Grundschule
Der Schulanfang
Ich bekomme eine 1. Klasse – was ist zu tun?
Anja Wildemann
Nicht nur die Kinder kommen in die Schule, auch Eltern, Großeltern, Geschwister – und alle haben ihre ganz eigenen Vorstellungen von Schule und Unterricht
© M Menschenbilder/Fotolia.de
Die ersten Schulwochen sind für alle Beteiligten aufregend: Für die Kinder beginnt eine neue Lebensphase, auf sie stürmen viele fremde und zum Teil befremdliche Eindrücke ein. Es werden Anforderungen an sie gestellt, z. B. über eine lange Zeit auf einem Stuhl sitzen, die ihnen noch wenig vertraut sind. Die Eltern kommen mit bestimmten Erwartungen an die Schule und zu Ihnen als Lehrkraft. Sie haben aber auch einen hohen Informationsbedarf und wollen sich austauschen. Geschwisterkinder und andere Familienmitglieder nehmen Anteil an den Entwicklungen und Ereignissen, die in der Schule stattfinden. Und schließlich muss sich die Klasse selbst erst einmal zusammenfinden, auch wenn einige Kinder sich bereits aus dem Kindergarten oder der Nachbarschaft kennen.
Die Schülerinnen und Schüler
Max ist 5,9 Jahre und ein sogenanntes Kann-Kind. Ania spricht zu Hause mit ihren Eltern polnisch und mit ihrer älteren Schwester deutsch. Thilo ist einsprachig deutsch. Sascha heißt eigentlich Alexander und seine Eltern kommen aus Russland. Hannes kann schon Lesen. Büsra spricht kaum deutsch, da in ihrem Umfeld vor allem türkisch gesprochen wird. Lena und Sarah kennen sich schon aus dem Kindergarten und sind eng befreundet. Jan hat zu Hause noch vier Geschwister. Er ist der Jüngste.
Diese kleine Auswahl an individuellen Lebensbedingungen und Voraussetzungen, mit denen die Schülerinnen und Schüler in die 1. Klasse kommen, zeigt, dass Sie es immer mit einer sehr heterogenen Lerngruppe zu tun haben – in jeder Beziehung. Das betrifft nicht allein die sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch soziale, emotionale, kognitive, motorische und ökonomische Aspekte. Die Startbedingungen sind somit von vornherein sehr unterschiedlich. Für Lehrerinnen und Lehrer, die eine 1. Klasse einschulen, heißt das, sich der Heterogenität bewusst zu sein und diese in ihren Unterrichtsplanungen zu berücksichtigen. Um sich einen Überblick über die sprachlichen Fähigkeiten der Schulanfänger zu verschaffen, ist es deshalb notwendig, in den ersten Schulwochen die Lernausgangslagen der Kinder systematisch zu erfassen. Nur durch detaillierte Beobachtungen und Überprüfungen können schließlich individuelle Lernangebote gemacht werden.
Zunächst einmal gilt aber, jedes Kind in seiner Individualität wahrzunehmen und zu akzeptieren. Das erfordert eine Zeit des gegenseitigen Kennenlernens. Versuchen Sie in den ersten drei Schulwochen Lern- und Spielsituationen zu schaffen, in denen Sie die Möglichkeit haben, die Kinder zu beobachten und sich somit erste Eindrücke zu verschaffen – auch die Pausen bieten hier ein gutes Beobachtungsfeld. Versuchen Sie dabei das Verhalten des Kindes möglichst sachlich zu beschreiben, ohne gleich in Wertungen zu verfallen. Diese Fragen können Ihnen bei der ersten Beobachtung der Schüler helfen:
- Wie verhält X sich in der Gruppe (z. B. bei Gruppenspielen)?
- Wie ist der Umgang mit einzelnen Mitschülern?
- Sucht X Kontakt zu anderen Kindern? Wenn ja, wie? Oder gibt es bereits bestehende Freundschaften?
- Wie ist das Verhalten im gemeinsamen Unterricht?
- Beteiligt sich X an Gesprächen (z.B. im Sitzkreis)?
- Erzählt X von sich aus oder erst nach gezielter Aufforderung?
- Zeigt X Interesse an Schrift (z. B. Beschriftungen im Klassenraum, Büchern, usw.)?
Hilfreich ist es, sich kürzere Notizen in einem dafür angelegten Heftchen zu machen. Suchen Sie nach einiger Zeit auch den Austausch mit Kollegen und Kolleginnen, die ebenfalls in der Klasse unterrichten. Gute Hinweise erhält man oft von Kollegen, die die Kinder in der Pause und im Sportunterricht erleben.
Der Umgang mit den Eltern
Ebenso unterschiedlich wie die Kinder sind auch die Eltern, mit denen Sie es zu tun haben. Da die Elternarbeit ein wichtiger Bestandteil in der Grundschule ist, sollte hier von Anfang an eine gute Kommunikation vorherrschen. In der Regel gelingt die Zusammenarbeit mit Eltern vor allem, wenn diese sich in ihrem Dasein akzeptiert und mit ihren Anliegen ernst genommen fühlen. Dennoch sind die Vorstellungen, Wünsche und Forderungen der Eltern meist sehr unterschiedlich und stellen eine Herausforderung an die Lehrkraft dar.
Genauso wie die Kinder nun zu einer Gemeinschaft werden, so sind auch die Eltern, ob sie es wollen oder nicht, miteinander verbunden, denn ihre Kinder werden die nächsten Jahre zusammen verbringen. Und wie in der Klasse gilt es, alle Eltern ins Boot zu holen. Dafür benötigt die Klassenlehrerin neben ihrem pädagogischen Können eine gute Portion an Feingefühl und das Wissen über divergente Lebenssituationen. Beispielsweise verfügen Eltern mit einem Migrationshintergrund möglicherweise über andere Erfahrungen und Vorstellungen, die gleichermaßen zu berücksichtigen sind, wie die von einsprachigen Eltern. Alleinerziehenden arbeitenden Müttern steht in der Regel ein anderes, viel engeres Zeitkontingent zur Verfügung als Paaren, die sich die Kindererziehung teilen.
Es ist zunächst einmal Aufgabe der Klassenlehrerin diese unterschiedlichen Begebenheiten wahrzunehmen. Wenn hier eine gute Aufmerksamkeit vorliegt, können auch Eltern in ihrer Verschiedenheit verstanden werden.
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