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Sekundarstufe

Immer artig sein?

Mit Kopfnoten soll das Arbeits- und Sozialverhalten bewertet werden

Stephan Lüke

Die Kanzlerin ist dafür, ihre bisherige Bildungsministerin auch und die deutsche Wirtschaft ohnehin. Unisono setzen sie sich dafür ein, dass das Sozial- und Arbeitsverhalten deutscher Schüler benotet wird. Die finden das gar nicht lustig und wehren sich, besonders wenn die Zensuren ihr Abschlusszeugnis zieren

Zehntausende von ihnen gingen im Sommer 2009 auf die Straße. Sie traten nicht nur in den Bildungsstreik, weil sie Kopfnoten als den untauglichen Versuch, sie zu disziplinieren, ablehnen. Aber eben auch deshalb. Das aber bringt etwa die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer (CDU) nicht ins Grübeln. Sie sehe keine Veranlassung, diese Zensuren abzuschaffen oder zu modifizieren, teilte sie unlängst erneut im Landtag mit. Als Begründung fügte sie hinzu: „Schließlich bin ich keine Wind- und Wetterhenne.“ Dass ihr daraufhin wieder einmal der Wind der rotgrünen Opposition ins Gesicht blies, bedeutet nicht, dass SPD und Grüne bundesweit mit einer Stimme sprechen. Was die Sozialdemokraten in Düsseldorf verteufeln, pflegen ihre Genossen einige Kilometer weiter südlich seit langem. Rheinland-Pfalz hat nie auf die Beurteilung des Arbeits- und Sozialverhaltens verzichtet – wenn auch nur in Textform. Und zählt damit wie Baden-Württemberg, Bremen und Hamburg zu jenen, die sich „rühmen“, keine Ziffern zu nutzen, sondern das Urteil in Prosa zu fällen.

Noten wie bei den Fächerleistungen verteilen Brandenburg, NRW, das Saarland, Sachsen sowie Sachsen-Anhalt. Eine Kombination aus beidem fordern Bayern und Mecklenburg-Vorpommern, keine Vorschrift erteilen die Regierungen von Berlin, Hessen und Niedersachsen – sie überlassen den Schulkonferenzen die Form der Beurteilung. Thüringen gilt als Sonderfall. Ergänzend zum Zeugnis füllen die Pädagogen eine „Einschätzung zur Kompetenzentwicklung“ aus. Mit „Du machst das prima“, „Du machst deutliche Fortschritte“, „Du verbesserst dich mit Unterstützung“ oder „Du brauchst noch viel Hilfe. Wir werden daran arbeiten“ beantworten sie unterschiedliche Punkte der individuellen Entwicklung. Nur ein Land verzichtet zur Zeit ganz auf Kopfnoten: Schleswig-Holstein.

Am liebsten auswandern

Dorthin würde am liebsten Martin auswandern. Er besucht seit diesem Sommer die 10. Klasse einer Realschule in NRW. Und hat spürbar Sorge, weil Kopfnoten auch auf seinem Abschlusszeugnis auftauchen werden. „Ich gehöre zu jenen, die den Mund aufmachen, wenn mir etwas nicht gefällt“, erzählt er. Damit hat er leidvolle Erfahrung gemacht. Weil er sich mehrfach vehement gegen die seiner Meinung nach unfaire Behandlung einer Mitschülerin eingesetzt hat, wurde ihm die schlechteste aller möglichen Bewertungen „reingedrückt“. Das kann sich übel auswirken. Denn, daraus machen viele Betriebe keinen Hehl, eine schlechte Note im Sozialverhalten ist keine gute Basis für eine Einstellung.

So ließ ein Unternehmenssprecher von Porsche wissen, dass „Kopfnoten durchaus eine Aussagekraft besitzen, wir uns aber im Gespräch ein eigenes Bild vom Bewerber machen.“ Da aber liegt nach Ansicht der Grünen im NRW-Landtag die Crux: „Jugendliche wie Martin werden möglicherweise erst gar nicht zum Vorstellungstermin eingeladen.“ Bedenklich sei das. Schließlich gebe die Ziffer keinen Aufschluss darüber, was zu der schlechten Beurteilung geführt habe.

