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Unterrichten

Einstieg von der Seite

Aus der Schule des Lebens ins Leben der Schule

Michael Czelinski-Uesbeck

Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf: Sie bringen vieles mit, anderes müssen sie erst mühsam lernen. Sie sorgen für frischen Wind, aber auch für so manche Irritation bei Kollegen. Wie unser Autor, der mit 44 Jahren wieder „eingeschult“ wurde. Ein Erfahrungsbericht

Eigentlich wollte ich nie Lehrer werden. Gut, dass vor 20 Jahren, als ich mich für einen Studien-Abschluss entscheiden musste, das Lehramt den Kürzeren gezogen hatte: Ich lernte die Welt „da draußen“ im 15 Jahre dauernden Wechsel-Einsatz auf dem Gemüsegroßmarkt, im Teehandel, der Erwachsenenbildung, einer IT-Firma und einer parallelen Feierabend-Promotion kennen. Nach Heirat, drei Kindern und zweimaliger Arbeitslosigkeit aber sollte mit 44 Jahren endlich eine dauerhafte Perspektive her. Da mir didaktisch-psychologisches Talent und kommunikative Kompetenz bescheinigt wurde, lag die Überprüfung der Anti-Pauker-Entscheidung in der Luft. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich als Unterrichtender wie ein Fisch im Wasser fühlte. Die Eintrittskarte in die Schule war neben meinem Mangelfach der neue Master of Arts in Education , den ich auf der Basis von „Hartz-IV auf Darlehensbasis“ erwarb: eine Mangelfachlehrer-Ausbildung stand nicht auf der Liste der Agentur für Arbeit; förderungswürdig wäre nur eine Ausbildung zum China-Wirtschaftsfachmann (mit ungewissen Berufsaussichten) gewesen.

Erfolgreich ging es als Seiteneinsteiger ins kalte Wasser eines Gymnasiums. Ist es nicht sowieso normal, von der Seite einzusteigen?

Unterricht als Feuerwehrkraft

„So ein bezahltes Praktikum hätte unsereins auch gerne gehabt“, meint der alteingesessene Lateinkollege von der Seite. Sein Schmunzeln – drückt es Neid oder Mitleid aus?

„Sie sind irgendwie anders“, sagte eine Siebtklässlerin zu mir. „Anders?“ „Naja, anders als andere Lehrer. Sie schreien gar nicht und – irgendwie sind Sie anders.“ Sie hatte Recht. Meine Schüler brachten mir bei, dass ich das Trinken im Unterricht nicht erlauben dürfe, ebenso wenig die Benutzung des Tintenkillers bei Klassenarbeiten und unangemeldete Völkerwanderungen zum Papierkorb. Ich müsse Berichtigungen der Arbeiten einfordern und Hausaufgaben kontrollieren und und und ... „Learning by doing“ war wieder einmal gefragt.

Im Gegensatz zu den meisten Lehrer-Kollegen, die nie andere als Bildungsbänke gedrückt haben, hatte ich längst vergessen, wie Schule funktioniert, welche Regeln, ungeschriebenen Gesetze und Rollenfestschreibungen es gibt. Die permanenten Klagen im Lehrerzimmer („Dieser Max ist die reinste Bestie, wenn der nicht wäre ...“) befremdeten mich. Meine unbekümmerte Rückfrage „Ist das der nette Blondschopf aus der 8a?“ outete mich als ahnungslosen Fremdling, der noch einiges zu lernen habe – wenn ich die Augen rollenden Reaktionen richtig deutete. Ich wurde immer wieder darauf angesprochen, wie es denn käme, dass ich als Unerfahrener bei all dem Stress so fröhlich und ausgeglichen wirke. Vielleicht, weil ich einen Praxisschock nicht mehr zu verdauen hatte – das hatte das bisherige Leben schon besorgt.

Im Referendariat

Als Feuerwehrkraft aber war ich ohne Chance auf eine Festanstellung und hatte das diffuse Gefühl, mir fehle irgendetwas in meiner Ausbildungsbiographie. Die Rezepte aus dem Umgang mit 70-Jährigen an der Altersuniversität, Hausfrauen an der Volkshochschule und Zivildienstleistenden in Kompakt-Seminaren halfen mir im 45-Minuten-Rhythmus mit den Teenies nicht viel weiter. Also ging ich als Spätberufener ins Referendariat, um die Weihen des zweiten Staatsexamens zu erlangen. Dort fühlte ich mich zunächst fast wie im Urlaub, denn 12 Stunden Unterricht sind für mich fast Entspannung: soviel Zeit, Unterricht vorzubereiten, ihn zu reflektieren – und noch Muße für die Familie zu haben.

Schade nur, dass man als Referendar nicht in sozial-emotionalen und kommunikativen Kompetenzen geschult wird. Ohne mein zuvor erworbenes Mediatorenzertifikat käme ich mir nur halb ausgebildet vor. Ich frage mich, wie man im kurzen Referendariat all die Kompetenzen erwerben soll, die man als Lehrer braucht. Als Referendars-Motto habe ich oft gehört: „Augen zu und durch – danach kannst du machen, was du willst.“ Ich habe das Gefühl, dass an dieser Ausbildung etwas faul ist.

Während ich dies schreibe, ist das zweite Staatsexamen noch zwei Wochen entfernt. Ich freue mich, weil ich danach gewappnet sein werde mit vielen „Rezepten“ und vor allem mit dem Gefühl, endlich angekommen zu sein. Mein Motto: „Endlich will ich tun, was ich kann.“ Das bezahlte Praktikum vor dem Referendariat zahlt sich längst aus. Vor allem aber der lange Vorlauf in der Schule des Lebens. Vielleicht auch ein gutes Rezept für die Lehrerausbildung?

PS: Das Hartz-IV-Darlehen muss ich jetzt zurückzahlen – möglicherweise zur Finanzierung arbeitsloser China-Finanzexperten?

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