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Im Gespräch

Jürgen Rüttgers im Gespräch

Was NRW für die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen tut

NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers plädiert für mehr individuelle Förderung, den Ausbau der Ganztagsschulen und eine höhere Durchlässigkeit zwischen den Schulformen. Außerdem wünscht er sich mehr öffentliche Anerkennung für Lehrer, „denn es gibt kaum einen Beruf, der für unsere Zukunft so wichtig ist“

Wilhelm von Humboldt hat einmal geschrieben: „Wer, wenn er stirbt, sich sagen kann: ,Ich habe soviel Welt, als ich konnte, erfasst und in meine Menschheit verwandelt‘ – der hat sein Ziel erreicht.“ Ich sehe darin den Grundgedanken aller Bildung: Erst eine umfassende Bildung macht den Einzelnen zu einem selbstständigen Individuum und zu einem aktiven, verantwortungsbewussten Mitglied seiner Gesellschaft.

Ich bin der Überzeugung, dass das Humboldtsche Bildungsideal seine Gültigkeit bis heute behalten hat. Aber es ist im Zeitalter der globalisierten Wissensgesellschaft schwieriger geworden, sich im Humboldtschen Sinne umfassend zu bilden. So bietet uns das Internet zwar eine schier unübersehbare Menge an Informationen, aber es gibt keinen Automatismus, dass mehr Information auch zu mehr Bildung führt. Viele Menschen stehen ratlos vor der steigenden Wissens- und Informationsflut der Medien. Es droht die Spaltung der Gesellschaft in diejenigen, die mit dem neuen Wissen umgehen können und in diejenigen, die damit überfordert sind. Es muss uns gelingen, alle Kinder auf die Wissensgesellschaft vorzubereiten. Das schaffen wir nur, wenn die Allgemeinbildung an unseren Schulen gestärkt wird: Jedes Kind muss ein breites Wissensfundament bekommen, das ihm erlaubt, zu entscheiden, welche Information wichtig und welche unwichtig ist.

Gleichzeitig muss jedes Kind so gefördert werden, wie es seinen Begabungen entspricht. Es muss die Chance zum sozialen Aufstieg bekommen. Eine Schulstrukturdebatte bringt uns dabei nicht weiter. Die Experten sind sich vielmehr einig, dass die individuelle Förderung jeder Schülerin und jedes Schülers der Schlüssel zum Erfolg ist.

Voraussetzung dafür ist ganz grundsätzlich, dass genug Lehrer an unseren Schulen unterrichten: Deshalb haben wir in Nord­rhein-Westfalen 8.124 zusätzliche Lehrerstellen neu geschaffen. Außerdem müssen die Schulklassen kleiner werden: Sie sind in Nordrhein-Westfalen im Durchschnitt die größten im Bundesländervergleich. Deshalb wollen wir maximale Klassengrößen von 25 Schülern in Grund- und Hauptschulen und 28 Schülern in Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien erreichen. Wir sind optimistisch, dass wir dieses Ziel bei den Eingangsklassen der Grund- und Hauptschulen bis 2015 erreichen können – denn gerade dort sind kleine Klassen besonders wichtig.

An unseren Schulen gibt es viele gute neue Ideen, wie individuelle Förderung gelingen kann. Damit die Schulen ihre Ideen auch umsetzen können, machen wir sie zu eigenverantwortlichen Schulen, die für ihre speziellen Bedürfnisse ihr eigenes Profil entwickeln können. Außerdem werden die Leitungsaufgaben von Schulleitern ausgebaut. Ihnen werden sukzessive Aufgaben des Dienstvorgesetzten übertragen.

Um sozialen Aufstieg zu ermöglichen, muss sich die Durchlässigkeit in unserem Schulsystem verbessern. Wir fördern den Schulaufstieg leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler daher stärker als bisher. Kam in den Jahren 2000 bis 2005 im Mittel auf 15 „Schulabsteiger“ nur ein „Schulaufsteiger“, so lag diese Quote zum Schuljahr 2009/10 etwa bei 7 zu 1. Das ist noch nicht das endgültige Ziel, aber schon mal ein besserer Zwischenstand.

Wichtig ist uns auch, die Übergänge Kindergarten – Grundschule – weiterführende Schule für die Kinder so problemlos wie möglich zu machen. Deshalb hat die Landesregierung die verpflichtende Sprachförderung schon zwei Jahre vor Beginn der Schulzeit eingeführt. So können Kinder, die die deutsche Sprache noch nicht altersgemäß beherrschen, Defizite aufholen, bevor sie in die Grundschule kommen.

In der fünften und sechsten Klasse wird jetzt in jedem Schulhalbjahr geprüft, ob für ein Kind ein Wechsel der Schulform im Sinne eines „Aufstiegs“ in Betracht kommt. Das sorgt für eine höhere Durchlässigkeit des Schulsystems.

Wir freuen uns über die bisherigen Erfolge und wollen noch mehr tun. Dazu gehört der Ausbau des Ganztagsunterrichts: Wir liegen jetzt schon bei rund 550.000 Ganztagsplätzen in Nordrhein-Westfalen. Im nächsten Schuljahr kommen noch einmal mehr als 56.000 Plätze hinzu. Bis 2015 sollen mindestens 43 Prozent aller Kinder einen Ganztagsplatz nutzen können.

Bei allen Anstrengungen, unsere Schulen besser auszustatten und leistungsfähiger zu machen, ist eines klar: Ohne unsere Lehrerinnen und Lehrer geht gar nichts. Es gibt kaum einen anderen Beruf, der für unsere Zukunft so wichtig ist. Er muss daher endlich die öffentliche Anerkennung bekommen, die er verdient. Ich will, dass jede Lehrerin und jeder Lehrer in diesem Land sagen kann: Ich bin stolz, in diesem Land die Verantwortung für die Bildung unserer Kinder zu tragen.

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