Im Gespräch
Auf welche Schule geht mein Kind?
Der Übergang in die Sekundarstufe
Eva Weuthen ist Mutter von zwei Kindern, Kalle (10 Jahre) und Enna (3 Jahre)
Frau Weuthen, welche Gedanken haben Sie sich zum Thema weiterführende Schule gemacht?
Bereits in der 3. Klasse haben mein Mann und ich angefangen, uns Gedanken zu machen, auf welcher Schule unser Sohn wohl am besten aufgehoben wäre. Wir fragten uns: „Welchen Anspruch habe ich an eine Schule?“, „Welche Lernumgebung möchte ich für mein Kind?“, „Geht es mir in erster Linie um fachliches Lernen? Wenn ja, in welchen Fächern?“, „Wie wichtig sind pädagogische Angebote zur Förderung der Persönlichkeit?“
Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass Schule an sich ein sehr kompliziertes Gebilde ist, und es uns enorm weiterhilft, sich mit anderen Eltern auszutauschen. Dabei ist uns klar geworden: Das Gymnasium mit Turboabitur und Stoff-Verdichtung kommt für uns – und für Kalle – nicht in Frage. Blieben als Alternative nur Gesamtschulen und Waldorf-Schule übrig. Wir machten also die üblichen Besuche am Tag der Offenen Tür, erkundigten uns nochmals bei Freunden und Bekannten, sahen uns die Programme, Profile und Angebote der betreffenden Schulen an und versuchten, uns daraus ein realistisches Bild zu puzzeln.
Wie haben Sie die Beratung der Klassenlehrerin wahrgenommen?
Natürlich hat uns auch die Klassenlehrerin in der Grundschule beraten. Und hatte für Kalle eine Empfehlung für das Gymnasium gegeben. Bei intensiverem Nachfragen merkten wir allerdings, wie schwierig ihr die Begründung dafür fiel. Als wir zu erkennen gaben, dass unser Kind nicht auf Biegen und Brechen aufs Gymnasium sollte, entspannte sich das Gespräch. An diesem Punkt haben wir gemerkt, wie groß der Druck auf die Lehrkräfte ist, eine Gymnasialempfehlung auszusprechen. Eltern haben oft eine massive Erwartung, das Kind aufs Gymnasium zu schicken.
Ich bin sehr froh, diesen Druck nicht zu haben und wir uns in der Familie einig sind: Der Schulabschluss ist nicht das Wichtigste und die Entscheidung für die eine oder andere Schullaufbahn halte ich in der 4. Klasse für absolut verfrüht.
Und wie haben Sie sich zum Schluss entschieden?
Wir hatten mehrere Schulen im Auge, die wir für geeignet hielten. Sie waren nicht zu weit entfernt, hatten interessante Angebote und – das sollte man sich unbedingt ansehen – ein freundliches Schulklima. Mein Tipp: Einfach an einem ganz normalen Tag in die Schule gehen und schauen: Wie begegnen mir die Lehrer? Werde ich wahrgenommen? Wie ist der Umgangston? Wie begegnen die Lehrer den Schülern? Sind Schülerarbeiten zu sehen, sind sie wertschätzend präsentiert? Und vor allen Dingen: Mit den Schülern darüber reden, wie sie sich in der Schule fühlen.
Letztlich gab die Entscheidung unseres Kindes den Ausschlag. Kalle entschied sich ganz klar für eine Gesamtschule aus unserer Auswahl, auf die auch andere aus seiner Klasse gingen. Im Grunde ist das so eine runde Sache. Nicht das Kind entscheidet, aber es ist wichtig, dass es seine Sicht einbringen kann und die Entscheidung beeinflussen kann. Und für die Kinder ist die Schule in der Hauptsache ein Ort, an dem sie Freunde treffen, sich streiten, spielen, zusammen Sport machen. Das Soziale steht für sie im Vordergrund, und das haben wir ernst genommen. Schließlich muss man sich wohlfühlen, um zu lernen.
