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Im Gespräch

Turbo-Abi im Ganztag?

Das G8 ist heiß diskutiert. In Niedersachsen gilt das „Turbo-Abitur“ auch für Gesamtschulen, obwohl fast 10.000 Schüler gegen die Einführung des G8 an Gesamtschulen demonstriert und Lehrerverbände und Eltern sich gegen dagegen ausgesprochen hatten. Seitdem steht die Kultusministerin Heister-Neumann unter Druck. Welche Wege andere Bundesländer beim G8 gehen, zeigt die Umfrage von Martin Huisman

Nordrhein-Westfalen

Sommer

In Nordrhein-Westfalen existieren zwei Schulzeitmodelle nebeneinander. An Gesamtschulen, die in der Regel im Ganztagsbetrieb geführt werden, geht die gymnasiale Oberstufe bis zur 13. Klasse, an Ganztagsgymnasien wurde das G8 eingeführt. Sollen perspektivisch beide Varianten erhalten bleiben oder ist es das Ziel, in Zukunft komplett auf das G8 zu setzen, wie es z. B. Niedersachsen tut?

Barbara Sommer, Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes NRW: Es bleiben beide Varianten erhalten. Schülerinnen und Schüler am Gymnasium erwerben die Allgemeine Hochschulreife nach 12 Jahren, an der Gesamtschule bleibt es beim Abitur nach 13 Jahren.

Die Gesamtschulen sind für viele ein attraktive Alternative. Sie führen auch Schülerinnen und Schüler zum Abitur, die keine oder nur eine eingeschränkte Gymnasialempfehlung haben. Wenn Eltern ihrem Kind mehr Zeit geben wollen, sich zu entwickeln und zu entfalten, kann das ein gutes Argument für die Gesamtschule sein.

International sind mittlerweile jedoch 12 Jahre bis zum Abitur Standard. Mit der Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium sichern wir die Chancengleichheit unserer Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich. Gleichzeitig verhindern wir durch klare Regelungen, dass es dabei zu unnötigen Belastungen kommt. Wir haben den Unterrichtsstoff des entfallenden Schuljahres nicht einfach auf die anderen Jahrgänge verteilt. Wir haben den Unterricht selbst auf den Prüfstand gestellt, in Teilen neu definiert und entsprechend neue Lehrpläne in Kraft gesetzt. Wir haben den Nachmittagsunterricht für Kinder der 5. und 6. Jahrgangsstufe auf maximal einen Tag in der Woche begrenzt. Nachmittagsunterricht für Kinder der Jahrgangsstufen 7 und 8 ist nur noch an höchstens zwei Tagen in der Woche vorgesehen. Klassenarbeiten sollen nachmittags nicht mehr geschrieben werden und an Tagen mit Nachmittagsunterricht sind in der Sekundarstufe I­

Hausaufgaben für den Folgetag nicht mehr zulässig. Ich freue mich, dass diese Vorgaben von unseren Gymnasien inzwischen zum Wohle der Schülerinnen und Schüler gut umgesetzt werden.

Thüringen

Müller

In Thüringen ist die gymnasiale Oberstufe zweigeteilt. Am Gymnasium gilt das G8, an der Gesamtschule das G9. Und für Schüler, die am Ende der Regelschule auf das Gymnasium wechseln, werden gesonderte Klassen eingerichtet (Klasse 11S), in denen die Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe nachgeholt wird. Danach geht es auch für sie in zwei Jahren (11.–12. Klasse) zum Abitur. Das hört sich schwierig an, ist es aber nicht. Was sind die Vorteile des Thüringer Modells? Warum nehmen sich die anderen Bundesländer nicht ein Beispiel an diesem Modell?

Bernward Müller, Thüringer Kultusminister: Kein Abschluss ohne Anschluss – so lautet das Grundprinzip des zweigliedrigen Schulsystems in Thüringen. Nach der 4. Klasse wechseln die Schüler entweder an eine Regelschule oder an ein Gymnasium. Am Gymnasium wird das Abitur regulär nach acht Jahren erworben. Die Regelschüler können einen Hauptschul- oder einen Realschulabschluss erwerben. Mit dem Realschulabschluss wiederum ist es möglich, die gymnasiale Oberstufe an einem Beruflichen Gymnasium oder einem Gymnasium mit den 11S-Klassen zu besuchen. Dort wird die gymnasiale Oberstufe absolviert. Nach drei Jahren kann das Abitur erworben werden.

