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Qualitätsentwicklung

80 Minuten reichen aus!

Ein Ganztagsgymnasium rhythmisiert

Sabine Schweder

Alle Schüler haben jetzt die Zeit, sich mit Ihren Themen intensiv zu beschäftigen

Individuelle Lernzeiten sind am Gymnasium in Stralsund seit Längerem fester Bestandteil im Ganztag. Vor allem auch wegen einer guten Organisationsidee. Der normalerweise in 90-minütigen Blöcken zusammengefasste Fach­unterricht wurde um jeweils 10 Minuten gekürzt.

„80 Minuten reichen!“, so stellten es die Lehrerinnen und Lehrer heraus. Die „gesparten“ 10 Minuten ergeben zwei neue Blöcke und werden seit 2008 als individuelle Lernzeiten verwendet. Da gleichzeitig die Fachkollegen weniger unterrichten, bleibt „bezahlte“ Zeit für individuelles Lernen, für Betreuung und Förderung. Das Hansa-Gymnasium hat damit eine kostenneutrale Lösung gefunden, um den Schülern individuelle Lerneziten zu ermöglichen.

Das praxistaugliche Modell hat sich anhand des zentralen Leitbildes der Schule durchgesetzt. In diesem bekennt sich das Kollegium dazu, dass die Schülerinnen und Schüler „das selbstständige und eigenverantwortliche Lernen“ lernen sollen und das vor allen Dingen. Es ging dem Kollegium „ausnahmsweise“ nicht um die fachliche Profilierung, sondern um das Lernen als selbstständige Angelegenheit. „Wir wollen unsere Schüler befähigen, selbstständiger zu lernen und sehen das als besonderes Profil unserer Schule“, so die Schulleiterin Ilona Vierkant. Und mit der eingeführten Rhythmisierung wird auch das Problem der Hausaufgaben in der Ganztagsschule auf den Tisch geholt und angepackt.

Die Schule hat 2004 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Mit diesem Status war es der Schulleitung und dem Kollegium möglich, den Alltag an der Schule zu flexibilisieren. „Da hatten wir freie Hand“, so die Schulleitung. Auch an dieser Schule begann die Rhythmisierung damit, dass eine Unterrichtsstunde auf Block umgestellt wurde. Dadurch steigerte sich zunächst die Qualität des Unterrichts.

Erste Versuche

Mit der Einführung der Blöcke sammelte sich Pausenzeit. Diese können die Schüler gegen Mittag „abbummeln“ oder zum freien Lernen nutzen. In einem weiteren Schritt experimentierte die Schule mit zeitlich gestaffelten und ausgedehnten Mittagsfreizeiten. „Damit unsere Schüler nach dem Ganztag nicht noch an den Hausaufgaben sitzen, wollten wir ihnen um den Mittag Zeit geben.“

Das Konzept wurde jedoch gestoppt und wird heute liebevoll als „Irrtum“ bezeichnet. Auch wenn jetzt die Schulmensa zeitweise aus den Nähten platzt, die gemeinsame Mittagsfreizeit ist ein notwendiges Zeitfenster für den jahrgangsübergreifenden Austausch und kollegiale Gespräche. Mittagsfreizeit ist, so weiß man jetzt am Stralsunder Gymnasium, notwendiger Kommunikations- und Entspannungsraum für alle und zwar zur gleichen Zeit für alle Jahrgänge und alle Lehrer. Diese Einsichten stellten das Kollegium vor die Aufgabe, Rhythmisierung ganz neu zu denken.

90 – 10 = 80.

Die Lernzeiten werden inzwischen individuell genutzt

Die Schule hat eine Lösung gefunden. Um den Schülern eine individuelle Lernzeit (Studienzeit) zu ermöglichen, kam nur ein Weg in Frage: Unterricht wurde gekürzt. So entstehen pro Woche 160 Minuten in eigener Regie. Bevor an der organisatorischen Schraube gedreht wurde, hatte das Kollegium die Raumressourcen geprüft. „Schüler entscheiden jetzt, wohin sie während der Lern- und Studienzeiten gehen. Im Klassenraum gibt es eine Liste. An diesen sehen wir, ob wir einen Schüler im Computerkabinett, dem Stillarbeitsraum oder im Lernfoyer suchen müssen. Einige Schüler der gymnasialen Oberstufe bleiben mit bestimmten Lernaufgaben in der Cafeteria und trinken einen Kaffee. Darauf blicken wir immer mehr (völlig) entspannt. Wenn jemand im Unterricht den Kopf auf den Tisch legt, dann macht er auch nichts, und genauso kann es sein, dass er eben auch in der Lernzeit mal weniger (nichts) tut“, so Schulleiterin Vierkant.

