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Unterricht

Studierende adoptieren eine Schule

Komplexe Aufgaben im Praktikum erleichtern Berufseinstieg

Eva Walitzek

Die Adoptionswoche startet mit der symbolischen Schlüsselübergabe an die kommissarische Schulleiterin

Lehrkräften fehlt im Alltag oft die Zeit, sich über neue Konzepte und die Entwicklung ihrer Schule Gedanken zu machen. Studierende klagen dagegen über zu wenig Praxis. Wenn Studierende eine Schule „adoptieren“ und für eine Woche Unterricht und Verantwortung übernehmen, profitieren alle Beteiligten. Der folgende Beitrag informiert über zwei Projekte.

In Skandinavien gibt es Schuladoptionen schon seit den 1970er-Jahren; Wolfgang Schulz vom Zentrum für Lehrerinnen- und Lehrerbildung an der Europa-Universität Flensburg (EUF) hat die Idee nach Deutschland importiert und das Projekt „Schuladoption – Studierende machen Schule!“ initiiert.

Einblick in den Lehreralltag

Seit 2014 können Lehramtsstudierende an der Uni Flensburg ihr zehnwöchiges Praxissemester im Rahmen des Masterstudiums an einer für die Schuladoption ausgewählten Grundschule absolvieren.

„Wir haben in jedem Jahr doppelt so viele Bewerbungen wie Plätze, obwohl die Arbeitsbelastung deutlich höher ist als im normalen Praxissemester“, erklärt Projekt­leiterin Johanna Gosch.

Für das Praktikum an einer Adoptions­schule werden etwa 20 Studierende ausgewählt. Ein Auswahlkriterium sind die Studien­fächer. „In der Adoptions­woche wird Unterricht nach Plan erteilt. Die Studierenden sollen möglichst wenig fachfremd unterrichten“, sagt Johanna Gosch.

Die Vorbereitung auf das Praxissemester beginnt für die Adoptionsschule bereits ein Jahr vor dem Praktikum mit der Bewerbung und den dafür notwendigen Einverständniserklärungen. Für die Studierenden starten die Vorbereitungen etwa ein halbes Jahr vor der Praxisphase. In einem Begleit­seminar lernen sie die für die Adoption ausgewählte Schule, typische Abläufe an der Schule sowie die Schülerinnen und Schüler kennen. Außerdem beschäftigen sie sich intensiv mit dem Thema Schulrecht. Auch in den ersten Praktikumswochen werden die Studierenden von den betreuenden Lehrkräften stärker als „normale“ Praktikantinnen und Praktikanten in die Prozesse des Schul­alltags eingewiesen.

Das ist nötig, denn etwa in der Mitte des Praktikums übernehmen sie für eine Woche die Verantwortung für die ganze Schule. „Sie unterrichten die Klassen in Zweierteams. Außerdem tun sie all das, was neben dem Unterrichten zum Lehreralltag gehört: Sie beaufsichtigen die Kinder vor der Schule und in den Pausen, stellen Vertretungs­pläne auf und führen, wenn nötig, Gespräche mit den Eltern“, beschreibt Johanna Gosch die Aufgaben. „Und sie müssen natürlich auch wissen, welches Kind in welchen Bus steigen muss und was zu tun ist, wenn ein Kind plötzlich krank wird.“

Zeit für Schulentwicklung

Schulentwicklung mit Design Thinking bringt das Kollegium auf neue Ideen

Das Stammkollegium nimmt in der „geschenkten“ Zeit an einer Fortbildung teil und befasst sich mit der Entwicklung der Schule, zum Beispiel damit, wie der MINT-Bereich verstärkt oder die Inklusion verbessert werden kann.

„Die Lehrerinnen und Lehrer hospitieren drei Tage lang an Schulen, die diese Ideen bereits umsetzen, und besprechen dann in den verbleibenden zwei Tagen, was an der eigenen Schule wie verwirklicht werden kann“, sagt die Projektleiterin.

Während der Abwesenheit der „richtigen“ Lehrkräfte sind die Studentinnen und Studenten nicht sich selbst überlassen. Formal wird die Schule in der Adoptionswoche kommissarisch vom Schulleiter einer Nachbarschule geleitet. Das Projektteam vom Zentrum für Lehrerinnen- und Lehrerbildung (ZfL) begleitet die Adoptionswoche und betreut die Studierenden intensiv. Neben Unterrichtsbesuchen findet täglich nach dem Unterricht eine Reflexionsrunde statt, in der die Studierenden über ihre Erfahrungen am Vormittag sprechen und sie aufarbeiten können. Videomitschnitte vom Unterricht helfen, Fehler, aber auch Positives zu erkennen. Rechtliche Fragen werden in der Runde ebenfalls besprochen.

