Sprachlicher Anfangsunterricht
Ganz Ohr
Grundlagen, Prozesse und Ziele der sprachlichen Entwicklung von Schulkindern
Markus Hofmann
Wenn Kinder sprechen lernen und sich im Formulieren üben, müssen wir Erwachsene uns oft das Lachen verkneifen. Da wird dann beim Piratenspielen vor dem Kapitän mit „ein Ei“ statt mit „aye aye“ salutiert. Oder im Abendlied von Matthias Claudius steigt aus den Wiesen kein Nebel, sondern „Der weiße Neger Wumbaba“, so der Titel des bekannten Buches von Axel Hacke.
So vergnüglich diese Patzer auch sind: Sie zeugen von einem beginnenden Sprachverständnis mehr oder weniger komplexer Äußerungen, von der sich entwickelnden Fähigkeit, Gehörtes zu interpretieren und einen individuell logisch scheinenden Sinn daraus abzuleiten. Und nicht zuletzt auch von dem Wunsch, sich möglichst präzise mitzuteilen.
Komplizierte Sache
Eine große Leistung, vor allem, wenn die Kinder einen vorgelesenen schriftsprachlichen Text zu durchdringen versuchen. Denn das Schriftsystem hat sich nicht evolutionär entwickelt, es wurde von Spezialisten konzipiert. Geschriebene Sprache folgt einem anderen Konzept als gesprochene Sprache. Kinder sind also mit zwei Systemen konfrontiert, und je eher sie lernen, zwischen den Welten zu wandeln, desto größer die Chance, sich in beiden sicher zu bewegen.
Neben dem alltäglichen Gespräch ist es vor allem das Vorlesen, das dies fördert. Indem sie in niedergeschriebene, vorgelesene Geschichten eintauchen, erwacht der Wunsch, ihre Empfindungen verbal auszudrücken, das Gehörte zu reflektieren. Dies führt fast zwangsläufig zu einer Erweiterung des Wortschatzes, der sprachlichen Gewandtheit, zu einem wachsenden Verständnis für sprachliche Normen, Grammatik und Syntax. Der Weg zum lesenden Verstehen von Sprache ist bereitet. Daran wird auch deutlich, wie wichtig eine vielfältige Kommunikationskultur in der Familie ist. Kinder, die sich in ihren Familien intensiv austauschen, Probleme erörtern, von Erlebnissen berichten können und die Relevanz des Lesens tagtäglich erleben, haben gute Voraussetzungen für einen erfolgreichen Anfangsunterricht. Auch externe Angebote, wie Fernsehen und Internet können in dieser Hinsicht durchaus positiv wirken. Immerhin sind sie Teil unserer Kommunikationskultur, technisch wie inhaltlich. Mit dem richtigen selektiven Gespür können Eltern und Pädagogen deren zweifellos existierendes, sprachförderndes Potenzial nutzen.
Prägend für das künftige Lernen
Überall auf der Welt beginnen Kinder zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr damit, die schriftliche Form ihrer Muttersprache, also das Lesen und Schreiben zu erlernen. Dieser Zeitpunkt ist optimal, weil nun die neurophysiologischen und sensomotorischen Grundlagen für das Sprechen gereift sind und für das Lesen- und Schreibenlernen eine sichere Basis bilden. Außerdem – so sollte es zumindest sein – beherrscht das Kind zu diesem Zeitpunkt die mündliche Form seiner Muttersprache auf der Laut-, Wort- und Satzebene. Je sicherer das Kind am Schulanfang die Lautsprache nutzen kann, desto leichter fällt ihm das Schreiben- und Lesenlernen.
Umgekehrt bekommen vor allem jene Kinder fächerübergreifende Lernschwierigkeiten, die mit schwacher lautsprachlicher Kompetenz, mit verzögerter Sprachentwicklung oder mit Sprachstörungen ihre Schullaufbahn starten. Das trifft auch dann zu, wenn Kinder die Symptome lautsprachlicher Defizite wie das Stammeln durch sprachtherapeutische Maßnahmen bis zum Schuleintritt überwinden konnten. Restdefizite in basalen Funktionen bleiben trotz Therapie oft bestehen. Beim Übergang in die nachfolgende Ebene des hierarchisch gegliederten Systems der Sprache – in die Schriftsprache – wirken sich diese Defizite wieder aus.
