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Schule

Vom Machtgedanken zur Begegnungskultur

Die wechselhafte Geschichte der Deutschen Auslandsschulen

Marc Hankmann

Deutsche Schulen im Ausland – hier im südafrikanischen Pretoria – waren einst Brückenköpfe der Kolonialmacht. Heute gelten sie als wichtige Player des Kultur-austauschs

Am 28. August 1857 stand eine kleine Anzeige in einer Zeitung in Montevideo, Uruguay, in der die deutsche Auslandsschule nach Schülern suchte – zu einer Zeit, in der die deutschen Auslandsschulen Spielball macht- politischen Kalküls waren. Heute gelten sie als Paradebeispiele für öffentlich-private Partnerschaften

Die erste deutsche Auslandsschule, die Domschule Reval in Estland, erhielt ihre Rechte im Jahr 1319. Die älteste noch bestehende Schule wurde 1575 in Kopenhagen gegründet. Damals richteten sich die Auslandsschulen an die deutschen Minderheiten in Nord-, Ost- und Südeuropa. Durch den aufkommenden Handel in den folgenden Jahrhunderten entstanden aber auch außerhalb Europas deutsche Schulen, vor allem im 19. Jahrhundert in Südamerika, aber auch im Süden Afrikas sowie in Ostasien. Die Reichsgründung 1871 verlieh dieser Entwicklung einen weiteren Schub. Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges existierten über 5.000 deutsche Auslandsschulen mit rund 360.000 Schülern.

Strukturen werden aufgebaut

Mit der Reichsgründung kamen die Schulen auch erstmalig in den Genuss einer staatlichen Förderung. Allerdings nicht ohne Hintergedanken, denn den politischen Führern des Kaiserreichs war durchaus bewusst, dass die deutschen Auslandsschulen Machteinfluss im jeweiligen Land bedeuteten. Im Rahmen eines Geheimdokuments aus dem Jahr 1914 warnt der Reichskanzler davor, die „Bestrebungen auf dem Gebiet des Auslandsschulwesens“ der Öffentlichkeit preiszugeben, da sowohl die jeweilige Regierung als auch andere Staaten, mit denen sich das Reich in einem kultupropagandistischem Wettbewerb sah, die Weiterentwicklung der deutschen Schulen verhindern könnten.

Gleichzeitig wurden jedoch auch die Grundlagen für eine strukturelle Unterstützung der Auslandsschulen geschaffen. Das Auswärtige Amt erhielt ein Schulreferat zur Betreuung der Deutschen Auslandsschulen durch Fachkräfte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zudem die ersten deutschen Lehrer im Ausland eingesetzt. Schüler mit erfolgreichem Abschluss wurden zum Studium an Hochschulen im Reich zugelassen. In der Weimarer Republik wurden die deutschen Auslandsschulen den innerdeutschen Gymnasien gleichgestellt.

Nach dem Ersten Weltkrieg lag das deutsche Auslandsschulwesen am Boden. Erst nach der Weltwirtschaftskrise 1923 und der damit einhergehenden Auswanderungsbewegung begann der Wiederaufbau. Die Nazis missbrauchten jedoch die Schulen im Ausland für ihre Propaganda. Sie erhöhten ihren Etat um mehr als das Doppelte. Auch die Zahl der deutschen Lehrer verzweifachte sich. Im Dritten Reich standen die Auslandsschulen außerhalb Deutschlands für den „Kampf um den deutschen Menschen und seinen Lebensraum“, wie Hans Schemm, Gründer und erster Reichsleiter des Nationalsozialistischen Lehrerbunds (NSLB), an die Auslandslehrer im März 1933 appellierte. Der Zweite Weltkrieg beendete jedoch die Auslandsschularbeit. Viele Einrichtungen wurden als Feindesschulen geschlossen oder umfunktioniert.

