Ausbildung+Studium
Berufsschule, das unbekannte Wesen
Joachim Görres
„Es gibt keinen Menschen in Deutschland, der unser Berufsbildungssystem darstellen kann. Durch die Kulturhoheit der Länder gibt es in jedem Bundesland unterschiedliche Bildungsgänge und zum Teil auch Abschlüsse und es ist schon schwer genug, über die Regelungen im eigenen Bundesland den Überblick zu behalten“, sagt Claus Losert, Schulleiter der Berufsbildenden Schulen II im niedersächsischen Celle.
Von den 2.300 Schülern haben etwa zwei Drittel einen Ausbildungsplatz. Sie werden in ihren Betrieben ausgebildet und erfahren an der BBS die Theoretie. Die übrigen Schüler werden dagegen in Vollzeit sowohl theoretisch als auch praktisch unterrichtet. Das ist mehr Berufsvorbereitung als Berufsbildung also.
Gezielte Vorbereitung
Junge Menschen ohne Schulabschluss oder mit einem schlechten Hauptschulzeugnis können sich an einer der Celler BBS gezielt auf ein Berufsfeld vorbereiten und damit ihre Chancen auf eine Lehrstelle erhöhen. Einer von ihnen ist der 18-jährige Mirco Banachowicz. Er kommt von der Förderschule und besucht jetzt die Berufseinstiegsklasse (BEK) mit dem Schwerpunkt Pflege der auf soziale Berufe spezialisierten BBS III in Celle, in der ein Jahr lang u. a. biologische Grundlagen vermittelt werden. Acht Wochen haben Mirco und seine 13 Mitschüler das Projekt „Schule der Sinne“ vorbereitet, das sie kurz vor den Weihnachtsferien den übrigen Klassen präsentieren.
Mirco hat sich zusammen mit zwei Mädchen aus seiner Klasse eine Station zum Thema Riechen ausgedacht. Sie besorgten sich aus einer Drogerie Fotodosen, die sie mit verschiedenen Stoffen, wie Zitronenschalen oder Baldrian, füllten, die nun „erschnüffelt“ werden mussten. „Das hat großen Spaß gemacht, weil wir an praktischen Beispielen viel über den menschlichen Körper gelernt haben und nun unser Wissen auch weitergeben können. Nach dem BEK-Jahr will ich eine Ausbildung zum Altenpfleger machen, das ist schon immer mein Berufswunsch gewesen“, sagt Mirco.
Die richtige Berufswahl
Für Stephanie Odenwald, 20 Jahre lang Lehrerin an einer berufsbildenden Schule in Hamburg und heute bei der GEW Leiterin der Abteilung berufliche Bildung, haben fehlende Motivation und die sich daraus ergebenden Probleme auch damit zu tun, dass die berufsvorbereitenden Schulen für immer mehr Schüler letztlich nur Warteschleifen sind. „Knapp 40 Prozent der BBS-Schüler waren 2006 dort, um sich erst für eine Lehrstelle zu qualifizieren. Das dauert häufig zwei bis drei Jahre, die ihnen in der Regel nicht auf die Ausbildung angerechnet werden. Manche kriegen gar nicht mehr die Kurve und schmeißen alles hin.“
Für Schulleiter Losert bleiben auch künftig die Auszubildenden die größte Gruppe seiner Schüler. Gleichzeitig sieht er eine steigende Zahl von künftigen Abiturienten an den berufsbildenden Schulen voraus. Durch die Verkürzung auf zwölf Schuljahre in fast allen Bundesländern seien die beruflichen Gymnasien bzw. Oberschulen für immer mehr Schüler eine Alternative, da dort erst nach 13 Schuljahren die Abiturprüfung anstehe. Losert: „Die Wirtschaft verlangt Teamfähigkeit und Selbstständigkeit – Kompetenzen, die wir nicht nur an unserem Fachgymnasium zu vermitteln versuchen.“
©klett themendienst
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