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Ausbildung+Studium

Der Übergang ins leben

Schule aus – was dann?

Sebastian Sommerfeld, 1981 geboren, hat eine Lehre zum Zimmermann gemacht und das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Zur Zeit studiert er Lehramt für Gymnasien Geographie/Sozialkunde

Sommerfeld

Wie sind Sie zum Studium gekommen? Wie lief Ihr Entscheidungsprozess ab, und welche Unterstützung oder Beratung haben Sie erhalten?

Zunächst habe ich nach meinem erweiterten Realschulabschluss eine Ausbildung zum Zimmermann absolviert, da ich finanzielle Unabhängigkeit von meinem Vater für einen sehr wichtigen Punkt hielt. Schließlich wollte ich ihm nicht länger auf der Tasche liegen, was für weitere zwei Schuljahre definitiv der Fall gewesen wäre.

Nachdem ich im August 2002 ausgelernt hatte, wurde ich mangels Aufträgen im Winter entlassen. Im Sommer 2003 landete ich dann bei einem kleinen noch jungen Handwerksbetrieb, der bald in eine wirtschaftliche Schieflage geriet. Zu einer enormen seelischen Belastung wurden die Zahlungsschwierigkeiten des Unternehmens. Ich bekam nie pünktlich Lohn und blieb einige Monate sogar ganz ohne Bezahlung.

Nach der Insolvenz meines Arbeitgebers war ich für eine Weile „arbeitsuchend“. Während dessen wurde ich von meiner damaligen Lebensgefährtin und deren Eltern bestärkt, doch noch einmal einen neuen Weg zu gehen. Zudem war mir im Laufe der Zeit klar geworden, dass Zimmermann nicht der Beruf ist, den ich bis an mein berufliches Lebensende ausüben möchte. Einmal im Jahr Rückenprobleme, und das mit etwa Mitte 20, das zeigte mir schon früh mögliche Grenzen auf.

Auf Nachfrage an der Schule des Zweiten Bildungswegs in Weißenfels erhielt ich detaillierte Informationen über Dauer und Inhalt, sowie zur Finanzierung des Abiturs. Nach reiflicher Überlegung und aufgrund der mangelnden Perspektive auf dem Arbeitsmarkt war meine Entscheidung dann doch recht schnell getroffen. Da ich bei der ehrenamtlichen Arbeit als Trainer im Sportverein meine Fähigkeiten für den Lehrerberuf entdeckt hatte, ging ich mit dem Abitur in Tasche zum Lehramt-Studium nach Jena, wo ich mich fachlich und persönlich gut aufgehoben fühle.

Wie sah Ihr Alltag als Auszubildender aus? Was hatten Sie erwartet, und wie unterschied sich das von der Realität?

Vor allem im ersten Lehrjahr der Ausbildung übte ich zumeist Hilfstätigkeiten aus. Ein Grund dafür war, dass ich noch keine 18 Jahre alt war und es versicherungstechnisch eher kritisch war, Handkreissägen etc. zu verwenden. Des Weiteren fehlte mir noch das Grundwissen für den Beruf. Als Lehrling fängt man ganz unten an und muss sich gegenüber den etablierten Handwerkern langsam seinen Ruf aufbauen. Auf einer Baustelle meinte einmal der Bauherr zu mir, dass mein Name der meistgerufene des ganzen Tages war, und dass er mich nur die Leiter hoch und runterklettern gesehen hat. Ein kleines Beispiel für das 1. Lehrjahr, da kann man froh sein, mal den Hammer in die Hand nehmen zu können.

Meinen Tag in meinem Ausbildungsbetrieb kann ich in kurzen Worten folgender Maßen beschreiben:

Morgens 6.20 Uhr in der Halle einfinden. Betriebsbesprechung und Einteilung der Aufgaben/Baustellen/heutigen Aufträge. Falls nicht schon erledigt, Beladen der Fahrzeuge mit Material, Werkzeug und sonstigem. Ganz wichtig: die Essenstasche in das richtige Auto stellen! Aufbruch zur Baustelle, je nach Entfernung waren das so 15 Minuten bis zu 1,5 Stunden Fahrtzeit. Schließlich arbeiten bis 16.30 Uhr, und dann wieder ab in die heimische Werkstatt, kurzer Report beim Chef, falls dieser nicht mit auf Baustelle war.

