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Bildung

Weg mit alten Hüten

Phänomenunterricht statt klassischer Schulfächer in Finnland?

Julia Kerber

Ist der Kanon klassischer Unterrichtsfächer noch zeitgemäß? Finnland macht damit möglicherweise bald Schluss

Die Nachricht scheint überraschend im Schulwesen und in den Medien einzuschlagen. Schlagzeilen verkünden zur Zeit vollmundig die radikale Abschaffung der traditionellen Schulfächer in Finnland. Was steckt dahinter? Wie ist die praktische Umsetzung möglich? Und ist die neue Lernmethode tatsächlich so revolutionär?

Erste Stunde Mathe, dann Englisch, Geschichte und Bio, in der fünften und sechsten Stunde Kunst: Mit solchen, für uns völlig geläufigen Strukturen soll es in Finnland angeblich bis 2020 ein Ende haben. Anstelle des festgelegten Fächerkanons treten sogenannte „Phänomene“. Im Klartext bedeutet das fächerübergreifend Lernen: In Zukunft sollen sich Schülerinnen und Schüler Themen und Ereignisse interdisziplinär erarbeiten.

Neues Modell „Phänomenunterricht“

An Projektschulen der Hauptstadt Helsinki wird dies seit einiger Zeit praktisch getestet. Im Mittelpunkt steht dabei, dass sich die Lernenden Wissen selbst aneignen, statt Fakten zu pauken. Eigene Interessen finden Raum. Die Idee ist, sich einem Thema bzw. einem Phänomen universell zu nähern, statt einzelne Fächer separat zu unterrichtet.

Themenblöcke wie „Die Europäische Union“, „Klimawandel“, „Unsere Hauptstadt Helsinki“ oder – für Finnland brandaktuell – „100 Jahre finnische Unabhängigkeit“ sind typische Beispiele für das neue Modell. Die Schülerinnen und Schüler betrachten die- se Inhalte interdisziplinär aus vielfältigen Perspektiven: Politische, wirtschaftliche, historische und geografische Aspekte fließen in den Lernprozess ein, genauso wie (Fremd-)Sprachen, Musik, Kunst und Literatur.

Ganzheitliche Fähigkeiten statt Schubladendenken

Zahlreiche Bildungsexperten nicht nur in Finnland sind überzeugt, dass das Faktenlernen innerhalb festgelegter Schulfächer dazu führe, Kinder und Jugendliche nicht ausreichend genug mit notwendigen Fähigkeiten für ihre Zukunft vorzubereiten. Mit einem eingeschränkten Schubladenwissen könnten heutzutage die Herausforderungen einer sich schnell verändernden Umwelt nicht mehr bestritten werden. Wichtiger sei das Erlernen von sogenannten Softskills, wie Kommunikationsfähigkeiten, sich mit einem komplexen Thema eigenständig auseinanderzusetzen, und weitgefächerte Zusammenhänge zu erkennen und zu erforschen.

So soll den Schülern vermittelt werden, dass sie selbst „die Hüter des eigenen Lernens“ sind, wie ein Lehrer an einer Schule in Helsinki erklärt: Die Schüler sollen sich Fähigkeiten erarbeiten, denn: „Das Leben ist nicht nur Mathe, Physik und andere Unterrichtsfächer, sondern es besteht aus ganzheitlichen Vorgängen.“

Finnland voraus

Ein Land mit ohnehin führendem Schulsystem und hervorragenden Ergebnissen in internationalen Vergleichsstudien wie z. B. PISA übernimmt einmal mehr die Vorreiterrolle.

Warum ist da zum wiederholten Male in Finnlands aktiver Schulreformgeschichte ein neues Modell überhaupt notwendig? „Viele Schulen unterrichten immer noch ganz altmodisch, so wie es Anfang des 19. Jahrhunderts gängig und erfolgreich war“, erläutert Dr. Marjo Kyllönen, die Leiterin der Bildungsbehörde in Helsinki. „Aber die Bedürfnisse sind heute nicht mehr dieselben. Wir brauchen ein Konzept, das ins 21. Jahrhundert passt.“ Sie entwickelte aufbauend auf ihrer Doktorarbeit das Rahmenprogramm und Konzept für eine „Schule der Zukunft“.