Nicht alle Jahrgänge haben gleichzeitig ihre individuelle Lernzeit. Die Zeiten werden durch die Blocktafel gut verteilt. Freiarbeit und Wochenplan sind feste Zeiten im Schulalltag des Gymnasiums. Die Lehrkräfte, die in diesen Zeiten ihre „restliche“ (bezahlte) Zeit verwenden, teilen sich untereinander auf und bieten Beratung und thematische Angebote (Themenrunden). So ergibt sich für die Schüler eine Vielfalt der Angebote und je nach Bedarf und Neigung entscheiden sie, ob sie teilnehmen oder sich nach eigenen Vorstellungen betätigen. Aber diese Zeit wird nicht als Freizeit abgebummelt, sondern für Lernzwecke verwendet.

Die Formel für den Wochenplan

Neben der individuellen Lernzeit (80 Minuten) werden im Rahmen des gebundenen Ganztagsbetriebes auch die Hausaufgaben als Wochenplanarbeit (80 Minuten) erledigt. Damit sind die einsparten 160 Minuten „verbraucht“. Im Wochenplanblock lernen die Schüler nach individuell abgestimmten Plänen. Sie setzen sich mit empfohlenen Aufgaben auseinander, entscheiden aber selbst über Tempo und Reihenfolge. Der Wochenplan ist für jeweils vier Wochen „angesetzt“. In diesem Zyklus bearbeiten die Schüler einen empfohlenen Pflichtteil und einen von drei Wahlteile. Je Zyklus werden auf diese Weise in jeder Klassenstufe vier Fächer (aber nicht nur die Hauptfächer) bearbeitet.

Voraussetzung für eine gute Wochenplan­arbeit nach diesem Format ist, dass die Jahrgangsteams (Kollegen) kooperieren. Abstimmung ist da „essentiell“, aber mitt­lerweile Routine an der Schule.

Wie in Skandinavien

Schulleiterin Ilona Vierkant: „Wenn ein Schüler aus der Stunde rausgeht und sagt, das hab ich überhaupt nicht verstanden, hat er die Chance, durch individuelle Betreuung und Zeit den Anschluss wieder zu gewinnen. Dabei haben wir uns an den skandinavischen Ländern orientiert.“

In der Abiturstufe gibt es die 160 Minuten als zwei „Portionen“ freier Studienzeit. Ein voller Schul(all)tag endet für Abiturienten gewöhnlich um 16.30 Uhr. Für das Vertiefen, Nachholen und das gemeinsame Arbeiten mit anderen bliebe keine Zeit. Gerade für die oft problembehaftete Mathematik können die Schüler in der „Studienzeit“ nun Aufgaben und Probleme untereinander und mit dem Fachlehrer gemeinsam lösen.

Jeden Monat wird außerdem eine Vorlesung angeboten. Mit dieser können und sollen sich die zukünftigen Studenten schon einmal an die Methoden im Hochschulstudium gewöhnen. Dafür werden dann die Hörsäle der benachbarten Fachhochschule genutzt.

Leistung eines Q-Teams

Die Entwicklung des Rhythmisierungs-Modells beruht auf der Arbeit eines Qualitäts­teams an der Schule. Mit den typischen Phasen der Qualitätsarbeit wurde das nun erfolgreiche Modell über vier Jahre hinweg entwickelt. Die Schritte, die zwischendurch auch auf Irrwege führten, hätten sicher ausgereicht, um zu sagen: „Das vergessen wir wieder.“ Negative Rückmeldungen und problematische Evaluationsergebnisse wurden aber nicht als Grund zum Aufgeben empfunden, sondern als Anlass zum Nachdenken, wie man es besser machen könnte.

Die Schule

Hansa-Gymnasium Stralsund

Schulleitung: Ilona Vierkant

www.hansagymnasium-stralsund.de

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