestaltungskonzept für alle Seiten eines Buchs – das könne es gar nicht geben, sagt Christoph Rausch: „Die einzige unumstößliche Regel lautet: Form follows function.“

Neu erschlossenes Forschungsfeld

Welche Form den Lernerfolg allerdings befördert und welche eher nicht – bei dieser Frage bewegen sich die Schulbuchmacher aktuell oft auf unsicherem Terrain. Es gebe kaum Studien, die die Vermittlungsleistungen von Schulbuchseiten messen, so Rausch. Yvonne Behnkes Untersuchungen scheinen indes zu bestätigen, dass das Layout von Geographie-Schulbüchern tatsächlich einen Einfluss auf den Lernprozess hat. Bunte Bilder und didaktische Texte seien isoliert betrachtet nicht das Rezept, sagt Behnke: „Entscheidender ist, wie Bilder und Text verbunden werden. Es geht darum, Bilder und Texte so zu integrieren, dass Verständnisprozesse unterstützt werden. Darüber hinaus ist entscheidend, wie relevant der Inhalt ausgewählter Bildmaterialien für das zu bearbeitende Thema oder die zu lösende Aufgabe ist.“ Redaktionen sollten nicht zu sehr auf die Attraktivität einzelner Komponenten setzen: „Auch wenn etwas gut aussieht, muss es noch lange nicht funktionieren.“

Dennoch müsse das Layout gut aussehen, sagt Michael Hebestreit, Mediengestalter in der Klett-Geographie-Redaktion – schließlich müsse das Buch die Schüler überhaupt erst einmal optisch ansprechen. Doch wie die Untersuchung von Yvonne Behnke nahelege, müsse Gestaltung noch mehr leisten, sagt der Drucktechnik-Ingenieur: „Eine zentrale Frage ist: Wie führe ich junge Menschen durch das gesamte Buch? Die Struktur hinter einer Seite ist sehr wichtig.“

Weniger ist mehr

Das Redaktionsteam um Hebestreit und Rausch setzt auf zurückhaltende Gestaltung, nicht auf ein Feuerwerk aus Farben, Schrifttypen und Hintergründen: „Wir versuchen, so wenig Auszeichnungsebenen wie möglich zu nutzen“, sagt Hebestreit, „wir verzichten beispielsweise auf kursive Schriften, damit die Ebenen der Unterscheidung nicht überhandnehmen.“ Michael Hebestreit geht davon aus, dass Lesende maximal drei unterschiedliche Gestaltungsmerkmale unterscheiden – eine vierte wäre bereits eine Überforderung. Das gilt bei Schrifttypen, Aufzählungsformen oder strukturgebenden Farben. Die Seiten sollen überschaubar aussehen, einzelne Elemente klar erkennbar sein, Zusammenhänge sollen ins Auge springen.

Vor allem eins darf ein Schulbuchlayout nicht sein, sagt Yvonne Behnke: unklar. Zuerst sei zu prüfen, dass alle auf einer Seite dargebotenen Elemente und Inhalte auch wirklich das angestrebte Wissen, die angepeilten Kompetenzen vermitteln. Daneben sollten Schulbuchgestalter eine zentrale Frage im Auge behalten, so die Schulbuchforscherin und Kommunikationsdesignerin: „Wie helfe ich Schülern, Dinge, die zusammengehören, auch als zusammengehörig zu erkennen und miteinander zu verbinden?“ Dass Inhalte und Seitenelemente deutlich strukturiert sein müssen, um Schülern das Verstehen zu erleichtern – dem stimmt Schulbuchredakteur Rausch zu.

Behnke stellte fest: „Ob der Schüler das für den Lehrer ansprechende Foto betrachtet, hängt u. a. davon ab, ob eine Aufgabe ihn dazu auffordert und ob der Schüler die Relevanz des Bildes in Bezug auf die Aufgabenstellung erkennt. Denn dafür, wie viel Aufmerksamkeit ein Schüler einer Abbildung widmet, ist weder die Größe eines Fotos entscheidend noch die Anzahl der Abbildungen auf der Schulbuchseite.“

Rausch fühlt sich durch die Untersuchungsergebnisse von Frau Behnke bestätigt. Er verweist auf eine Seite, auf der ein großes Foto des tropischen Regenwaldes abgebildet ist. „Ohne Hinleitung sehen Schüler in dem Foto nur grüne Soße.“

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