Pasi Silander, zuständig für Stadtentwicklung in Helsinki, erklärt: „Wir brauchen eine andere Art von Bildung, um Menschen auf das Arbeitsleben vorzubereiten. Junge Leute benutzen hochentwickelte Computer. Wir müssen daher einige Veränderungen im Bildungswesen vornehmen, die für Industrie und moderne Gesellschaft nötig sind.“

Große Aufregung

Ein Artikel im britischen Magazin „The Independent“ brachte eine rege Debatte in Medien, Internet und Bildungswelt ins Rollen. Von der „radikalen Abschaffung“ sämtlicher Schulfächer ist die Rede. Von einem revolutionären Reformprogramm, das das gesamte System Schule auf den Kopf stellen könnte. Doch die genauere Recherche lässt erkennen, dass übertriebene Informationen auf Spekulationen oder Missverständnissen beruhen und die Neuerungen nicht von epochaler Breite sind, sondern zunächst einmal einer schritt- und teilweisen Umgestaltung auf Modellbasis entsprechen:

Der finnische Bildungsexperte Pasi Sahlberg stellte nach dem Erscheinen jenes Artikels klar, dass die klassischen Schulfächer nicht per se abgeschafft würden:

Weiterhin werde auch im traditionellen Sinne Geschichte, Kunst und Mathematik unterrichtet werden. Die Reform, bei der es darum geht, mehr interdisziplinär nach Themenfeldern zu unterrichtet, werde nicht alle anderen Fächer ersetzen. Das neue Konzept werde zunächst jeweils für einige Wochen in den bestehenden Lehrplan integriert.

Stand der Dinge

Holistische Unterrichtsmethoden sind nicht neu für Finnland: Bereits seit den 1980er- Jahren wird nach einem eher ganzheitlich geprägten Ansatz unterrichtet. Den neuen „Phänomenunterricht“ praktizieren nun die Oberstufen einiger Schulen in der Hauptstadt Helsinki für Schülerinnen und Schülern ab 16 Jahren. Das Reformprogramm soll dann in einem kontinuierlichen Prozess bis zum Jahr 2020 auf Grund- und Mittelstufe übertragen werden.

Im Zuge der Schulreform wurden unter anderem auch 60.000 Schüler befragt. Diese waren zwar zufrieden mit dem System, wollten aber mehr aktive Teilnahme an ihrem Lernen und am Unterricht, schreibt das Magazin „Spiegel“.

Die ersten Erhebungen der teilnehmenden Modellschulen zeigen bereits, dass die Schüler von der neuen Art des „cross-learnings“ profitieren. Über 70 Prozent der Lehrerschaft von Sekundarschulen haben bereits ein spezielles Training der Methode durchlaufen.

Zukunft für Deutschland?

Eine eher interdisziplinäre, themenorientierte Bildungsmethode würde auch von vielen Schulerneuerern in Deutschland begrüßt.Die meisten Bildungsexperten sind sich einig, dass es Ziel der Schulbildung sein sollte, den Charakter zu formen, Kommunikationsfähigkeiten zu vermitteln und auf reale Arbeitswelten vorzubereiten. Einseitiges und zergliedertes Lernen für einen Test ist daher weniger sinnvoll und für die Anforderungen der heutigen Zeit nicht mehr ausreichend.

Statt zentralisierter Bildung und Vereinheitlichung steht nun wieder Individualisierung im Fokus: Dem Lernen eine individuelle Note geben, heißt es. Schülerinnen und Schüler in Finnland würden von einem „lokalen Touch“ profitieren. Dies fördere außerdem die regionale Vielfalt.

Nach dieser Theorie müssten wir das zentralisierte bundesweite Abitur hierzulande und auch die gerade erst stattgefundene Umgestaltung von Diplom bzw. Magister zu Bachelor und Master als rückwärtsgewandte Entwicklung interpretieren.

Und die standardisierte Lehr- und Testmethode Multiple Choice, also ein reines Ankreuzverfahren, wie wir es vornehmlich aus der Führerscheinprüfung kennen, ist als Lernmethode unter Experten schon lange umstritten. Das könnte auch das allgemein eher niedrige Bildungsniveau in den USA erklären.

Verfechter von eher interessen- und themen-orientieren Lehransätzen wie wir sie zum Beispiel aus der Reformpädagogik kennen, dürften sich von der neuen Entwicklung bestätigt fühlen. Schon die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori entwickelte mit einer Gruppe von Bildungsexperten ab 1907 das Montessori-Schulkonzept, in dem das Kind als „Baumeister seines Selbst“ im Mittelpunkt eines offenen Unterrichts steht. Der Grundgedanke „Hilf mir, es selbst zu tun“ spiegelt sich in den nun favorisierten Lernmethoden des neuen finnischen Reformmodells ebenfalls wider. Individuelles Lernen in Kleingruppen statt Frontalunterricht spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Ob und welchen Einfluss der finnische „Phänomenunterricht“ nun auf die Bildungswelt haben wird, ist abzuwarten. Zukunftsorientierte Aspekte einer interdisziplinären Lernmethode sollten auf jeden Fall alle Beteiligten am Bildungsprozess beschäftigen.

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