Extra: Schulkleidung
Corporate Identity
Deutschland auf dem Weg zur Schulkleidung
Martin Huisman
Die Frage der Einführung von Schuluniformen an deutschen Schulen wird schon seit den 50er Jahren immer wieder thematisiert. Erst waren es die Halbstarken, in den 60er-Jahren die Rocker, in den 70ern die Hippies und in den 80ern die Punks, die mit ihrem Kleidungsstil provozierten. Mit einheitlicher Kleidung, so meinte man, wäre endlich wieder Ruhe in der Bildungsanstalt.
Und auch jetzt wird wieder diskutiert und das nicht wegen der Bauchfreimode. Was sich aber verändert hat, ist eins: Die Forderung nach einheitlicher Schulkleidung kommt nicht mehr nur von oben, sondern Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit dem Thema. Manchmal direkt in der Schule, wenn es darum geht, ein neues Schulprogramm zu entwickeln, manchmal auch nur unter Gleichaltrigen, weil sie sich gegen den Markenwahn stellen wollen.
Uniform oder einheitliche Bekleidung
Wenn man von einheitlicher Schulbekleidung spricht, muss man differenzieren, denn es gibt Schuluniformen, einen Dress-Code und Schulkleidung.
Eine Schuluniform ist eine vorgeschriebene, einheitliche Kleidung für alle Schüler einer Schule oder sogar eines Staates. Die Bekleidungsstücke sind genau beschrieben und Abweichungen, wie Schnitt, Farbe, Stoffe, die jeweilige Marke und sogar die Art des Tragens, sind nicht erlaubt. In der Regel besteht die Schuluniform aus traditionellen Bekleidungsstücken, wie Anzug und Rock- Blusen-Kombinationen.
Dress-Codes sind vor allem aus den USA bekannt. In den Dress-Codes wird die zu tragende Kleidung genau beschrieben; z. B. die Länge der Röcke oder die Farbe der Bekleidung. Bei den Herstellern (Marken) ist eine Auswahl erlaubt. Allerdings sind Marken, die von bestimmten Cliquen oder Gangs bevorzugt getragen werden, verboten.
Wenn wir in Deutschland über das Thema sprechen, geht es in der Regel um die einheitliche Schulkleidung. Die Regeln und Vorgaben sind dabei relativ weich. Es werden meist nur die Farben von Oberteilen, wie T-Shirts, Hemden, Blusen oder Polos, festgelegt, die üblicherweise mit dem Schullogo versehen sind. Auch ist das Tragen der einheitlichen Schulkleidung nicht zwingend vorgeschrieben, sondern Bestandteil einer freiwilligen Vereinbarung, die zwischen Schülern, Eltern und der Schule geschlossen wird.
Hamburg macht den Anfang
„Schulkleidung ist keine Schuluniform“, schreibt die Hamburger Lehrerin Karin Brose in ihrem gleichnamigen Buch. Schuluniform werde assoziiert mit Gleichmacherei, Schulkleidung hingegen sei „zum Wohlfühlen“ da und vermittele Achtung, Respekt, Toleranz und „die Erziehung zum Wir“.
Karin Brose kennt sich aus. Schon im Jahr 2000 hatte die Lehrerin an ihrer Haupt- und Realschule in Hamburg-Sinstorf die einheitliche Schulkleidung eingeführt, mit Zustimmung von Schulleitung und Elternrat. Der Gründe waren vielfältig: Brose war genervt von der Modenschau im Unterricht und meinte „Der Vergleich von 11-Jährigen, wer das tollste Bauchnabelpiercing aufweist, ist im Schulalltag absurd.“
Seit inzwischen fünf Jahren tragen alle Schüler der Haupt- und Realschule ihre Schulkleidung. Broses Tipp für Nachahmer: Schulkleidung kann man nicht von oben verordnen. Das Projekt muss in eine Gesamtentwicklung an der Schule, z. B. ein neues Schulprogramm, eingebunden sein. Wenn ein Wir-Gefühl entsteht, ist der Schritt zur einheitlichen Schulkleidung nicht so schwer. Schulkleidung allein verändert das Schulklima jedoch nicht, meint sie.
