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Sekundarstufe

Hobbys nach Plan?

Oberstüfler und ihre Freizeit: Knappes Gut zwischen Spaß und Verwertbarkeit

Hans-Peter Fischer

Manchmal muss man in der Freizeit einfach das tun, wozu man Lust hat …

Exotische Fremdsprachen, ein Schuljahr in den USA oder Engagement in der Kirchengemeinde – auch auf solche außerschulischen Kenntnisse legen manche Unternehmen und Hochschulen bei Bewerbern Wert. Einige Oberstufenschüler setzen sich deswegen auch in ihrer Freizeit unter Druck – obwohl nicht alles sinnvoll und notwendig ist

Um kurz nach sieben ist für Lennart die Nacht vorbei. Dann heißt es für den ­Elftklässler: Aufstehen, ab unter die Dusche, eine Scheibe Brot herunterschlingen und vielleicht noch einen Blick in die Zeitung werfen – „wenn die Zeit reicht“, grinst Lennart. Dann springt der 17-Jährige aufs Fahrrad, sein Schulalltag an der hannoverschen IGS Linden beginnt pünktlich um 8.15 Uhr.

Zugang zur Wunschlaufbahn

…, denn es gibt ein Leben nach der Schule und abseits von Qualifikationen und Kompetenzen

Lennart steuert die Eintrittskarte in die Hochschul- und Berufswelt an, das Abitur. Allerdings: Nicht mehr allein vorausschauend gewählte Leistungskurse und guter Notendurchschnitt garantieren den Zugang zur Wunsch-Laufbahn. Heute achten manche Arbeitgeber im Lebenslauf auch auf die Rubriken Hobbys und Engagements. Hochschulen interessieren sich ebenso für die Freizeitaktivitäten ihrer Bewerber, schließlich wählen etliche Studiengänge ihre Erstsemester selbst aus. „Heute erwarten Politik, Unternehmen und Unis mehr von Schulabsolventen als noch vor einigen Jahren“, sagt Barbara Knickrehm vom Deutschen Verband für Bildungs- und Berufsberatung, „gefragt sind nicht mehr ausschließlich formale Qualifikationen, sondern auch darüber hinausgehendes wie Computerkenntnisse, soziale Kompetenzen oder Fremdsprachen.“ So meinen einige Personalabteilungen, dass Mannschaftssportler Teamfähigkeit mitbringen. Die Frankfurter Goethe-Universität fragt angehende Wirtschaftswissenschaftler, welche herausragenden Leistungen sie in Politik, Kultur oder Wirtschaft vorzuweisen haben – das bringt Extra-Punkte, mit denen sich die Abi- Note aufpolieren lässt.

An der IGS Linden werde das Thema außerschulische Kompetenzen nicht besonders hoch gehängt, sagt Lennart: „Unsere Lehrer drängen uns zu nichts, manchmal weisen sie aber darauf hin, dass bestimmte Aktivitäten im Lebenslauf positiv auffallen.“ So schrieben der 17-Jährige und einige Mitschüler in einem Projekt eine Rap-Oper, probten und brachten das Stück auf die Bühne. Dafür gab es ein Zertifikat.

„Das war aber nicht der Beweggrund“, sagt Lennart, „mir ging es um die Musik.“ Seine Hobbys auf die Zeit nach dem Abi auszurichten – das käme dem 11.-Klässler nicht in den Sinn, schließlich lasse die Schule ohnehin nur kleine Freiräume.

