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Bildung

Ein Quadratkilometer geteilte Verantwortung

Hannelore Ohle-Nieschmidt

Wer hat Chancen auf Bildung, wer hat keine? Bisher entscheidet darüber viel zu oft die Herkunft

Der Sprengstoff steckt im Sozialstrukturatlas Berlin: 24% Arbeitslose, 37% der Bewohner sind ohne berufsbildenden Schulabschluss, 20% gelten als arm. Hier leben Menschen aus 160 Nationen, meist Nicht-EU-Ländern, viele sind jünger als 18 Jahre. War es Glück, Klugheit oder Weitsicht, dass die Lehrer der Neuköllner Rütlischule die Öffentlichkeit alarmierten, bevor es richtig knallte? Sie verlangten im März 2006 vom Berliner Senat die Schließung der Schule, weil die Gewalt zu eskalieren drohte. Damit brachen sie ein Tabu und machten der Weg frei für ein Projekt, das inzwischen bundesweite Nachahmer findet: den „Quadratkilometer Bildung“

„Es gab lauter Einzelprojekte, insgesamt 28, von Tanz über Theater bis Musik. Aber kein einziges bereitete die jungen Menschen auf ihren Schulabschluss vor“, beschreibt rückblickend Dr. Ahmad Al-Sadi die Situation gleich nach dem Brandbrief. Der gebürtige Palästinenser war damals ehrenamtlich für die Rütli-Schule tätig. Im April 2007 dann machten die Freudenberg, die Karl-Konrad-und-Ria-Groeben-Stiftung und die RAA Berlin einen ungewöhnlichen Vorschlag: Alle Bewohner des Reuterkiezes sollten ab sofort gemeinsam die Verantwortung für die Bildungsbiographien ihrer Kinder übernehmen. Vier Schulen, sieben Kindertagesstätten, drei Einrichtungen aus dem Jugendhilfebereich, Eltern, Senat, Stadt und Stiftungen beschlossen daraufhin, „in Verantwortung und nicht mehr in Zuständigkeiten zu denken“. Vernetzt sollten gemeinsame Ziele festgelegt, gemeinsame Entscheidungen getroffen und gemeinsame Lösungen gefunden werden. Es entstand der erste Quadratkilometer Bildung. Die Stiftungen garantieren eine langfristige Finanzierung über zehn Jahre.

Was in der Theorie einfach klingt, erwies sich in der Praxis als kompliziert: Eltern, die vorher kaum Kontakt zueinander hatten, sollten über Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Kinder sprechen? Lehrer und Schulleiter unterschiedlicher Schulen gemeinsame Unterrichtseinheiten entwickeln und Qualitätsmanagement betreiben? Erzieherinnen aus Kitas unterschiedlicher Träger gemeinsam ihre Dienstbesprechungen durchführen und sich selbst evaluieren? In den meisten Netzwerken besteht die Gefahr, dass es den Beteiligten mehr um die Positionierung der eigenen Institution oder Person geht als um die gemeinsame Weiterentwicklung eines Themas.

Herzstück ist die Pädagogische Werkstatt

Letztlich wird den Akteuren „nur“ eine Plattform für selbst initiierte Projekte zur Verfügung gestellt, für die sie fachliche Unterstützung erhalten. Sie arbeiten an der Entwicklung des Bildungskonzeptes selbst mit. „Auch ein Quadratkilometer Bildung beginnt mit einem Schritt“, meint Sascha Wenzel, „Erfinder“ und beim Träger RAA Berlin Koordinator aller Quadratkilometer. „Vor jedem Projektstart steht die sorgfältige Analyse der Bevölkerungsstruktur. Wir identifizieren Schlüsselpersonen und bereits bestehende Projekte im Stadtteil. Gemeinsam mit den Menschen diskutieren wir, wo Handlungsbedarf besteht und wo nicht. Viel kann schon erreicht werden, wenn existierende Initiativen gestärkt und in ein Qualitäts-Netzwerk eingebunden werden. Weil unsere Haltung stets interessiert-fragend ist, begegnen uns die Menschen mit Vertrauen – Voraussetzung für die Tragfähigkeit des Projekts. Wir kennen den Stadtteil schließlich nicht annähernd so gut wie dessen Bewohnerinnen und Bewohner.“