Das erinnert mich an meine Schulzeit in den 80er-Jahren, wo der Versuch, einheitliche Sportkleidung (weinrote Turnhosen und weißes Turnhemd) von oben zu verordnen, am Widerstand der Eltern und Schüler scheiterte. Die Gründe dafür waren ganz einfach: die Turnbekleidung wirkte antiquiert, war extrem unattraktiv, das Material kratzte und war steif. Außerdem wollten wir Schüler das Logo unserer Schule nicht auf der Brust tragen, weil wir uns mit der „Lehranstalt“ nicht identifizieren wollten und konnten.
Verbesserung des Schulklimas
Eine Studie zum Tragen von Schulkleidung, die 2004 an der Justus-Liebig-Universität vorgenommen wurde, zeigt, dass einheitliche Kleidung in Schulklassen mit einer Veränderung des Schulklimas einhergeht. In Klassen mit einheitlicher Schulkleidung wurden ein besseres Sozialklima, eine höhere Aufmerksamkeit, ein höheres Empfinden von Sicherheit sowie ein generell niedrigerer Stellenwert von Kleidung beobachtet als in Vergleichsklassen ohne einheitliche Bekleidungsregelung.
Die Unterschiede zeigten sich jedoch erst in höheren Klassen, wenn die einheitliche Schulkleidung bereits einige Zeit getragen wurde. Möglicherweise stellen sich Effekte von Schulkleidung erst mit längerer Dauer ihres Tragens ein.
In den höheren Klassen berichteten die Träger einheitlicher Pullis, dem Unterricht aufmerksamer folgen zu können, und legten in der Tendenz mehr Wert auf ein tiefes Verständnis der Unterrichtsinhalte als die Vergleichsschüler. Können sich die Lernenden nun besser auf den Unterricht konzentrieren, weil sie der Nachbarin nicht ständig auf den Bauchnabel starren müssen? Eine solche Interpretation der Befunde wäre überzogen. „Es wäre naiv zu glauben, dass lediglich ein einheitlich farbiger Pulli diese Probleme in deutschen Klassenzimmern löst“, warnten die Gießener Psychologen.
Die Bereitschaft steigt
In der neuesten Untersuchung von Prof. Dr. Roland Multhaup ( www.schulkleidung-studie.de), der 500 Schulen in NRW befragt hatte, zeigt sich, dass mehr als die Hälfte der Befragten Schüler bereit wäre Schulkleidung zu tragen. Die Bereitschaft zum Tragen von Schulkleidung ist innerhalb der vergangenen Jahre angestiegen. „Die Bereitschaft unterscheidet sich dabei jedoch deutlich zwischen den einzelnen Schulformen. So sind Gymnasiasten, Real- und Gesamtschüler mehrheitlich bereit Schulkleidung zu tragen, während Hauptschüler dies (wenn auch nicht mehrheitlich) eher ablehnen. Die Schulform, an der die meisten Probleme aufgrund von Markenkleidung vorherrschen und an der sich signifikant mehr Schülerinnen und Schüler unwohl fühlen, ist damit auch die Schulform mit der geringsten Bereitschaft zum Tragen von Schulkleidung. Die geringere Bereitschaft der Hauptschüler könnte darin begründet sein, dass sie Angst vor einer Stigmatisierung haben“, so Multhaupt.
Die Lehrkräfte in Hamburg-Sinstorf sind vom Konzept der einheitlichen Schulkleidung überzeugt und sorgen in ihren Klassen für die Einhaltung der Bekleidungsregeln. Für Schüler, die in normalem Outfit zum Unterricht erscheinen, halten sie schon mal einen Ersatz-Pulli parat. Aber der kommt selten zum Einsatz, da sich auch die Schüler mit der einheitlichen Arbeitskleidung angefreundet haben.
