Im Gespräch
Bildung ohne Übergänge
Der Studiengang Bildungswissenschaften für den Primarbereich
Wassilios Fthenakis
Die Übergänge in unserem deutschen Bildungssystem sind mit Angst und Schmerzen verbunden. Das beschädigt die Kinder und hemmt ihren Bildungsverlauf von Anfang an
© photocase.com
Die fehlende Konsistenz im Bildungsverlauf ist ein großes Problem des deutschen Bildungssystems. Das Bildungssystem ist aufgebaut auf unterschiedlichen bildungstheoretischen und pädagogisch-didaktischen Grundlagen, die größtenteils nicht miteinander kommunizieren. Es ist ein Bildungshaus von vielen unterschiedlichen Architekten. Geeignete Lösungen, diese Misere zu beseitigen, werden nur zögerlich in die Tat umgesetzt, und so bleibt der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule, wie auch weitere Übergänge im Bildungsverlauf, eine Herausforderung der früh- und der schulpädagogischen Praxis sowie der Forschung und der Politik. Bisherige Bemühungen, in Form von Modellversuchen, wie z. B. das vor kurzem abgeschlossenen KidZ-Projekt in Bayern, das PONTE-Projekt oder das BLK-Verbundprojekt Trans-KiGS, sind zwar gut gemeinte, aber wenig verändernde Ansätze.
Kooperation und Kommunikation
Eine Hürde, die es aus dem Weg zu räumen gilt, ist die weiterhin mangelhafte Kommunikation und Kooperation der Fachkräfte beider Bildungsbereiche. Ein diesbezüglicher paradigmatischer Wechsel, vor allem durch die Grundschule, bildet nach wie vor die Ausnahme, nicht die Regel. Neben der Überwindung bisher vorwiegend strukturell-organisatorischer Lösungen, steht auch die Überwindung eng gefasster Konzepte, wie z. B. die Instrumentalisierung der deutschen Sprache und die Durchführung von Sprachkursen kurz vor der Einschulung. Erfolg versprechender sind Kommunikations- und Kooperationsmodelle zwischen beiden Bereichen, wie sie etwa in Dänemark und Schweden praktiziert werden, oder die Implementation gemeinsamer Qualifizierungsansätze für Erzieher und Lehrer, wie bei der Erzieherausbildung in Italien, Schweden, Frankreich und in anderen Ländern.
Auch in Deutschland findet derzeit ein Umdenken hinsichtlich der Erzieherausbildung statt. So hat beispielsweise die Robert Bosch Stiftung das Programm „PiK – Profis in Kitas“ auf den Weg gebracht – ein Programm zur Professionalisierung von Frühpädagogen. Die Stiftung fördert die Erarbeitung von frühpädagogischen Bildungsinhalten und Vermittlungsmethoden an drei Fachhochschulen und zwei Universitäten. Das Projekt der Deutsche Telekom Stiftung „Natur-Wissen schaffen“ an der Universität Bremen entwickelt zurzeit einen Ausbildungsgang zur Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte auf der Grundlage sozialkonstruktivistischer Annahmen. Ziel ist es, durch die Entwicklung neuer Aus- und Weiterbildungsangebote einen Qualitätsschub für das gesamte System der frühkindlichen Bildung zwischen 0 und 10 Jahren zu erreichen und die Voraussetzungen für die Qualifizierung von Fachkräften zu schaffen, die geeignet sind, in einem konsistenten Bildungssystem ihren Beitrag zu leisten. Denn wenn Institutionen übergreifende Bildungspläne eine Perspektive zur Überwindung fehlender Konsistenz im Bildungsverlauf bieten, so ist die Entwicklung auch Institutionen übergreifender Ausbildungspläne die logische Konsequenz.
Das heißt: Abschied nehmen von den eng gefassten Ausbildungsgängen, stattdessen Institutionen übergreifende Ausbildungsgänge entwerfen. Das ist meine Vision! Solche Beispiele gibt es bereits in Australien, in Neuseeland und auch in Italien; dort wurden bislang Erzieher und Lehrer in den ersten zwei Jahren gemeinsam auf universitärem Niveau ausgebildet.
Veränderung des Bildungssystems
Derzeit wird ein Ausbildungsgang an der Freien Universität Bozen – Fakultät für Bildungswissenschaften entworfen, der ab dem kommenden akademischen Jahr implementiert werden soll. Er wird die bisherige Erzieher- und Lehrerausbildung aufheben und stattdessen im Rahmen eines kombinierten BA- und MA-Studiengangs eine Professionalisierung anstreben, die die Absolventen befähigen soll, sowohl im Elementar- als auch im Primarbereich tätig zu sein und zusätzlich im Primarbereich Englischunterricht zu erteilen.
Solche Studiengänge können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Differenzen des vorschulischen und des Grundschulsystems zu beseitigen. Denn jede Fachkraft wüsste dann, was im Kindergarten passiert und was danach kommt. Und es wäre natürlich auch eine Perspektive für die Fachkraft selbst: Sie könnte eine Zeitlang im Kindergarten tätig sein und dann in die Grundschule gehen und so Kinder eine längere Zeit begleiten. Das wäre auch personalpolitisch ein ganz interessantes Modell.
Das Bildungssystem benötigt einen Bildungsverlauf von hoher Konsistenz. Dies ist ohne systemimmanente Reformen nicht zu erreichen. Der Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen hat den Weg aufgezeigt, den wir gehen sollten: Visionen zu vereinbaren, die das gesamte Bildungssystem durchdringen und die die Fachkräfte einbinden und verpflichten; Bildungsziele zu definieren, die nicht bei jedem Übergang zusammenbrechen und neu konstituiert werden; Grundsätze und die Prinzipien des pädagogischen Handelns explizit darlegen, die von allen Fachkräften, über alle Bildungsstufen hinweg, geteilt werden; und schließlich Bildungsbereiche festlegen, die geeignet sind, effektive Bildungsprozesse zu organisieren. Und das Wichtigste: Dem gesamten Bildungsverlauf eine gemeinsame bildungstheoretische Grundlage zugrunde legen. So kann ein Bildungshaus von einem Architekten entstehen und auf diese Weise können die mit den Übergängen zusammenhängenden, nach wie vor ungelösten Probleme, am besten bewältigt werden.
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