bildung+ Startseite Mediadaten Datenschutzhinweise Impressum Links

Journal der Leipziger Buchmesse Referendare reisen Lernen science bildungSPEZIAL medien

Unterricht

Guter Unterricht braucht Beziehungen

Psychospiele – „Ich will dich manipulieren!“

Marcus Damm

Menschen brauchen Beziehungen, auch oder gerade im Klassenraum. Ist die Beziehung zwischen Lehrkraft und (einzelnen) Schülerinnen und Schülern (SuS) gestört, sind Probleme unvermeidlich. Die sogenannte Schema­pädagogik bietet zwar keine fertigen Lösungen oder Rezepte für jedwede Unterrichtsstörung, die Praktiken und Arbeitsmaterialien können jedoch helfen, typische Kommunikations-Teufelskreise und störende Psychospiele zu durchschauen und besser zu handhaben.

Der Begriff Psychospiele ist in der Alltagssprache geläufig und auch im Kontext Schule präsent, etwa wenn es sinngemäß einmal im Klassenraum heißt: „Leon, lass das! Spiel keine Spielchen mit mir!“

Sehr umfassend und tiefgründig nimmt sich das psychotherapeutische Verfahren Transaktionsanalyse (Berne 2005) diesen besonderen Interaktionsmustern an. Sachse (2010) hat sich weiterführend mit ihnen auseinandergesetzt. Im Folgenden sprechen wir fachgemäß von Psychospielen im Klassenraum, um der tiefenpsychologischen Dynamik solcher Arrangements gerecht zu werden.

Es handelt sich in solchen Fällen um hochmanipulative Interaktionsstrategien, die stets nach demselben Muster ablaufen (Sachse 2014), quasi die Königsdisziplin der Manipulation. Sie werden aktiv inszeniert vom Spieler. Der Interaktionspartner spielt unfreiwillig, genauer gesagt schemagetrieben, mit. Psychospiele sind aber nicht nur Schülersache. Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens eigene entsprechende Strategien durch Versuch und Irrtum entworfen, um Interaktionspartner zu einer erwünschten zwischenmenschlichen Reaktion zu animieren. Es geht immer um die Erfüllung von Grundbedürfnissen!

Auch Lehrer praktizieren solche Strategien. Es schadet nicht, sich einmal seiner eigenen Psychospielkultur zu stellen. Im Praxis­feld Schule finden wir eine Anhäufung von typischen Psychospielarten seitens der Schülerschaft vor. Es ist im Rahmen schema­pädagogischen Denkens unumgänglich, diese zu kennen und direkt mit ihnen effizient im Klassenraum arbeiten zu können. Dafür müssen sie der Lehrkraft aber vor allem inhaltlich präsent sein.

Nach meiner Erfahrung gibt es einen wahren Psychospiel-Klassiker, auf den viele Lehrkräfte jedes Mal aufs Neue hereinfallen. Und der geht so: Beim sogenannten Arrangement „Versetz mir eins“ (Rautenberg/Rogoll 2001) offenbart ein Teenager im Unterricht typischerweise folgendes Verhalten (nur eine unter sehr vielen Varianten): Zu Beginn der Stunde stört er tröpfchenweise und erst unscheinbar den Ablauf, so, als würden sich die Unterrichtsstörungen ganz zufällig und ohne Absicht ergeben: „Wieso sollen wir das jetzt abschreiben? Ist das wichtig?“ bzw. „Ist Ihre Hose neu, die hat ja schon zwei Löcher!“

Die anderen SuS folgen gespannt dem Geschehen. Erwartungsgemäß wird der Spieler von der Lehrkraft dann kurz und knapp ermahnt bzw. zurechtgewiesen. Was sollte sie auch sonst anderes tun, sie muss ja reagieren: „Leon, konzentriere dich bitte!“

Der Heranwachsende versichert nun, dass er ab jetzt voll und ganz am Unterricht aktiv teilnehmen wird: „Alles klar! Easy. Chillen Sie Ihre Base!“ Wenig später nimmt er jedoch sichtlich unbeeindruckt wieder das Projekt „Versetz mir eins“ auf – nur noch kreativer bzw. provokanter. „Sorry, ja, mein Handy klingelt gerade, ich weiß! Na und! Ich hatte vergessen, es auszuschalten! WAS KANN ICH DENN DAFÜR?“