Aus aller Welt
In vielen Ländern wir in den Schulen eine einheitliche Bekleidung getragen. In Europa gilt das vor allem für Großbritannien, wo die Schuluniform eine lange Tradition aufweist. In England trägt jedes Kind eine Schuluniform – meint man. Das ist jedoch so nicht richtig, denn sie sind heutzutage vorwiegend an privaten Schulen zu finden. An den öffentlichen Schulen herrscht in Fragen der Kleiderordnung eine größere Freiheit in derBekleidungsfrage. Die Britische Kolonialherrschaft hat auch rund um die Welt Spuren hinterlassen, auch was die Schuluniforman betrifft. So sind in Australien, Indien, HongKong, Neuseeland, Singapur, Südafrika und Zypern Schuluniformen noch immer die Regel.
In den USA galt die Schuluniform früher als Erkennungszeichen der Wohlhabenden, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken konnten – doch das hat sich geändert. Auf Grund der zunehmenden Gewalt unter Jungendlichen gerade in großstädtischen Ballungsräumen suchte man nach Möglichkeiten, der Gang-Bildung entgegenzuwirken. Wenn es schon „No-Go-Areas“ in Großstädten gab, wollte man zumindest die Gewalt aus den Schulen heraushalten. So wurde ab Mitte der 1990er-Jahre – neben Waffenkontrollen am Eingangsbereich der Schulen und allgegenwärtigen Sicherheitsbeamten – an vielen Schulen ein strikter Dress-Code eingeführt. Inzwischen haben 21 Staaten per Gesetz ihren Schuldistrikten die Möglichkeit gegeben, an Schulen das Tragen einer Uniform verbindlich einzuführen. In einigen Staaten schreiben Schulbezirke einen Dresscode vor, der auch für die Lehrer gelten kann. Schuluniformen werden inzwischen an 95 Prozent der öffentlichen Schulen in New Orleans getragen. In Chicago sind es 80 und in Boston 65 Prozent.
Ganz anders sieht es hingegen in Japan aus. Zwar haben Schuluniformen auch hier eine lange Tradition und sind Bestandteil der Alltagskultur, aber viele Schulen und Universitäten haben die Uniform inzwischen abgeschafft. Und wenn der sog. Schulanzug noch vorgeschrieben ist, wird er zumindest der Mode ein wenig angepasst. Schulen mit eher lockeren Vorschriften sprechen dabei nicht von Uniformen, sondern von Standardkleidung. Die Motive für Standardkleidung sind in Japan übrigens sehr ähnlich denen in Deutschland: größeres Zusammengehörigkeitsgefühl und kein Markenfetischismus.
Schulmode statt Schuluniform
Neuer Unterrichtsstoff mit Wir-Gefühl
Spießig, langweilig oder elitär – das Bild zu einheitlicher Schulkleidung, das sich in unseren Köpfen festgesetzt hat, ist auch heute noch von dunkelblauen Faltenröcken, weißen Hemden und Blusen, Bundfaltenhosen und Wappenschlipsen geprägt. Doch weit gefehlt! Schulmode von heute hat nichts mit Uniformen und Gleichmacherei zu tun, sondern lässt ihren Trägerinnen und Trägern genug kreativen Spielraum für eine persönliche Note. Neben modischen Schnitten und Farben wird der deutsche Schulalltag durch Schulmode, insbesondere auch um eine Reihe positiver Effekte,. bereichert. So kann einheitliche Kleidung zum Beispiel helfen, den Marken- und Modedruck in der Schule zu verringern und den Fokus der Schüler auf das Wesentliche zu lenken: die Aneignung von Wissen und sozialer Kompetenz. Durch die Beschränkung auf Oberbekleidung, wie Polos, T-Shirts, Sweatshirts und Jacken, lässt Schulkleidung allen Schülern zu jeder Zeit genügend Platz für Individualität. Die Wahl eines einheitlichen Farbtons oder die Veredelung aller Textilien mit einem individuell erstellten Schul-Logo sorgen dabei stets für das wichtigste verbindende Element: das Wir-Gefühl.
Weitere Informationen finden Sie unter www.Schulmo.de
Journal der Leipziger Buchmesse