Das ist nicht kompliziert, sondern es zeigt, dass es in Thüringen verschiedene Wege zur allgemeinen Hochschulreife gibt. Es muss also nicht immer zwingend das reguläre Gymnasium sein, an dem das Abitur erworben wird. In Thüringen ist die Schullaufbahnentscheidung nach der 4. Klasse keine Entscheidung für das gesamte spätere Leben eines Kindes, wie immer behauptet und kritisiert wird. Neben dem Weg über die Regelschule oder das Gymnasium können in Thüringen beruflich besonders Qualifizierte, wie beispielsweise Meister, ebenfalls an einer Hochschule studieren. Insgesamt kann man es auf einen Nenner bringen: Viele Wege können in Thüringen zum Studium führen.

Rheinland-Pfalz

Ahnen

Das „Turbo-Abitur“ gibt es in Rheinland-Pfalz nur an speziellen Ganztagsgymnasien und nennt sich G8GTS. Die verkürzte gymnasiale Schulzeit wird schrittweise an Standorten eingeführt, an denen dies von den Eltern, der Schule und dem Schulträger gewünscht wird. Dieser Weg, den Rheinland-Pfalz beschreitet, ist ganz anders als der der übrigen Bundesländer. Warum haben Sie diesen Weg gewählt, und wo liegen die Vorteile?

Doris Ahnen, Staatsministerin für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur : Für uns in Rheinland-Pfalz war in der Debatte um die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von Anfang an entscheidend, dass die gymnasiale Ausbildung auch in acht Jahren ohne Abstriche an der Qualität gewährleistet bleiben muss. Wir haben uns daher ganz bewusst entschieden, im Sinn eines qualitativ hochwertigen Bildungsangebots die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit mit einem Ganztagsschul-Konzept zu verbinden und sie auch nicht flächendeckend zu verordnen.

Entscheidend waren dabei erstens die rheinland-pfälzischen Erfahrungen aus dem 2001 gestarteten Ganztagsschulprogramm für alle Schularten, zweitens die Erkenntnis aus der Begleitforschung zur Begabtenförderung an Gymnasien, dass die Verkürzung der Ausbildungszeit bis zum Abitur ohne einen überzeugenden pädagogischen und organisatorischen Rahmen Teile der Schülerschaft überfordert, und drittens schon sehr früh auftauchende Berichte über Probleme bei G8 in anderen Bundesländern.

Um die bestmögliche Förderung aller Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten, fördert Rheinland-Pfalz den Aufbau von Ganztagsgymnasien mit achtjährigem Bildungsgang durch zusätzliche Lehrerzuweisungen, durch die finanzielle Unterstützung von Baumaßnahmen insbesondere für „ganztagstypische“ Räume und durch einen klaren Rahmen sowie pädagogische Hilfestellungen für die G8GTS-Konzepte der einzelnen Schulen. Die Einführung von G8-Ganztagsschulen nur an ausgewählten Standorten garantiert dabei zum einen, dass Eltern sich frei für einen gymnasialen Ausbildungsweg entscheiden können, der den individuellen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler entspricht, zum anderen erleichtert dies Weiterentwicklungen des G8GTS-Rahmenkonzepts auf der Basis von Erfahrungen aus der Praxis.

Hamburg

Goetsch

Hamburg löst sein mehrgliedriges Schulsystem auf. Ab August 2010 gibt es in Hamburg nur noch sechsjährige Primarschulen, Stadtteilschulen und Gymnasien. Die Stadtteilschulen werden alle Abschlüsse inklusive des Abiturs nach 13 Jahren anbieten. Die Gymnasien bauen auf das G8. Ist das für Sie ein erster Schritt hin zur Wiedereinführung des G9 – oder stehen G8 und G9 auch weiterhin gleichberechtigt nebeneinander?

Christa Goetsch, Senatorin für Schule und Berufsbildung: Hamburg führt mit seiner Schulreform neben der sechsjährigen Primarschule und der Stadtteilschule das sechsstufige Gymnasium ein, also weder ein G8 noch ein G9.

Die Schulzeit bis zum Abitur bleibt daher für Gymnasiasten bei 12 Jahren. Schülerinnen und Schüler der zukünftigen Stadtteilschule erwerben in der Regel nach 13 Jahren das Abitur. Der Grund hierfür liegt in der unterschiedlichen Gestaltung der Bildungsgänge. Am Gymnasium geht es wesentlich um den Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife, an der Stadtteilschule soll zunächst ein mittlerer Abschluss nach Jahrgang 10 erworben werden, der auch auf eine qualifizierte Berufsausbildung vorbereitet. Nach diesem Abschluss können Schülerinnen und Schüler der Stadtteilschule, wenn sie die Voraussetzung für den Besuch der Oberstufe erreichen, im Rahmen eines dreijährigen Bildungsganges das Abitur erwerben.