Wieder ermahnt die Lehrkraft den Schüler. „Will der mich aufziehen?“, denkt sie sich jetzt. Recht hat sie im Prinzip. Das Spiel geht eine Zeit lang so weiter, wobei der emo­tionale Stress seitens der Lehrkraft schrittweise ansteigt: „Ihr Tafelschriftbild sieht aus wie von nem Behinderten gemalt!“ Zwei Minuten später dann: „Gehen wir danach in der Pause zusammen noch eine Kippe rauchen?“ Entsprechende Reaktionen mit Androhungscharakter seitens der Lehrkraft erfolgen in diesem Stadium bereits auf höherer Ebene. Das Stressniveau steigt. Am Ende des Geplänkels, kurz vor der Pause, wird der Spieler dann endlich rausgeworfen. Aber nicht einfach so. In Zeitlupe packt er seine Sachen zusammen und geht langsam, aber lächelnd, aus dem Saal und zwinkert dabei einigen seiner Mitschüler zu. Die nicken einvernehmlich. Man versteht sich. Die restliche Klasse insgesamt ist sichtlich amüsiert. Es fand in dieser Doppelstunde wenig Unterricht statt.

Ein weiteres Fazit: Die Lehrkraft geht stark gestresst in die Pause. Und von dort aus in die nächste Doppelstunde. Nicht selten findet ein solches (oder ähnliche) Geplänkel regelmäßig in Klassenzimmern statt. Grund: Weil Lehrkräfte mitspielen, ohne es zu merken! Sie sind sozusagen bereits ab Start mittendrin im Spiel. Schemapädagogisch gesprochen: in einer typischen Modus­aktivierung. Für den Jugendlichen gilt das in der Regel auch. Der Schüler offenbart während eines Spiels wie erwähnt den „Manipu­lierer-Modus“, die Lehrkraft den Ich-Zustand „sanktionierende Eltern“. Wie gesagt: ein Klassiker.

Vor Publikum sieht so ein Prozedere aus Sicht der Heranwachsenden sehr ansehnlich aus. Es ist gewissermaßen eine willkommene Abwechslung. Für die Lehrkraft bedeutet das nichts anderes als hoch­gradigen Stress auf der Beziehungs­ebene. Erfahrungsgemäß ist es sehr schwierig, Psychospiele, die sich bereits etabliert haben, konstruktiv zu bearbeiten. Grund: Die Lehrkraft hat es ausgiebig versäumt, auf die Psychospiel-Vorboten (Tests) professionell einzugehen. Dann ist es schon fast zu spät. Dennoch sind folgende grundsätzliche Gegen­strategien denkbar, die bei zukünftigen Spieleröffnungen empathisch-konfrontativ kommuniziert werden können:

  • Das Spiel als solches direkt ansprechen und aufdecken („Leon, du willst mit deiner Show hier gerade negative Aufmerksamkeit provozieren – und wie das Ganze letztlich ausgeht, weißt du auch! Also, lass es!“).
  • Den weiteren Spielverlauf vorwegnehmen („Leon, die Nummer hier langweilt nicht nur mich! In zwei Minuten kommt der Spruch mit meiner Hose, zehn Minuten später klingelt dein Handy! Ich lass dir aber noch eine Chance, hier am Unterricht teilzunehmen!“).
  • Den Spieler mit den Kosten seines Verhaltens konfrontieren („Leon, wenn du deine Kreativität für Psychospiele mal in die Mitarbeit investieren würdest, könnte ich dir locker ne 2 geben! Clever genug biste allemal!“).
  • Den Spieler als Person wertschätzen und Verhaltensalternativen einfordern („Leon, du hast es echt drauf, Lehrer an die Wand fahren zu lassen. Das haste zu Genüge bewiesen. Das wissen wir alle. Was kannste mir anbieten, damit ich dir mal bessere Zensuren geben kann? Wäre sonst schade! Spul mal fünf Jahre vor! Wie stehst du dann da?“).