Ausweitung geplant

„Für die Studierenden ist das eine neue, wichtige Erfahrung. Sie lernen viel in dieser Zeit und übernehmen schon im Praxis­semester komplexe Aufgaben, auf die sie im Studium kaum vorbereitet werden. So können sie beim Berufseinstieg besser damit umgehen“, weiß Johanna Gosch.

Auch die übrigen Lehramtsstudierenden an der EUF profitieren von der Schuladoption: Die Erkenntnisse und Erfahrungen werden wissenschaftlich ausgewertet und fließen in die Lehrerausbildung ein.

Bislang waren die Schuladoptionen auf Grundschulen beschränkt. Doch das soll sich ändern: „Eine Ausweitung auf Gemeinschaftsschulen ist für 2019/20 geplant. Dabei wird es eine Teiladoption der fünften und sechsten Klassen geben, da die Gemeinschafts­schulen zu groß sind, um von Studierenden als Ganzes ‚adoptiert‘ zu werden“, berichtet Johanna Gosch.

Das Interesse an dem erfolgreichen Projekt ist auch außerhalb Schleswig-Holsteins groß. „Wir haben Anfragen von verschiedenen Unis nicht nur aus Deutschland, die sich über unser Konzept informieren möchten. In diesem Jahr erwarten wir in der Adoptionswoche Besuch aus Norwegen, Dänemark, Russland und von der PH Weingarten, die ebenfalls Schuladoptionen durchführt. Aus Österreich kommen Vertreter der PH Steiermark in Graz, die überlegen, ob sie dieses Praktikumsformat auch übernehmen können“, so Johanna Gosch.

Studentische Initiative: Let’s play Schule

Auch Dorothea Doerr, Studentin der Bildungswissenschaften an der Freien Universität Berlin und Initiatorin des Projekts „Let‘s play Schule“, hat sich an der EUF orientiert. Was in Flensburg ins Studium integriert ist, wissenschaftlich begleitet und evaluiert wird, organisieren die Studierenden vom Verein Kreidestaub e. V. in Eigenregie. Weil die ersten Projekte so erfolgreich waren, begleiten inzwischen drei Masterstudentinnen des Fachs Bildungswissenschaften die Schuladoptionen wissenschaftlich und betreuen die Lehramtsstudierenden während der Adoptionswoche. „Auf diese Weise können auch sie praktische Erfahrungen sammeln“, erklärt Dorothea Doerr.

Projektwoche statt regulärem Unterricht

Projekt- statt Matheunterricht. In der Adoptionswoche in Borkum stand nachhaltige Entwicklung auf dem Stundenplan

Damit die Lehrkräfte Zeit haben, um über mögliche Veränderungen nachzudenken und einen Blick über den Tellerrand der eigenen Schule zu werfen, übernehmen auch die Lehramtsstudierenden von der Freien Universität Berlin für eine Woche den Unterricht an der ausgewählten Adoptions­schule. Weil sie aber nur in dieser Woche an der Schule sind, findet kein normaler Unterricht, sondern eine Projektwoche statt. Dabei geht es um das Thema Nachhaltigkeit.

„Ein durch Studierende entwickeltes Projekt für die Adoptionswoche an der Grundschule in Borkum stand unter dem Motto ‚dem Abfall auf der Spur‘“, berichtet Dorothea Doerr. „Die Kinder beschäftigten sich beispielsweise mit der Frage, wo der Abfall auf der Insel landet. Auch Meeresverschmutzung und Konsum waren Themen.“

Dass Unterrichten und „Schule machen“ kein Kinderspiel ist, merken die Lehramtsstudierenden, wenn sie allein vor der Klasse stehen. „Manche bekommen einen Praxisschock“, weiß Dorothea Doerr. Deshalb ist es wichtig, dass die Erfahrungen aus den Unterrichtsstunden in der Gruppe aufgearbeitet und reflektiert werden.

Win-win-win-win-Situation

Auch wenn nicht alle sorgfältig ausgearbeiteten Konzepte auf Anhieb funktionieren, fällt die Bilanz positiv aus. „Es ist eine Win-win-win-win-Situation“, urteilt Dorothea Doerr: Lehramtsstudierende können den Lehreralltag kennenlernen, ihr fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Wissen anwenden, neue Unterrichtsformen erproben, im Team unterrichten und sich gegenseitig beraten. Angehende Bildungsforscherinnen und -forscher bekommen praktische Ein­blicke in den Bereich Schule, arbeiten mit angehenden Lehrkräften zusammen und führen ein eigenes wissenschaftliches Forschungs­projekt durch. Die Lehrkräfte haben Zeit, sich mit dem gesamten Kollegium mit Themen wie nachhaltige Entwicklung, Inklusion oder Digitalisierung zu beschäftigen. „Diese Themen können nicht zwischen Tür und Angel behandelt werden“, weiß Dorothea Doerr. Nicht zuletzt profitieren auch die Schülerinnen und Schüler: Sie beschäftigen sich eine Woche lang mit den globalen Zielen nachhaltiger Entwicklung.

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