Bildung
Inklusion statt Ausgrenzung
Warum Schüler mit Förderbedarf in die Regelschule gehören
Martin Huisman / Manfred Tacke
Für viele Kinder sind die Hürden hinein ins Regelschulsystem zu hoch. Das darf nicht sein
© fotolia/Anne Katrin Figge
In Deutschland sind und 430.000 Kinder in Förderschulen separiert, 60 Prozent davon als Lernbehinderte. Deutschland leistet sich dafür ein ausgeklügeltes Sonderschulsystem – von Schulen für Gehörlose bis hin zu solchen für Körper- oder geistig Behinderte. Die Kosten dafür sind immens: etwa 2,6 Milliarden Euro im Jahr. Derweil besuchen nicht einmal 15 Prozent von ihnen eine Regelschule – eine miserable Integrationsquote, mit der das Land die rote Laterne in Europa hält. Vorreiter sind Italien, Norwegen und Schweden, die 95 Prozent aller beeinträchtigten Schüler in normalen Schulen gezielt fördern.
Falle Förderschule
Indes widerlegen viele Studien alte Ängste: Weder ist eine wohnortnahe Förderung in Regelschulen teurer, noch leidet das Leistungsniveau der Klassen. Im Gegenteil: Die Umverteilung der Fördermittel auf die Schulen vor Ort ermöglicht oft sogar ein Mehr an Förderstunden. Noch bemerkenswerter fallen die Vergleichsergebnisse aus: Die integrierenden Klassen schneiden meist besser in den Tests ab als „unbeeinträchtigte“ Klassen. Offenbar kommt der individuellere Unterricht allen zugute. Noch schlechter sieht es bei den Förderschulen aus: Ein Fünftel der Schüler schafft mal eben so einen berufsrelevanten Abschluss. Und interne Vergleiche offenbaren Erschütterndes: Das Leistungsvermögen sackt im Laufe der Förderung gern auch nach unten ab. „Der Schonraum Förderschule wird zur Falle“, wie es die Berliner Pädagogik-Professorin Jutta Schöler pointiert, einhergehend mit einer negativen Spirale der Ausgrenzung und des schleichenden Verlustes an gesellschaftlicher Teilhabe.
Inklusives Bildungssystem
Dem deutschen Sonderweg hat die UN nun einen Riegel vorgeschoben. Die Behindertenrechtskonvention (BRK) von 2006 bestärkt die Selbstbestimmung der Behinderten und ihre vollgültige Teilhabe an der Gesellschaft als unveräußerliche Menschenrechte. Der Artikel 24 fordert verbindlich ein inklusives Bildungssystem. Und das englische Wort Inklusion meint mehr als Integration. Es geht nicht um teilweise Eingliederung, sondern das Aussortieren ist verboten. Inklusionsexperte Prof. Dr. Andreas Hinz von der Uni Halle bringt es auf den Punkt: „Inklusion vertritt die Idee einer Schule für alle.“ Politisch liegt darin in Deutschland immer noch Zündstoff – man denke nur an die Hamburger Bürgerproteste. Doch fernab solcher Grabenkämpfe setzt sich in der Praxis immer mehr die Erkenntnis durch, dass alle Kinder verschieden sind und dass Vielfalt das Lernen befördert. Oder wie Jutta Schöler den inklusiven Schulen das Wort redet: „Eine Schule ohne Kinder mit besonderem Förderbedarf ist keine ‚normale‘ Schule.“
Barrierefrei in Düsseldorf
Oft scheitert der gemeinsame Unterricht schon an baulichen Gegebenheiten. In Düsseldorf wird mit einer sogenannten Checkliste „Bauen für alle“, mit der auch im Schulbereich das barrierefreie Bauen vorangetrieben wird, entgegengearbeitet. So wird allen Schülern eine freie Schulwahl ermöglicht. Die Landesbehindertenbeauftragte Angelika Gemkow hat demnach „kein Verständnis, wenn bauliche Strukturen verhindern, dass Kinder mit Behinderungen in die Grundschule, Realschule, das Gymnasium oder die Gesamtschule gehen können. Bildung ist ein Menschenrecht, das nicht an Stufen und Treppen scheitern darf“.
Die Düsseldorfer Hulda-Pankok-Gesamtschule hat sich von Beginn an die Integration von körperbehinderten Kindern auf die Fahnen geschrieben. Seit dem Schuljahr 1996/97 werden dort auch Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Sprache und Motorik zielgleich unterrichtet. Dahinter steht die Annahme, dass diese Schüler bei ausreichender Förderung einen an der Schule möglichen allgemeinen Schulabschluss – vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur – erreichen können.
„Das gesamte Schulgelände ist barrierefrei zugänglich. Es gibt Aufzüge in allen Gebäudeteilen, speziell angelegte Hochbeete, die von Rollstuhlfahrern bearbeitet werden können, eine neu ausgebaute Zufahrt für Taxen und Privatfahrzeuge und durch den Bau der neuen, barrierefreien Sporthalle freien Zugang zu allen Sportstätten“, erläutert Schulleiter Heinz Gniostko.
Integration in Berlin
Auch die Erika-Mann-Grundschule in Berlin ist einer der Leuchttürme in der deutschen Bildungslandschaft, die zeigen, dass die Integration von behinderten Schülerinnen und Schülern kein Problem sein muss. Die Schule heimste schon viele Preise ein, etwa beim Bundeswettbewerb „Kinder forschen“. Sogar für den renommierten „Deutschen Schulpreis“ erhielt die Vorzeigeschule aus dem Problembezirk Wedding eine Nominierung. Und nun macht die Auszeichnung mit dem Jakob-Muth-Preis deutlich: Eine erfolgreiche und gute Schule bringt auch noch eine vorbildliche Integration zustande.
Die Erklärung dafür liegt in ihrem Schulprogramm begründet. Die Schule richtet sich generell an den einzelnen, nicht selten sozial vorbelasteten Schülern aus. Sie erstellt eigene Stärken-Schwächen-Profile und arbeitet mit speziellen Experten, die oft im Team mit unterrichten. Und jeder Lerner erhält sein eigenes Tempo, unterstützt von engen Kontakten mit den Eltern. So passen sich in den altersgemischten Klassen der ersten Jahre auch besondere Förderansprüche nahtlos ins schulische Gefüge ein. Die verlässliche Tagesbetreuung von 6 bis 18 Uhr, vom Kinderkiezzentrum im Haus angeboten, ist dazu ein stützender Pfeiler. Und nicht zuletzt die Fantasie anregende und wohnliche Gestaltung der Schule.
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