Es gibt gerade bei dieser Interaktions­strategie pädagogische Grenzen. Sobald sich ein Heranwachsender auf eine bestimmte Lehrkraft erfolgreich eingeschossen hat, ist seine Macht schon sehr ansehnlich. Er oder sie weiß sehr genau, wie er seine Lehrkraft auf 180 bringt, es müssen nur die richtigen Knöpfe gedrückt werden.

Populäre Psychospiele im Klassenraum

Name des Psychospiels Merkmale
Mords-Molly

Ein Angeberspiel. Der Schüler provoziert, indem er eine Klassenregel offen bricht bzw. plump oder einfallsreich den Unterricht stört. Er geht einen Machtkampf mit der Lehrkraft ein, findet sich toll, positiv, unerreichbar. Jegliche Kritik oder ein etwaiger Appell an den gesunden Menschen­verstand prallt ab. Der Jugendliche wirkt währenddessen sehr extro­vertiert und kann gut austeilen und noch besser kontern.

Kardinalfehler von Lehrkräften: diskutieren bzw. den Spieler mit dem Sieg davonkommen lassen!

Unterhaltsam sein

Sich selbst und aktuelle Themen oder Vorfälle (müssen nicht wahr sein) so präsentieren, dass andere in den Bann gezogen werden (Entertainment!). Ein Feuerwerk wird abgebrannt.

Ziel: Aufmerksamkeit.

Kardinalfehler von Lehrkräften: dem Spieler zu viel Interesse und Zeit entgegenbringen!

Distanz halten

Bei wichtigen schulischen Angelegenheiten, etwa mündlichen Prüfungen bzw. Notenbesprechungen, wenig bis nicht reagieren oder sich ex­trem wortkarg geben. Emotionale Oberflächlichkeit. Keine eigenen Beiträge. Kein Blickkontakt, Luftlöcher starren, demonstrativ gelangweilt wirken. Dabei aber eine (aufgesetzte) klar erkennbare Höflichkeit mitschwingen lassen (= Doppelbotschaft).

Ziel: Kontaktvermeidung.

Kardinalfehler von Lehrkräften: empathisch die Gründe für die Verhaltensweisen des Schülers herausfinden und ihn retten wollen!

Armes Schwein

Dieses Spiel ist hochmanipulativ. Die Person offenbart sich als stark pro­blembeladen. Sie leidet. Hilflosigkeit wird vermittelt. Zentrales Element ist das Jammern. Die anderen sollen sich um den Spieler kümmern, Verantwortung übernehmen, ihn verstehen, bemitleiden, entlasten(!).

Kardinalfehler von Lehrkräften: zu lange zuhören und Hilfsangebote machen!

Opfer der Umstände oder anderer Personen

Zentrales Ziel: Verantwortung abgeben. Außerdem will der Spieler um jeden Preis vermeiden, dass er für eine Verfehlung, Unterrichtsstörung (Verspätung usw.), ein Scheitern, falsches Handeln usw. verantwortlich gemacht werden kann. Entsprechend konnte er hier und da einfach nichts dafür, weil die Umstände bzw. andere Personen letztlich verantwortlich waren: „Mein Zug kam nicht, was kann ich dafür?“

Auch sehr beliebt sind blöde Zufälle. Weiteres Ziel: sich gewissensmäßig aus dem Staub machen wollen: „Ich kann die Ausarbeitung heute nicht abgeben! Hallo! Ich habe keinen Computer! Was hätte ich denn machen sollen?“

Kardinalfehler von Lehrkräften: diskutieren und an den gesunden Menschenverstand appellieren wollen!

Unterricht

Studierende adoptieren eine Schule

Lehrkräften fehlt im Alltag oft die Zeit, sich über neue Konzepte und die Entwicklung ihrer Schule Gedanken zu machen. Studierende … mehr

Unterricht

Gute Beispiele machen Schule

Ein Wechsel der Perspektive bringt oft neue Einsichten – und stärkt das Verständnis für die „andere Seite“. An der Evangelischen Sc … mehr