Qualitätsentwicklung
Qualität
Großer Wandel in kleinen Schritten
Heike Kahl
Was zeichnet eine gute Schule, eine gute Ganztagsschule aus? Engagierte Lehrerinnen und Lehrer? Sicher. Eltern, denen die Entwicklung ihrer Schule und die ihrer Kinder gleichermaßen am Herzen liegen? Natürlich. Eine Schulleitung, die andere Akteure, auch außerschulische Partner, teilhaben lässt? Klassenräume, in denen es Freude macht zu lernen? Ein gesundes Mittagessen? Ja, auf all dies ist eine gute Schule angewiesen. Eine Ganztagsschule ist jedoch vor allen Dingen dann gut, wenn sie von den Interessen und Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ausgeht. Das bedeutet eine gedankliche Umkehr – weg von der Frage: Welchem Anspruch müssen Kinder und Jugendliche in welchem Alter gerecht werden? Hin zu der Frage: Was braucht dieses Kind, dieser Jugendliche, um sich in seiner ganzen Persönlichkeit entwickeln zu können? Mit Blick auf die gute Schule schließt dies ein grundsätzliches Umdenken ein. Auch hier gilt – weg von der Frage: Wie muss das Kind sein, um der Schule gerecht zu werden? Hin zu der Frage: Wie muss die Schule sein, damit sie dem Kind gerecht wird? Antworten darauf gibt es bereits viel mehr, als man denkt.
Gute Lösungen für den Ganztag
Einen Teil dieser Antworten können Sie in dieser Ausgabe von BildungSpezial nachlesen. Es handelt sich um die Porträts der Schulen, die die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung im Rahmen des bundesweiten Ganztagsschulprogramms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ ausgezeichnet hat. Der Wettbewerb im Schuljahr 2008/2009 stand unter dem Thema „Zeigt her eure Schule – Qualität im Alltag.“
Das Ziel hat Jürgen Oelkers, Professor an der Universität Zürich und Sprecher der Jury, klar benannt: „Wir zeichnen im Wettbewerb gute Lösungen für den Ganztagsbetrieb aus.“ Lösungen, die sich an den Entwicklungsaufgaben von Ganztagsschulen in den einzelnen Bundesländern orientieren:
- dem individualisierten Lernen,
- der Verbindung von Vor- und Nachmittag, der Teambildung in multiprofessionellen Teams, der Rhythmisierung,
- der verbesserten Kooperation mit außerschulischen Partnern/Jugendhilfe, den Bildungslandschaften und der Einbeziehung aller an Schule beteiligten Akteure.
„Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“
Die Auszeichnung guter Ganztagsschulen, die Würdigung guter Praxis ist das eine. Das Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ unterstützt darüber hinaus seit fünf Jahren Ganztagsschulen bei ihrer Qualitätsentwicklung bundesweit. Die Serviceagenturen in 15 Bundesländern moderieren die Prozesse des Auf- und Ausbaus von Ganztagsschulen – immer orientiert an den Bedingungen der Schulen und Länder, an Stärkenorientierung, Reflexion, Anerkennung und Freude. Die Angebote in den Ländern sind geprägt von den Bedürfnissen und die Ressourcen vor Ort. Und immer wird versucht, die verschiedenen Zielgruppen einzubinden. Durch die Arbeit der Serviceagenturen wird Vielfalt genutzt, ohne beliebig zu sein. Austausch, Reflexion und Steuerung der Prozesse helfen Ergebnisse nutzbar und verallgemeinbar zu machen, letztendlich Maßstäbe dafür zu finden, was gute Schule ist.
Ein halbes Jahrzehnt nach Beginn des Ganztagsschulprogramms finden sich in der Praxis viele Beispiele für gute Ganztagsschulen. Einige Bundesländer haben „Orientierungsrahmen“ speziell für Ganztagsschulen entwickelt, die die Praktikerinnen und Praktikern vor Ort wirklich nutzen. Die Ganztagsschulforschung hat erste Bedingungsfaktoren für Qualität des Angebots formuliert. Gründe, auf das Erreichte stolz zu sein? Ja, aber kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Der Ganztagsschulforscher Eckhard Klieme, Professor an der Universität Frankfurt am Main, beschreibt die zukünftigen Aufgaben folgendermaßen: „Die größte Herausforderung für die kommenden Jahre wird sein, die Angebote qualitativ hochwertig auszugestalten, diese in ein Gesamtkonzept von Ganztagsschule zu integrieren sowie das Zusammenspiel aller Beteiligten zu verbessern.“ Das Thema Qualität steht also ganz oben auf der Tagesordnung.
Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung wird Ganztagsschulen in den Bundesländern auch in den kommenden Jahren bei der Entwicklung ihrer Qualität unterstützen. Sie tut dies, indem sie Begegnungen zwischen Schulen schafft. Schulen vernetzt. Den Wissenstransfer der Ganztagsschulforschung in die Fläche organisiert. Das Erfahrungswissen der Praxis der Wissenschaft zugänglich macht und Fortbildungen und Qualifikationen unter anderem für Lehrer, Schüler, Schulleitung und außerschulische Partner anbietet. Ein Blick auf das Portal www.ganztaegig-lernen.de lohnt sich auf jeden Fall.
Qualität der Einzelschule vor Ort
Bildungspolitische Initiativen können Bewegung ins Schulsystem bringen, doch die Einzelschule vor Ort entscheidet, wie viel Aufmerksamkeit sie der Qualität ihrer Lern- und Betreuungsangebote widmet. Qualität entsteht in der Schule, wenn gemeinsam darüber nachgedacht wird, wie die dort verbrachte Lebenszeit so gestaltet wird, dass alle gestärkt und bereichert werden. Das Engagement lohnt sich aber.
Davon ist auch die langjährige didaktische Leiterin der Laborschule in Bielefeld, Annemarie von der Groeben, überzeugt: „Die Schritte können klein sein, wenn die Gedanken groß sind. Der große Gedanke ist doch, dass wir jetzt vor einer wirklichen Erneuerung, vor einem Wandel der Schule stehen.“
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