Neuanfang nach dem Krieg

Die Anfänge in der jungen Bundesrepublik waren mühsam. Gab es im Jahr 1930 über 1.500 Auslandsschulen, waren es 1954 nur noch 300. In den 1950er-Jahren wurde der Etat jedoch von anfänglich 600.000 auf 50 Millionen D-Mark im Jahr 1960 erhöht. Das politische Ziel: Kindern deutscher Herkunft sollte im Ausland eine deutsche Schulbildung mit deutschem Schulabschluss ermöglicht werden. In den 1960er-Jahren öffneten sich die Auslandsschulen aber immer mehr und entwickelten sich zu einem wichtigen Pfeiler deutscher Außen- und Kulturpolitik.

Um die zunehmenden Aufgaben rund um die deutschen Auslandsschulen zu bewältigen, wurde 1968 beim Auswärtigen Amt die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) ins Leben gerufen. Neben der Verwaltung ist die ZfA auch für die pädagogische und finanzielle Betreuung der Schulen zuständig.

Austausch mit anderen Kulturen

Mit dem 1978 von der Bundesregierung verabschiedeten Rahmenplan für die Auswärtige Politik im Schulwesen stand nicht mehr nur die Schulausbildung deutscher Kinder im Ausland im Mittelpunkt. Als zentrale Aufgabe der Auslandsschulen wurde im Rahmenplan auch die Begegnung mit den Menschen und der Kultur der Sitzländer festgelegt. Gleichzeitig intensivierte die ZfA die Förderung des Deutschunterrichts, unter anderem durch die Aus- und Weiterbildung ausländischer Deutschlehrer. Austauschprogramme, die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen sowie die Zunahme an Fremdsprachenunterricht sorgten dafür, dass die Zahl der deutschen Auslandsschulen weiter wuchs.

Dass die Öffnung der Auslandsschulen Früchte trägt, belegt allein schon die Tatsache, dass heute rund drei Viertel der 82.000 Schüler nicht deutscher Herkunft sind. Sie werden insgesamt an 141 Deutschen Auslandsschulen von 8.300 Lehrkräften unterrichtet. In über 70 Ländern existieren Deutsche Auslandsschulen, die den Austausch mit anderen Kulturen pflegen, die schulische Versorgung deutscher Kinder im Ausland gewährleisten sowie die deutsche Sprache fördern und den Studien- bzw. Wirtschaftsstandort Deutschland stärken.

„Die Erfolgsgeschichte der Deutschen Auslandsschulen ist weltweit einzigartig“, sagte 2012 der damalige Präsident der Kultusministerkonferenz Ties Rabe. Einmalig auch deshalb, weil sie als Beispiel für eine funktionierende öffentlich-private Partnerschaft gelten. Die Schulen werden von ehrenamtlichen Vorständen gegründet und geführt. Der Staat fördert sie zwar, aber die freien Träger erwirtschaften im Durchschnitt etwa 70 Prozent ihrer Schulhaushalte in Eigenverantwortung.

Reform des Auslandsschulwesens

Seit 2006 werden die Deutschen Auslandsschulen im Rahmen eines pädagogischen Qualitätsmanagements evaluiert, bei dem die jeweilige Schule nach 29 Kriterien, angefangen von der Persönlichkeitsbildung der Schüler über die Umsetzung des außerkulturpolitischen Auftrags bis hin zum Personalmanagement, überprüft wird.

Im Jahr 2011 beschlossen Bund und Länder ein Reformkonzept für das Auslandsschulwesen. Ein wesentlicher Punkt dieses Konzepts war das 2014 in Kraft getretene Auslandsschulgesetz, mit dem die Deutschen Auslandsschulen erstmals auf eine gesetzliche Grundlage gestellt wurden. Die Zuwendungen des Staats basierte bis dato auf freiwilligen Leistungen – mit allen Unwägbarkeiten.

Die im Gesetz festgelegten Förderverträge zwischen Schule und Auswärtigem Amt sehen die personelle und finanzielle Förderung über einen Zeitraum von drei Jahren vor. Außerdem werden fortan die finanziellen Zuwendungen als Budget gewährt, unabhängig von der wirtschaftlichen Eigenleistung des Schulträgers – ein Paradigmenwechsel für die Auslandsschulen, bedeutet das Gesetz doch mehr Planbarkeit und Gestaltungspielraum für den Umsetzung des Lehrplans und vor allem für die Begegnung mit Mensch und Kultur.

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