Wenzel sitzt im Besprechungsraum der Pädagogischen Werkstatt, dem Herzstück des Quadratkilometers, im Erdgeschoss eines Gründerzeithauses mitten in Berlin-Neukölln. Hier laufen alle Fäden zusammen, es werden Kooperationen und Ideen geschmiedet, die ins Quartier hinein wirken. Erzieherinnen aus Kitas verschiedener Träger treffen sich hier, um Grundschullehrerinnen kennenzulernen, Schulleiter und Lehrer unterschiedlicher Schulen stimmen Unterrichtsinhalte, Stundenpläne und Schwerpunktfächer miteinander ab. Sie ist Basislager des Projektteams, das im Stadtteil beinahe zu jeder Zeit präsent ist und unbürokratisch als Praxisbegleiter und „Kümmerer“ Unterstützung leistet, das Evaluationen und Qualitätsentwicklungsmaßnahmen durchführt. Hier kommen „Rucksack-Gruppen“ zusammen, eine Kombination aus Elternbeteiligung und Sprachförderung. Die Werkstatt ist monatlicher Treffpunkt für 200 Profis, Ehrenamtliche und Eltern und damit der wichtigste Ort im Bildungsverbund.

Matheunterricht im Fördercamp

Blau leuchtet der Jugendclub „Manege“ mit seinen bunten Skulpturen auf der Fassade auch an tristen Tagen. Er entstand auf Initiative von Dr. Al-Sadi, der inzwischen interkultureller Moderator für Rütli- und Heinrich-Heine-Schule ist. Dem Quadratkilometer Bildung hat er die Mitarbeit „seines“ Jugendclubs angeboten. Heute unterrichten hier Studenten und bereiten die Schüler auf den mittleren Abschluss vor. Viele von ihnen stammen wie sie aus Zuwanderer-Familien, sind kaum älter als die Schüler und interessieren sich – ganz anders als die Lehrer – für deren Lebenswelt. Safia studiert Mathematik und unterrichtet im Fördercamp. Sie findet es problematisch, dass die Lehrer oft die einzigen Deutschen sind, zu denen die Schüler im Reuterkiez Kontakt haben. Sie meint: „Die Distanz ist unglaublich groß! Sie sind zu alt, haben nicht die gleiche Nationalität und auch nicht die gleichen Lebenseinstellungen.“

Dr. Al-Sadi aber weiß auch um die Probleme, die es gab und nach wie vor gibt. „Viele Schülerinnen und Schüler haben große Lerndefizite. Es ist nicht leicht, die aufzuholen. Ihre Deutschkenntnisse reichen nicht aus, sie fühlen sich fremd. Man kann nur etwas erreichen, wenn sie sich ernst genommen fühlen.“ In der „Manege“ wird selbstverständlich nicht nur gelernt und gearbeitet, sondern auch geredet und die Batterie wieder aufgeladen. Dazu liefern die Mütter aus dem Kiez jeden Tag gesundes Essen, das sie frisch zubereiten: Salate, Gemüse, Falaffel, Tabouleh, Köfte und viele andere Leckereien.

Kitas kommen endlich in Kontakt mit Grundschulen

Bildungsbiographien von Kindern beginnen in der Kita, und im Reuterkiez ist der Besuch für die meisten Kinder selbstverständlich. Eigens qualifizierte Erzieherinnen haben in den sieben Kindertagesstätten des Quadratkilometers Lernwerkstätten für forschendes, selbst gesteuertes Lernen eingerichtet. Damit hat sich insgesamt das Lernklima grundlegend verändert. Für eine nachhaltige Verbesserung der Bildung ist ihre Vernetzung mit den Grundschulen unverzichtbar. Manuela Jachmann, Leiterin der Kita Nikodemus, ist froh darüber, dass man sich jetzt untereinander besser kennt und zusammengerückt ist. Sie sagt: „20 Jahre lang habe ich versucht, den Kontakt zur Grundschule herzustellen. Das ist mir nicht gelungen. Jetzt gelingt es endlich.“

Gründung weiterer Quadratkilometer Bildung in Deutschland

Mit Hilfe der Breuninger und der BMW-Stiftung Herbert Quandt wurde in Berlin-Moabit ein zweiter Quadratkilometer Bildung gegründet. Die Berliner Projekte sind mittlerweile Referenzorte geworden.

In Mannheim, Wuppertal und Herten entstehen gerade weitere Quadratkilometer Bildung. Sowohl die Herausforderungen als auch die Stiftungen sind hier andere. Aber auch hier engagieren sie sich langfristig über acht bis zehn Jahre. Diese Langfristigkeit ist wohl ein Schlüssel für den Erfolg. Alexander Dzembritzki, Leiter der Rütlischule, meint denn auch: „Uns über zehn Jahre zur Seite zu stehen ist etwas völlig Neues in der Schullandschaft. Endlich können wir mit Ruhe und Gelassenheit Ideen entwickeln. Das gibt uns Rückhalt und Sicherheit“.

Die nächste langfristige Idee wird gerade mit Unterstützung von Sascha Wenzel umgesetzt: Die drei Schulen im Bildungsverbund sind dabei, sich zu einer Gemeinschaftsschule zusammenzuschließen.

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