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Bildung

Die neue Lernkultur ist Beteiligungskultur

Warum im Ganztag Schule nur gemeinsam entwickelt werden kann

Carsten Rasche / Vincent Steinl

Die Ganztagsschule verlangt nach einer neuen Lernkultur. Sie muss von allen Akteuren in der Schule gemeinsam gestaltet werden – von Schülern, Lehrern, Eltern und außerschu­lischen Kooperationspartnern

Von bildungspolitischen Hiobsbotschaften gebeutelt verbanden sowohl politische Entscheidungsträger/innen wie auch die interessierte Öffentlichkeit mit der großflächigen Einführung der Ganztagsschulen das Ziel einer Veränderung der Lernkultur.

Eine neue Lernkultur an Ganztagsschulen sollte vor allem drei Aspekte fördern: Gelegenheiten des Lernens durch Erfahrung und direktes Begreifen, bei denen vor allem mit Fehlern konstruktiv umgegangen wird; die Selbstwirksamkeit der Lernenden; und eine Kultur der Kooperation durch Perspektiven­übernahme und Anerkennung der verschiedenen Akteure auf Augenhöhe.

Beteiligung statt Belehrung

Diese drei Herausforderungen gelten nicht nur für das Lernen der Schüler, sondern auch für das pädagogische Handeln der Lehrer. Denn: Nur, wer mit den eigenen Fehlern konstruktiv umgeht und dazu lernt; wer das eigene Können einschätzt und einsetzt; und nur, wer bereit ist, mit Anderen die gemeinsamen Angelegenheiten gemeinsam zu klären, kann das auch von Schülern erwarten.

In einer beteiligungsorientierten Schule, in der es auf den Einzelnen und das Gemeinsame ankommt, gibt es deshalb keine Einzelkämpfer und Wegducker, sondern eine ermutigende Atmosphäre, in der sich die handelnden Akteure gegenseitig stärken – insbesondere Schulleitung, Kollegium und Schülerschaft, aber auch Eltern und Kooperationspartner. Nötig sind Verantwortung, Verständigung und Vertrauen.

Lernkultur konkret

Auf der Ebene des individuellen Lernens geht es darum, den Lernenden zu ermöglichen, eigene Lösungswege zu finden und dabei auch Umwege zu gehen, sich mit relevanten (bzw. als relevant empfundenen) Themen zu beschäftigen, dabei Unterstützung zu erhalten und ermutigende Erfahrungen zu machen. Beispiele hierfür sind selbstorganisiertes Lernen, Erstellung von Lernvereinbarungen, Lernwerkstätten, Lernen durch Engagement, aber auch von Schülern angebotene Arbeitsgruppen oder Projektlernen.

Auf der Ebene der Klasse bzw. der Lerngruppe geht es darum, aufgetretene Probleme zu bearbeiten, die gemachten Erfahrungen auszuwerten und zu besprechen, Regeln für den Umgang miteinander festzulegen und gemeinsam neue Ideen zu entwickeln und deren Umsetzung zu planen. Beispiele hierfür sind ein regelmäßiges Feedback zur Gestaltung des Unterrichts, gemeinsam gestaltete Projekte oder der Klassenrat, der in regelmäßigen Abständen tagt und diesen Prozess nachhaltig unterstützt.

Auf der Ebene der Schule geht es darum, gemeinsam zu besprechen, wo momentan die Probleme liegen, wohin sich die Schule entwickeln soll und gemeinsam zu verabreden, welche schulorganisatorische, pädagogische und andere Maßnahmen dafür ergriffen werden und gemeinsam deren Umsetzung zu planen. Beispiele hierfür sind regelmäßige Evaluationen, große Schulversammlungen, Zukunftswerkstätten oder für Schüler und Eltern offene Steuergruppen.

Vertrauen, Verständigung, Verantwortung

Der Pädagoge Janusz Korszak hat im Vorwort seines Kinderbuchs „Wenn ich wieder klein bin“ an den „erwachsenen Leser“ geschrieben, dass pädagogisches Handeln nicht deshalb so anstrengend sei, da die Erwachsenen vermeintlich in die Begriffswelt der Kinder hinunter steigen, sondern, da sie zu den Gefühlen der Kinder empor klimmen müssen. Die jungen Menschen ernst zu nehmen, ihre Sichtweise in den Mittelpunkt zu stellen und nicht nur auf die richtige „Verpackung“ des Wissens oder die Organisation der Schule zu schauen, ist Leitgedanke einer solchen Schulentwicklung. Den Schülern Beteiligung an der Gestaltung der eigenen Lernwelt zuzumuten und zuzutrauen ist der erste Schritt. Wenn sie merken, dass ihnen dieses Vertrauen entgegengebracht wird und es eine gegenseitige Verständigung über die Bedürfnisse und Befürchtungen gibt, können sie selbst Verantwortung übernehmen – für ihr eigenes Lernen, den Umgang miteinander in der Gruppe und die Gestaltung der Schule.

Die schon genannten Beispiele sind natürlich nur eine unvollständige Aufzählung der Möglichkeiten – die besten Ideen kommen im offenen Austausch zwischen Lehrern, Schülern und Eltern. Durch diese Verständigung, das gegenseitige Vertrauen und die Übernahme wie die Abgabe von Verantwortung gewinnen auch die Lehrkräfte: Zum einen können sie den Wandel in der Lernkultur gar nicht alleine erreichen, zum anderen stärkt es auch ihr Handeln. Denn: Wenn Schüler sich selbstständig Wege suchen, wie sie sich Wissen am besten aneignen können; wenn sie alleine oder mit Lehrern gemeinsam eigene Lernangebote in Form von Arbeitsgruppen oder Projekte machen; wenn sich Schüler gegenseitig in Lerntandems unterstützen; ja, wenn Schüler vielleicht sogar in „Lehrerfortbildungen“ formulieren, was ihnen beim Lernen besonders wichtig ist, dann gibt es die neue Lernkultur, in der der Lehrer nicht mehr für die Belehrung zuständig ist, sondern gemeinsam mit seinen Schülern beteiligungs­orientiert lernt.

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