Insgesamt habe ich mir zu wenig Gedanken darüber gemacht, wie der Alltag in einem Handwerksbetrieb abläuft. Vielmehr stand für mich die finanzielle Unabhängigkeit im Vordergrund. Ich habe das Ganze auch etwas zu verträumt und romantisiert betrachtet. Spezifische Erwartungen hatte ich nicht, zumindest keine die mir heute noch einfallen. Die Realität zeigte mir, dass es ein körperlich anstrengender Beruf ist, der viel Energie und Stärke, aber auch Köpfchen verlangt, denn was man nicht im Kopf hat, das hat man in den Beinen!

Dr. Florian Löbermann, Jahrgang 1975, ist Leiter Berufliche Bildung bei der SZST - Salzgitter Service und Technik GmbH, einem Unternehmen der Salzgitter AG

Löbermann

Was müssen Auszubildende eigentlich können und was erwarten die zukünftigen Arbeitgeber von ihnen?

Die fortschreitende Technisierung und Weiterentwicklung in den Betrieben führt zu Veränderungen der Qualifikationsanforderungen an künftige Fachkräfte. Die Anforderungen an Arbeitnehmer steigen auf allen Ebenen. Gleichzeitig schreitet aber auch der Prozess der Differenzierung von Anforderungsniveaus und Arbeitsprozessen voran. Entsprechende Anpassungen des Bildungssystems sind hierzu erforderlich, was sich beispielsweise in Form von Neuordnungen verschiedener Berufsausbildungen zeigt.

Diese Entwicklungen spiegeln sich letztendlich auch in den sich verändernden Anforderungen an Auszubildende wider. Nach wie vor wird in der Schule Grundlagenwissen vermittelt, z. B. in den Fächern Mathematik oder Deutsch, welches zunehmend mehr an Bedeutung gewinnt. Für die Vermittlung der Ausbildungsinhalte bilden sie das entscheidende Fundament, auf dem aufgebaut werden kann und muss. Auch wenn die Schwerpunkte und Inhalte in den Berufsfeldern differieren, spielen Grundlagen wie Rechenfertigkeiten oder mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen in nahezu allen Ausbildungsberufen eine wichtige Rolle.

Diese Grundlagen so zu trainieren, dass sie wirklich beherrscht werden, ist eine der zentralen Anforderungen an Auszubildende. Eine zu früh angelegte Spezialisierung in der Schule geht indes meist zulasten der Grundlagenförderung.

Auch die Anforderungen an überfachliche Qualifikationen steigen in der heutigen Zeit stetig. Neben den vielfach diskutierten sozialen Kompetenzen sind dabei insbesondere Prozess- und Managementdenken von entscheidender Bedeutung – gemeint ist damit der Blick auf das „große Ganze“. In großen Unternehmen wie der Salzgitter AG werden Auszubildende häufig aufgrund ihrer Schlüsselkompetenzen und ihrer hohen Einsatzflexibilität besonders geschätzt und deshalb auch eingestellt.

Mit Einsatzflexibilität ist hier gemeint, dass Jungfacharbeiter nicht auf eine Tätigkeit oder einen Tätigkeitsbereich beschränkt sind, sondern in der Lage sind, auf der Grundlage ihrer Prozesskenntnisse und Transferleistungen in einer Abteilung/Betrieb verschiedene Tätigkeiten/Abläufe auszuführen. Das heißt sie sind flexibel in den Bereichen einsetzbar.

Die Auszubildenden müssen für sich erkennen, welche Aufgabe sie jeweils mit ihrer Tätigkeit innerhalb des gesamten Produktionsprozesses übernehmen und welche Auswirkungen ihre Arbeit in diesem Zusammenhang hat. Nur dann werden sie innerhalb ihrer Ausbildung und auch später im Berufsleben erfolgreich sein – eben weil sie sich und ihre Arbeit als Teil eines „großen Ganzen“ begreifen und verstehen. Vor diesem Hintergrund ist es in allen Ausbildungsbereichen von großer Bedeutung, zukünftig stärker einen Bogen zu spannen zwischen der nachhaltigen Verfestigung grundlegender Qualifikationen einerseits und den erforderlichen Transferleistungen mit Blick auf das Prozess- und Managementdenken andererseits.

In verschiedenen Veranstaltungen und Projekten in Zusammenarbeit mit Schulen und Unternehmen in der Region wird versucht, Unterstützungsleistungen zum Thema Berufsorientierung zu bieten und bereits vor Ausbildungsbeginn entsprechende Kompetenzen zu fördern.