Das Abitur an der Stadtteilschule ist dem Abitur am Gymnasium gleichwertig. Beide Abschlüsse entsprechen der Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II der KMK.

Hessen

Henzler

In Hessen kommt die Revolution von unten: Fast die Hälfte der hessischen Gesamtschulen steigt zum kommenden Schuljahr aus dem umstrittenen „Turbo-Abi“ aus und kehrt zur neunjährigen Schulzeit bis zum Abitur zurück. Ist damit das G8 in Gesamtschulen gescheitert? Und welche Auswirkungen wird das auf die Gymnasien mit Ganztagsangebot im Land Hessen haben?

Dorothea Henzler, Hessische Kultusministerin: Wir haben den Ko­operativen Gesamtschulen bewusst die Möglichkeit eingerichtet, zwischen G8 und G9 frei wählen zu können, um durch diese Schulform das gymnasiale Angebot insbesondere im ländlichen Raum sicherzustellen und weil ich es respektiere, dass es Schülerinnen und Schüler gibt, die sich mehr Zeit zum Lernen wünschen. Zum kommenden Schuljahr werden von den 115 Kooperativen Gesamtschulen 44 zu G9 zurückgekehrt sein. Das ist gerade mal ein Drittel. Demgegenüber stehen 71 Kooperative Gesamtschulen und 105 Gymnasien mit G8. Damit bieten wir Eltern und Schülern eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an. Hessen hält insgesamt an G8 fest, denn es bietet Schülerinnen und Schülern die Chance, schneller in Studium, Ausbildung und Beruf zu gelangen. Schließlich haben fast alle anderen Bundesländer ebenfalls den verkürzten gymnasialen Bildungsgang eingeführt und in den europäischen Nachbarländern sind die Schülerinnen und Schüler auch erheblich jünger, wenn sie ihren Schulabschluss machen. Da müssen die hessischen Schülerinnen und Schüler konkurrenzfähig bleiben. Wir werden für Schüler und Lehrer G8 weiter erleichtern. Dazu arbeiten wir an einer Verschlankung der Lehrpläne in der Oberstufe und haben mit der Änderung des Schulgesetzes die rechtliche Grundlage für weitere Erleichterungen durch die Einführung einer Kontingentstundentafel und von Wahlunterricht geschaffen.

Bremen

Jürgens-Pieper

Ab Schuljahresbeginn 2011 ruht in Bremen das Schulsystem ab Klasse 5 nur noch auf zwei Säulen: der Oberschule, die bis Klasse 13 führt und dem Gymnasium, das das Abitur nach 12 Jahren anbietet. Wie sinnvoll ist es, diese zwei Schulformen nebeneinander stehen zu lassen? Sollte man nicht stattdessen die Umwandlung aller Oberschulen in Ganztagsschulen vorantreiben?

Renate Jürgens-Pieper, Senatorin für Bildung und Wissenschaft: Natürlich möchten wir Schulen im Land Bremen gerne in Ganztagsschulen umwandeln, aber wenn wir ehrlich sind, ist das in der momentanen Haushaltslage nicht möglich. Aus diesem Grund haben sich die Koalitionspartner darauf geeinigt, jedes Jahr in Bremen drei Schulen und in Bremerhaven eine Schule in eine Ganztagsschule umzuwandeln – und das mit Übernahme sämtlicher Folgekosten.

Ein Blick auf den Ist-Zustand zeigt, dass wir im Land Bremen sehr gut aufgestellt sind. In der Sekundarstufe erreichen wir mit der Ganztagsschule fast 30% – genauer gesagt 29,8% – der Schülerinnen und Schüler. Und natürlich sind wir daran interessiert, dass auch alle Gymnasien zu Ganztagsschulen werden. Aber hier sieht die Entwicklung – auch bedingt durch das G8 – momentan so aus: Durch die verkürzte Gesamtschulzeit wird der Unterricht in den Nachmittag verlagert. Ganztagsschulen, die sich auch durch Rhythmisierung, Freiräume und Betreuungsangebote auszeichnen, sind diese Schulen natürlich noch nicht. Außerdem ist die Finanzierung, wie schon erwähnt, im derzeitigen Haushalt nicht vorgesehen.

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