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Sekundarstufe

Macht mehr Theater!

Was das Fach „Schul­theater“ für die Schulentwicklung leisten kann

Martin Huisman

Theater erfordert Haltung zu sich selbst, zu anderen und zu der Welt

Das Fach „Schultheater“ hat sich in den letzten Jahren zu einer eigenständigen Profession entwickelt. Schulen, die sich damit profilieren, durchlaufen meist einen umwälzenden Prozess. Sie präsentieren sich nicht nur kunstvoll nach außen. Auch ihre innere Kultur, ihre Haltung zu sich selbst, wandelt sich. Denn Theater ist wie Schule eine Ensemble­leistung und verändert den Schulalltag grundlegend

Ursprünglich wurde das Schultheater zu bestimmten feierlichen Anlässen eingesetzt oder auch von dramenbegeisterten Deutschlehrern immer wieder aus der Versenkung gehoben – doch es wurde nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen und oft belächelt.

Das hat sich in den letzten Jahren verändert: Wer sich heute ein Bild vom Schultheater machen will, muss mit alten Vorstellungen brechen. Die Zeit, in denen die Klassiker als Laienspiel in Schulaulen aufgeführt wurden, ist passé. Gespielt werden oft mitreißend moderne Inszenierungen. Selbst „Theater heute“, die führende deutschsprachige Theaterzeitschrift, attestierte dem Schultheater unlängst anerkennend eine neue Qualität.

Schultheater heute

Doch was macht diese Theaterarbeit so neu und anders? Eine der Antworten: Die Theaterpädagogik mit ihrem reichen Repertoire an Methoden ist in den Schulen angekommen. So bimsen die Schüler nicht bloß Texte auswendig. „Sie lernen eine größere Bandbreite ihres Körpers und ihrer Stimme kennen und erweitern ihre Ausdrucksmöglichkeiten. Wir beschäftigen uns mit der Bedeutung von Rhythmus, Rolle, Raum und Requisite wie auch von Regiekonzepten. Wir trainieren die diversen Spielarten und Genres. Wir improvisieren und entwickeln Szenen frei. Erst danach beginnt die Arbeit am Stück“, gewährt Harro Pischon einen Einblick in sein Tun als Theaterlehrer am Arndt-Gymnasium in Berlin-Dahlem.

Haltung lernen

Während der Körper, abgesehen vom Sportunterricht, sonst in der Schule stillgelegt ist, lässt sich Theater nicht ohne ihn denken. Im Theater geht es um eine köperbetonte Auseinandersetzung, also die explizite Vermittlung von Haltungen. Denn der Sinn des Bühnenhandelns liegt in der Regel nicht in der Selbstpräsentation, sondern in der Präsentation von etwas anderem vor einem anderen. Theater erfordert deshalb, so Eckart Liebau, Pädagogik-Professor und wissenschaftlicher Leiter des Studiengangs Darstellendes Spiel an der Universität Nürnberg-Erlangen, „im körperlichen und mentalen Sinn Arbeit an der Haltung, damit es gelingen kann.“

Die Kinder und Jugendlichen lernen dabei, sich ihres Körpers bewusst zu werden, ihn einzusetzen und ihre eigene Haltung selbstbewusster zu vermitteln. Theater­arbeit schult so fürs Leben, denn die Spieler schlüpfen in andere Rollen und müssen sich fremde Figuren „anverwandeln“. Sie erfassen soziale Situationen oder historische und politische Umstände. Das fordert von ihnen Empathie und fördert die intellektuelle Durchdringung. Unterschiedliche Lebens­entwürfe werden im Theater erprobt und am eigenen Leib erfahren. So trägt die Thea­terarbeit in der Schule mit „leibhaftigen Erfahrungen“ zur Entfaltung der Person bei.

„Erst in der Aufführung“, so Liebau in der neuen Zeitschrift „Schultheater“, „wird die ganze Komplexität dieser Situation erfahrbar. Im Schultheater gibt es hier eine von anderem Theater deutlich unterschiedene Rezeptionssituation. Es gilt eine ganz besondere Aufmerksamkeit den Bühnenakteuren, weil sie sich hier in anderen als den Alltagssituationen zeigen, sichtbar werden und wahrgenommen werden können. Für das jugendliche Publikum der Mitschüler und Freunde werden dabei häufig ungeahnte Seiten an den Bühnenakteuren sichtbar, die zur Differenzierung der Bilder des anderen beitragen, aber zugleich auch eigene bisher nicht realisierte Möglichkeiten aufscheinen lassen können. Auch für das erwachsene Publikum, die Eltern und die Lehrerinnen und Lehrer, spielt dieser erhellende Verfremdungsaspekt sicher eine zentrale Rolle. Schultheater kann die Gewohnheit bilden, sich voll Spannung und Neugier dem Fremden zu nähern: dem fremden Text, den fremden Ausdrucksformen, der fremden Figur, dem fremden Spiel, den fremden Partnern, dem fremden Publikum und – am allerwichtigsten – dem fremden Selbst. Man lernt, eigene Haltungen auch zu eigenen Haltungen zu entwickeln.“

Wertung und Wirkung

Während seit zwei Jahren das Darstellende Spiel außerdem als Prüfungsfach für das Abitur zugelassen ist – und ab 2010 auch in allen Bundesländern angeboten wird –, bleibt es an Haupt- und Förderschulen seit PISA erst recht außen vor. Die Kernfächer haben wieder ihre Priorität zurückerobert. Denn zu groß ist die Angst von Bildungspolitikern vor einem erneut schlechten Abschneiden in den kommenden OECD-Studien. Schultheater ist demzufolge nicht nützlich für eine bessere PISA-Platzierung.

Und trotzdem – oder gerade deswegen – wünsche ich mir in PISA-Zeiten: „Macht mehr Theater!“ Denn das Theaterspiel setzt wichtige Bildungsprozesse in Gang. Schließlich ist die Lesekompetenz eine zentrale Voraussetzung, um überhaupt Theater spielen zu können. Und das Theaterspiel schult nicht nur Sprach- oder Sozialkompetenzen. Theater kann noch mehr: Es verändert Schulen, Lehrer und Schüler – in jeder Schule.

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