Prof. Dr. Gotthilf Gerhard Hiller, war Dekan der Fakultät für Sonderpädagogik der PH Ludwigsburg

Hiller

Gotthilf Gerhard Hiller hat Bildungs- und Schulkonzepte für benachteiligte Kinder und Jugendliche entwickelt und über die Lebensverläufe junger Menschen in riskanten Lebenslagen geforscht. Er meint: „Jugendliche brauchen ein Lebensvorbereitungsjahr.“

Berufsvorbereitung hat in Deutschland keine gute Presse. Da verständigt sich das Bildungsbürgertum auf hohem Niveau und weiß, dass daraus nichts werden kann – auch weil teilweise mit überzogenen Erwartungen argumentiert wird. Ich sehe es eher produktiv. Aber nur unter der Voraussetzung, dass man diesen starren Blick auf die berufliche Karriere zumindest abschwächt und den Jugendlichen eine Lebenskunst für viele andere Bereiche anbietet: Wie gehe ich mit Behörden um? Wie komme ich mit meinen Finanzen klar? Schaffe ich es, mir eine Wohnung zu besorgen und sie auch zu pflegen? Wir haben ja Lebensverläufe dieser jungen Leute erforscht, da zeigt sich sehr deutlich: Wenn es in diesen anderen Bereichen – Finanzen, Wohnung, soziale Beziehungen zu Verwandtschaft, Freunden und Partnern, Sexualverhalten, Gesundheit und so weiter – klappt, dann klappt es auch in der Ausbildung. Angesagt wäre also – ich spitze das zu –- nicht ein Berufsvorbereitungsjahr, sondern ein Lebensvorbereitungsjahr unter heruntergedimmten Erwartungen an das Leben. Auch wenn es sicher nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig für den Betroffenen ist, wenn ich ihm praktisch unter der Decke die Botschaft bringe „dein Leben bleibt hart und du musst Kenntnisse und Könnensformen entwickeln, um mit diesen Dingen einigermaßen schadlos zurechtzukommen“. Ich werde dann auch manchmal von meinen lieben Kollegen gescholten, dass ich mich mit den Verhältnissen arrangiere, statt dass ich einem pädagogischen Romantizismus folge, der predigt, dass jeder den Marschallstab im Tornister hat. (…)

Diese Schüler brauchen Bildungsangebote, die ihnen zunächst einmal ein nicht ruinöses legales Leben in ihren Milieus sichern und dafür tut die deutsche Schule gar nichts. Zugespitzt gesagt: Auf Hartz IV, auf das Leben im Prekariat, bereitet die deutsche Schule nicht vor. Man braucht eine ganze Reihe von Qualifikationen, um damit klarzukommen. Das fängt damit an, mit wenig Geld auszukommen, es geht weiter damit, Hobbys zu finden, die nicht geldintensiv aber trotzdem zeitbindend sind und Spaß machen. Das geht weiter damit, die Geschicklichkeit zu entwickeln, sich Begleiter jenseits der Familie zu suchen. Sich selbst in ein Netzwerk einzubinden, von dem man Unterstützung und Begleitschutz erwarten darf. Unsere Untersuchungen zeigen – ich spitze das etwas zu – dass es völlig egal ist, von welcher Qualität der Hauptschulabschluss ist – man kriegt trotzdem einen Ausbildungsplatz, zwar nicht die Spitzenausbildung, aber eine Lehrstelle als Koch, Maler, Landschaftsgärtner und Ähnliches kann man durchaus auch mit einem weniger qualifizierten Hauptschulabschluss bekommen. Sofern man Leute um sich hat, Eltern, ein soziales Netz, vielleicht auch professionelle Unterstützer, die einem dann die Türen öffnen. Das ist in ländlichen Gebieten durchaus noch möglich. In den Städten sieht es etwas anders aus, aber auch da gibt es Unterschiede, das hat eine Studie des Deutschen Jugendinstituts für die Stadt Stuttgart gezeigt. Es gibt dort Hauptschulen, bei denen sehr viele Schüler entweder in eine weiterführende Schule wechseln oder aber einen Ausbildungsplatz bekommen, während es andere Hauptschulen gibt, bei denen das gar nicht der Fall ist. Die Schule und das soziale Umfeld machen also den Unterschied. (…)

© Perspektive:Bildung/bildungsklick.de – Auszug

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