Karin Babbe ist Leiterin der Erika-Mann-Grundschule Berlin
Mit dieser Frage werden Lehrkräfte zum Ende der Grundschulzeit konfrontiert: „Was raten Sie uns, Frau Babbe?“
Kinder und Eltern beschäftigen sich naturgemäß stark mit der Übergangs-Frage, wenn es um den Brückenschlag zur Sekundarschule geht. Im Laufe der 4. – oder in Bundesländern wie Berlin und Brandenburg – der 6. Klasse werden dabei stets auch die Einschätzung der Pädagoginnen und Pädagogen der Grundschule gehört und einbezogen. Das zwanghafte Abhängigkeitsverhältnis zwischen Eltern und Schule bei dieser Frage hat sich nicht nur an unserer Schule in den letzten Jahren deutlich relativiert. Und in vielen Bundesländern sind Schulempfehlungen nicht mehr bindend.
Im Unterricht dominiert an der Erika-Mann-Schule das selbstbestimmte Lernen in binnendifferenzierenden Szenarien wie Wochenplan-, Freie Arbeit oder Projektarbeit. Die regelmäßige Selbst- und Fremdvergewisserung über das Erreichte und die entsprechende Lernberatung der Kinder und Eltern ist dabei selbstverständlicher Bestandteil des Unterrichts. Neben den regelmäßigen täglichen Lernrückmeldungen entstehen Projektarbeiten, Präsentationen und andere Verdeutlichungen der Lernprozesse und Lernstände. Zeugnisse werden vielfach in verbaler Form verfasst oder sind indikatorenbasiert. Darüber hinaus laden wir regelmäßig, z. B. im Halbjahresturnus, zu Lernberatungsgesprächen ein. Gemeinsam mit den Eltern und Kindern werden dann die Lernentwicklungen erörtert, die Stärken festgestellt und sinnvolle Unterstützungsmaßnahmen zur Überwindung von spezifischen Lernproblemen überlegt. In diese Art der Lernberatung ist die Beratung zum Übergang zu einer weiterführenden Schule ein integraler Bestandteil bzw. konstitutives Element.
Nach vier oder sechs Jahren gemeinsamen Lernens können wir die Kompetenzstände der Schülerinnen und Schüler beschreiben, sie gemeinsam mit den Eltern und Kindern als Entscheidungshilfe nutzen und die individuellen Fragen beantworten: „Ist eine Ganztagsschule für mein Kind wichtig?“ Oder „Kann die musisch-ästhetische Ausrichtung einer Schule die Stärken meines Kindes weiter fördern?“
Über die Beratung hinaus sind meine Kollegen und ich auch über die jeweiligen Profile der weiterführenden Schulen im Umfeld informiert. Wir können auf dieser Grundlage empfehlen, welches Gymnasium Kinder mit ausgewiesener LRS aufnehmen kann oder welche Schule Werkstattunterricht im Schulprogramm verankert hat. Um über die spezifische Lern- und Unterrichtskultur einer weiterführenden Schule mehr zu wissen, besuchen wir mit unseren Klassen diese Schulen. Die Berliner Sekundarschulen bieten diese Besuche jährlich für die Grundschulen an, häufig wird dabei auch in den Unterricht der 5. bzw. 7. Klassen „hineingeschnuppert“. Auch Tage der offenen Tür an den Schulen der Mittelstufe besuchen wir mit den Eltern und Kindern vielfach gemeinsam.
Daraus haben sich feste Kooperationen zwischen Primarschulen und den Sekundarschulen, die sich inzwischen stärker als „Abholer“ denn als „Aufnehmer“ begreifen, entwickelt. Hier sind ein gemeinsames Lernverständnis und ein Spiralcurriculum in Methoden- und Sozialkompetenzen oft die Brücke, um den Bildungsweg für jedes Kind auszubauen und seine bisher entwickelten Kompetenzen auszudifferenzieren.
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