Basiskompetenzen
Demokratie von Anfang an
Kindertageseinrichtungen als Lernorte der Demokratie
Jens Hoffsommer
Demokratie ist Alltag
Demokratieprozesse sind Alltagsprozesse. Kinder sollen von Anfang an die Möglichkeit haben, im Alltag mitzuentscheiden. Die Beteiligung der Kinder im Kita-Alltag wirft Fragen auf wie: Müssen die Kinder Mittagsschlaf machen oder dürfen sie, wenn sie wollen? Dürfen sie sich ihr Essen selbst nehmen? Sollen sie alles essen oder können sie auch auswählen?
Am besten ist es, wenn Erzieherinnen und Erzieher Konflikte erst untereinander besprechen und sie danach mit den Kindern und deren Eltern diskutieren. Kinder wissen dabei oft sehr genau, was sie wollen. Für die Fachkräfte gilt es, an den Bedürfnissen der Mädchen und Jungen anzuknüpfen, ihnen Halt und Sicherheit zu geben – vor allem aber, sie zur Selbstständigkeit zu erziehen. So wird Beteiligung und Demokratie nicht als bloße pädagogische Methode verstanden. Beteiligung muss den Kindern vorgelebt werden, um authentisch zu sein. Wenn Erwachsene Demokratie selbst leben und ernst nehmen, kann es für Kinder ein Ansporn sein, es ebenfalls zu tun.
Pädagoginnen und Pädagogen machen sich so gemeinsam mit den Kindern auf den Weg ins Abenteuer „Demokratie“. Für manche bedeutet dies ein Paradigmenwechsel: Nicht mehr nur „mit den Kindern etwas machen“ sondern „die Kinder machen lassen“. Erwachsene geben Kindern dadurch Raum, Entscheidungen zu treffen und eigene Wege zu gehen. Die Lösungen der Kinder entsprechen dabei nicht immer denen, die Erwachsene wählen würden. In der Praxis bedeutet dies ein fortwährendes Abwägen: Erwachsene wollen Freiheit ermöglichen und dabei den nötigen Rahmen zusammenhalten. Zudem setzt eine gelebte Kultur demokratischer Erziehung eine intensive Bindung zum Kind voraus. Diese Beziehung ist die Basis für die Autonomie des Kindes.
Wie es gelingen kann
Ein erster Schritt für mehr Demokratie in der Kita besteht oft darin, institutionalisierte Beteiligungsformen wie Kinderforen, Kinderkonferenzen oder Kinderkreise zu schaffen. Grundlage aller Beteiligung ist, dass es tatsächlich etwas zu entscheiden gibt. Erwachsene müssen es ernst meinen und in der Folge Entscheidungen der Kinder akzeptieren. Ein Kinderforum sollte dem Alter der Kinder angemessen gestaltet sein. Dies beeinflusst den zeitlichen Umfang, die gemeinsamen Themen sowie die inhaltliche Aufbereitung. Ein Kinderforum lebt durch gemeinsame Start- und Abschlussrituale und in der Gruppe beschlossene Gesprächsregeln. Probleme, Fragen und Lösungen können durch Visualisierungshilfen wie Zeichnungen für verschiedene Altersgruppen verständlich dargestellt werden. Erwachsene sind Teil der Kinderforen, begleiten und unterstützen die Kinder. Sie bringen sich und ihre Position ein – mit dem Bewusstsein und der Vorsicht, Kinder nicht zu manipulieren. Themen, die gemeinsam mit Kindern diskutiert und entschieden werden, gibt es in der Kita genug. Werden Regeln beispielsweise gemeinsam aufgestellt, so erhöht dies ihre Akzeptanz. Projekte, die mit Kindern entwickelt wurden, nehmen für Kinder bedeutsame Themen auf und setzen an ihren Fragen an. Auch die Raumgestaltung oder die Durchführung von Festen bieten Möglichkeiten, Kinder mitbestimmen zu lassen.
Bei allen Entscheidungen gilt, dass diese gemeinsam von Erwachsenen und Kindern verantwortet werden. Bei der Gestaltung des Sommerfestes sind sie dadurch nicht nur Konsumenten, sondern Akteure. Beteiligung und Demokratie in der Kita bedeutet auch, die Eltern mitzunehmen. Mit Dokumentationen von Beteiligungsprozessen in der Kita werden Erfolge und Entwicklungen transparent.
Pädagoginnen und Pädagogen brauchen den Mut, mehr Demokratie in der Kita zu wagen. Das Wagnis liegt zuallererst bei den Erwachsenen, die gefragt sind, Macht abzugeben und zu teilen. Nur dadurch eröffnen sie Kindern die Möglichkeit, Demokratie zu leben und zu lernen.
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Journal der Leipziger Buchmesse