Diese Befürchtung untermauern die Wirtschaftsjunioren NRW. In einer Blitzumfrage erfuhren sie, dass 64 Prozent der jungen Unternehmer Kopfnoten zwar nicht als allein entscheidendes Einstellungskriterium heranziehen. „Aber“, so mahnte der Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren Mittleres Ruhrgebiet Philipp Böhme: „Bei gleichen Voraussetzungen werden sie durchaus berücksichtigt.“ Genau davor warnt ausdrücklich der Vorsitzende der GEW NRW. „Wenn im Abschlusszeugnis die Note befriedigend im Arbeitsverhalten auftaucht, bedeutet das null Chance auf einen Job“, fürchtet Andreas Meyer-Lauber.

Kein konstruktiver Beitrag

Nach seiner Einschätzung stellen Kopfnoten keinen konstruktiven Beitrag zur Werte­erziehung und zur Unterstützung der Bildungs- und Erziehungsarbeit der Schulen dar. Im Gegenteil. Die mit dieser Beurteilung verbundene Verschärfung des schulischen Leistungsdrucks sei das Gegenteil der notwendigen Verbesserung des Lernklimas und der schulischen Leistungen. Meyer-Lauber: „Lehrerinnen und Lehrer brauchen mehr Zeit zur individuellen Förderung und zur Sicherstellung einer vertrauensvollen Feedback-Kultur.“ Mit der Einführung schlichter Ziffernnoten für das Arbeits- und Sozialverhalten sei die Landesregierung in Düsseldorf lediglich den Wünschen der Unternehmen nachgekommen.

So wie die Wirtschaft denken allerdings auch die meisten Deutschen. Eine repräsentative Online-Erhebung des Markt- und Trendforschungsinstituts EARSandEYES belegt: Zwei Drittel der 1.053 befragten Bundesbürger erachten Kopfnoten für sinnvoll. Hauptargument: Soziales Verhalten sei wichtig und werde so auch fürs spätere Leben gefördert. Besonders die Generation der 30- bis 49-Jährigen ist überzeugt, die Kopfnoten hätten gar nicht erst abgeschafft werden dürfen. Rund jeder dritte Deutsche dagegen hält gar nichts von den Noten. Soziale Kompetenz ließe sich nicht mit Notendruck erzwingen, lautet ein Argument. Des Weiteren wird befürchtet, die Jugend hielte sich fortan mit kritischen Äußerungen zurück.

Druckmittel zur Disziplinierung

Zu den Gegnern zählen auch der deutsche Grundschulverband oder etwa die katholische und evangelische Kirche in NRW. Letztere haben mit dem ansonsten in diesem Punkt standfesten Ministerium eine Sonderregelung ausgehandelt – Konfessionsschulen dürfen auf die Noten verzichten. Dass ausgerechnet der Sohn des Staatssekretärs im Schulministerium und Notenfans eine katholische Privatschule besucht, ließ manch einen im Land amüsiert schmunzeln.

Ernsthafter wird es, wenn sich der Siegener Bildungsforscher Hans Brügelmann zum Thema äußert. Er fürchtet, dass Kopfnoten Zukunftsperspektiven verbauen und dass sie als Druckmittel zur Disziplinierung missbraucht werden können. Deren Aussagekraft vergleicht er mit Fachnoten: „Beide sagen über eine Leistung so wenig aus wie die Zahlen des Fieberthermometers über die Art der Krankheit.“

Das sieht Barbara Sommer völlig anders. Kopfnoten gäben Aufschluss über das Arbeits- und Sozialverhalten eines Schülers. Und zwar in einer Form, die von Eltern nachvollzogen werden könnte. Das sei bei Berichtszeugnissen nicht immer der Fall. Sie meint: „Eltern brauchen eine klare Rückmeldung von den Schulen, um auf ihre Kinder einwirken zu können. Und die Schule braucht die Mitwirkung der Eltern, wenn sie ihren Erziehungsauftrag erfüllen will.“

Brügelmanns Hoffnung, der Widerstand gegen Kopfnoten möge eines Tages erfolgreich sein, wurde bislang enttäuscht. Mehrere Verwaltungsgerichte wiesen Klagen von Eltern und Schülern ab. Die bauen nun verstärkt auf die unausgesprochene Absprache der ebenfalls kopfnotenunwilligen Lehrerkollegien – wenn Noten verteilt werden müssen, gibt’s halt die Einheitsnote „gut“.

© klett themendienst

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