Die Frage nach dem Status quo
Das lautsprachliche Niveau spiegelt besonders deutlich den Entwicklungsstand eines Kindes wider und lässt Rückschlüsse darauf zu, über welche sprachlich-kognitiven Kompetenzen es verfügt. Nach Helmut Breuer und Maria Weuffen sind fünf Sprachwahrnehmungsleistungen zu unterscheiden:
- Die optisch-graphomotorische Differenzierungsfähigkeit: Voraussetzung für das Schreiben- und Lesenlernen.
- Die phonematisch-akustische Differenzierungsfähigkeit: Voraussetzung für das Sprechen-, Schreiben- und Lesenlernen und bedeutsam für das Unterscheiden von klangähnlichen, jedoch bedeutungsunterscheidenden Vokalen und Konsonanten.
- Die kinästhetisch-artikulatorische Differenzierungsfähigkeit: Voraussetzung für die Sprechmotorik, für normgerechte Lautbildung, für die richtige Reihenfolge und Vollständigkeit der Laute im Wort.
- Die melodisch-intonatorische Differenzierungsfähigkeit: Voraussetzung für das Schreiben- und Lesenlernen, für das Leseverständnis und für das Erlernen der Rechtschreibung. Sie hat besondere Bedeutung für die Ausbildung des Sprachgedächtnisses.
- Die rhythmisch-strukturierende Differenzierungsfähigkeit: Voraussetzung für die Speicherung von Wort- und Schriftinhalten sowie von Satzschemata.
Wie erkennt man aber, ob Kinder diesen Kriterien genügen? Etwa anhand zweier, vereinfacht dargestellter Merkmale:
1. Erfassen und Imitieren
Es gilt zu betrachten, inwieweit das Kind im Übergang zur Grundschule die Lautsprache und später die Schriftsprache in ihrer realen Daseinsweise, also in ihren sinnlich-wahrnehmbaren Eigenschaften zum Zwecke der Kodierung und Dekodierung, erfassen und imitieren kann. Relevant sind dabei nicht nur visuelle und phonologisch-auditive, sondern auch auditiv-rhythmische, auditiv-melodische und kinästetisch-sprechmotorische Kompetenzen.
2. Lautsprachliche Grundfertigkeiten
Wie hoch das lautsprachliche Niveau eines Schulanfängers ist, zeigt sich auch darin, ob er die lautsprachlichen Grundfertigkeiten altersentsprechend beherrscht. Um Lautsprache in Schriftsprache und umgekehrt transformieren zu können, muss das Kind fähig sein, normgerecht zu artikulieren. Es sollte außerdem über einen altersentsprechenden Wortschatz und ein normales Sprachgedächtnis verfügen sowie ausreichend Satzbildungsregeln beherrschen, um Gedanken verstehen und kommunikationsgerecht formulieren zu können.
Sprachliche Fähigkeiten ganzheitlich nutzen
Selbst wenn ein Grundschulkind im Anfangsunterricht all das erfüllt: Ein Lese- und Schreiblernerfolg ist ihm damit noch nicht sicher. Nun sind weitsichtige Konzepte und Vermittlungsweisen gefragt, damit die Kinder ihre kognitiven Leistungen auf das Lesen und Schreiben übertragen können. Ein erster Schritt in diese Richtung ist es, Sprach-, Lese- und Schriftkultur nicht getrennt, sondern – fächerübergreifend – als Einheit zu betrachten. Ziel sollte ein Unterricht sein, in dem Sprechen, Lesen, Schreiben und Nachdenken über Sprache sinnvoll miteinander verknüpft werden.
Dass es kaum funktioniert, das eine ohne das andere zu erlernen, zeigt ein in der Unterrichtspraxis immer noch zu beobachtendes Missverständnis: Schüler werden von ihren Lehrern angehalten, genau hinzuhören, um zu erfassen, wie man das Gehörte richtig sschreibt. Dabei führt nicht die akustische Analyse zur Erkenntnis, sondern das Lesen, denn nur am geschriebenen Wort wird etwa der Unterschied zwischen einem langen Doppelvokal und einem einfachen Vokal mit Dehnungs-H offenbar. Wer sinn- und systemerfassend liest, lernt auch, wie das System Sprache funktioniert. Mit all seinen Abweichungen.
Das Vorlesen hat nicht nur pädagogischen Wert. Es fördert auch den familiären Zusammenhalt – und macht einfach Spaß
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