Konkurrenzkampf nach dem Abschluss

Jörg Lagemann, Vorsitzender des niedersächsischen Verbands der Beratungslehrer, kennt die Situation von Oberstufenschülern: „Die haben in der Regel 35, 36 Stunden Unterricht, manche sogar noch mehr, dazu kommen Vorbereitung und Hausaufgaben – schon das ist kaum zu schaffen.“ In Beratungssitzungen wird Lagemann jedenfalls nicht nach Arabisch-Kursen oder Leiterposten bei Pfadfindergruppen gefragt. Die schulischen Anforderungen seien gewachsen: Während der Lehrstoff fast unverändert blieb, hat die Landesregierung die Schulzeit bis zum Abi von 13 auf zwölf Jahre gekürzt. Der Druck in der Sekundarstufe II habe sich bundesweit erhöht, sagt der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried. Das alltägliche Lernpensum werde zusätzlich überschattet vom Konkurrenzkampf nach dem Abschluss: Lag die Abiturquote laut Kultusministerkonferenz Anfang der 1990er noch bei knapp über 20 % eines Jahrgangs, so erreicht sie heute im bundesweiten Durchschnitt über 30 %, Tendenz steigend. „Der Wert des Abschlusses hat sich verschoben“, sagt Seifried, „bei mir klagte neulich eine Abiturientin über ihren Notenschnitt von 1,8 – das sei schlecht.“ Eltern verschärfen den Druck bisweilen: „Manche erleben, dass sie beruflich nur schwer weiterkommen – trotz guter Qualifikationen“, sagt Seifried, „da­raus schließen sie: Unsere Kinder müssen mehr können als wir – eine Fremdsprache ist zu wenig, es sollten besser zwei oder drei sein.“

Manche Oberstufenschüler beugen sich der Erwartungshaltung: „Die strampeln, strampeln, strampeln“, sagt Seifried, „erst in der Schule und anschließend in ihrer Freizeit.“ Mit Folgen: Heute zeigt jeder fünfte Schüler psychische Auffälligkeiten, ein Viertel dieser Jugendlichen benötigt sogar eine Psychotherapie, so das Robert-Koch- Institut. Etliche Schüler leiden unter Stress-Symptomen wie Verspannungen, Panik-Attacken oder Konzentrationsschwächen. Auch das Verhalten untereinander verändere sich. „Jugendliche empfinden ihre Altersgenossen schon auf der Schule als Konkurrenz, Mobbing nimmt zu“, sagt Schulpsychologe Seifried, „wichtig ist für Schüler, einen Ausgleich in der Freizeit zu haben. Das Leben sollten nicht nur aus Schule bestehen.“

Nicht alle Erwartungen erfüllen

Berufsberaterin Knickrehm empfiehlt Jugendlichen, nicht alle Erwartungen erfüllen zu wollen: „Schüler sollten sich vor allem fragen, wohin sie selbst wollen und was zu ihnen passt.“ So sei es wenig sinnvoll, auf Verdacht Chinesisch zu lernen – noch dazu mit dem Argument, die anderen machten das ja auch: „Dann bieten am Ende alle Bewerber die gleichen Qualifikationen“, sagt Knickrehm, „die Fähigkeiten stellen nichts Außergewöhnliches mehr dar, der erhoffte Pluspunkt verpufft.“

14.30 Uhr. An der IGS Linden endet Lennarts Durchschnitts-Schultag von sieben Unterrichtsstunden. Ein bis zwei Stunden sitzt der 11.-Klässler jetzt noch an den Hausaufgaben, anschließend geht er vielleicht laufen oder mixt am DJ-Pult – „nicht, um irgendwann einmal Personalchefs zu begeistern, sondern weil es mir Spaß macht“. Dabei denkt Lennart durchaus an seine Zukunft: „In der 10. Klasse war ich ziemlich faul, nun muss ich manches aufholen.“ Schule habe eben Vorrang, sagt er, sogar die Fußballschuhe bleiben vorläufig im Schrank. „Wenn ich wieder mit dem Kicken anfangen sollte, dann nur mit Freunden und meinetwegen auch nur in der Kreisklasse bei der SG Limmer“, sagt der 17-Jährige, „ich werde mich nicht in meiner Freizeit quälen, nur um irgendwann vielleicht einmal im Lebenslauf eine scheinbar tolle Spielklasse vorweisen zu können.“

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