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Leseförderung

Konkurrenz fürs Leitmedium?

Mit neuen Technologien die Leselust bewahren

Markus Hofmann

Leseförderung am PC: Hier können Kinder nicht nur lesen, sondern auch Literatur recherchieren und sich darüber austauschen

Erschreckend viele deutsche Schüler lesen selten und nur mit Widerwillen. Jedenfalls das, was engagierte Pädagogen und Eltern für lesenswert halten. Daran ist die Schule nicht ganz unschuldig. Während sich das Leben der Kinder im Zeitalter von Handy, PC und Internet grundlegend gewandelt hat, verharrt der Leseunterricht oft noch in tradierten Kommunikations- und Interaktionsformen. Dabei bergen die neuen Medien durchaus Potenzial für die Leseförderung – das die Schulen nutzen müssen, damit die Schüler wieder eine positive Sicht auf das Lesen entwickeln

Gut 80 Romane fährt Karla W. auf ihrem Rad spazieren. Die 32-jährige Grundschullehrerin ist auf dem Heimweg, braucht jetzt aber erstmal eine kurze Pause vom Unterricht. Sie lehnt ihr Rad an eine Parkbank und lässt sich nieder. Aus der Tasche zieht sie ihr E-Book. Scrollt, tippt, blättert. Seite 214, da war sie stehengeblieben.

Das flache Gerät wirkt auf den ersten Blick hypermodern, fortschrittlich, sexy. Doch ist es im Grunde nur eine technisch herausgeputzte Form des altehrwürdigen Buches. Schon fast rührend, wie die Hersteller Optik und Handling der medialen Urgesteine nachempfinden wollen, damit sich die Leserschaft nur ganz sanft umgewöhnen muss. Auch, wenn die Produzenten das anders verkaufen: Das Lesen am Mini-Bildschirm ist alter Wein in neuen Schläuchen.

Kippt das Bildungsideal?

Sich die Welt schwarz auf weiß zu erschließen, ist in den Augen vieler Kinder und Jugendlicher nichts als Zeitverschwendung. Denn ihr Alltag ist komplizierter und schneller, das Arsenal audiovisueller Reize größer geworden. Wenn sich Kinder durch ihre Welt bewegen, sind elektronische Medien ihre ständigen Begleiter. Einige Schulen öffnen sich dieser Entwicklung, wenn auch oft zaghaft und nur auf Anweisung ihrer Träger. Andere stemmen sich mit den „guten alten“ Kommunikationstechniken und Medien bewusst gegen den Zeitgeist – als Hort eines tradierten, des vermeintlich wahren Bildungsideals. Hier wirkt das Lesen auf die Schüler tatsächlich wie ein Anachronismus, eine lästige Pflicht, nicht als sinnliches, lehrreiches Erlebnis. Ein gefährlicher Teufelskreis: Sinkt die Lesebereitschaft, stockt die Entwicklung jener alten Kulturtechnik, ohne die etwa mathematische Textaufgaben, aber auch neue Medien kaum erfassbar sind. Leseunwillige Kinder geraten daher fast automatisch an simpel konsumierbare Angebote, die Fantasie, Kreativität und kritische Reflexion obsolet machen. Kaum vorstellbar, mit einer Generation von Lesemuffeln den Rückstand zum internationalen Bildungsniveau aufzuholen. E-Books, iPads und Co. werden das auch nicht ändern. Was zählt, ist ein zeitgemäßer pädagogischer Ansatz, der die Leselust der Kinder nachhaltig bewahrt.

Offensichtliche Versäumnisse

Die Lesesozialisation beginnt im frühkindlichen Alter. Indem die Eltern ihm vorlesen, wecken sie das Interesse des Kindes, prägen seine Aufmerksamkeit und bereiten damit die Alphabetisierung vor.

Eltern und Geschwister nehmen also eine Vorbildfunktion ein. Kinder holen sich bei ihnen die Motivation, selbst zu lesen und sich über das Gelesene auszutauschen. Doch das Leseverhalten von Jugendlichen lässt sich nicht daran messen, wie viel ihnen im Kindesalter vorgelesen wurde. Leselust ist auch nicht naturgegeben, sie muss – zunächst am besten spielerisch – trainiert werden. Je früher, desto besser.

Es gibt viele Faktoren, die das Leseverhalten von Jugendlichen beeinflussen. Eine Veränderung wird in der Vorpubertät deutlich: Kinderlektüre verliert an Attraktivität. Auch weil mit zunehmendem Alter andere Dinge wichtiger werden: Freunde, Musik, selbstständig gestaltete Freizeitaktivitäten. Aber vor allem, weil sich die Jugendlichen mit den Inhalten einst geliebter Bücher nicht mehr identifizieren können. Sie suchen eine neue Orientierung, finden sie mangels entsprechender Anreize aber oft nicht. Die Popkultur mit all ihren trivialen Konsumangeboten gewinnt dafür an Boden. In dieser Phase sinkt die Lesebereitschaft deutlich, ebenso die Entscheidungskraft, was man wann lesen will und wie viel Zeit man sich dafür nimmt. Ein äußerst wichtiger Zeitpunkt. Allerspätestens jetzt müssten Schulen diese Entwicklung auffangen. Doch vielerorts verstreicht die Chance ungenutzt: Schulen vermitteln das Lesen und Lesenlernen nicht als kreativen, selbstgesteuerten Prozess, schaffen weder inhaltlich noch medial Identifikationsansätze für die Schüler. Umso befremdlicher für diese, wenn digitale und virale Lese- und Informationsangebote dort ignoriert werden, die doch aber integraler Bestandteil ihrer Lebenswelt sind. Eine Schule, die den Anspruch hat, dass die Kinder dort „für das Leben lernen“, darf sich diese Schwächen nicht leisten.

Lesefreude teilen

Sich über Gelesenes auszutauschen, ist mindestens ebenso spannend wie das Lesen selbst. Nicht nur, dass Kinder ihre Lieblingsbücher gern vorstellen – dadurch gewinnen ihre Mitschüler auch neue Anreize für das eigene Leseverhalten.

Hier anzusetzen und dabei digitale Medien einzubeziehen, hat sich schon in vielen Schulen als sinnvoll erwiesen. Ganz nebenbei entwickeln die Schüler neue Kompetenzen im Umgang mit PC und Peripherie, etwa wenn sie Bilder und Buchtitel einscannen und mit Audioaufnahmen versehen.

Über eine selbst erstellte Schul-Website können Leseerfahrungen und -tipps von Schüler zu Schüler weitergegeben werden. Mit Primolo, einem Homepage-Generator von Schulen ans Netz e. V., sind solche Websites schnell und einfach produziert.

Als Archiv und Reflexionsplattform bieten sich auch Internetangebote wie „Leselilli“ oder „Antolin“ an. Dort können die Kinder nicht nur aus einem reichen Fundus an vorgestellten Büchern schöpfen: Sie können sie rezensieren oder auch dazu Quizfragen beantworten, um Online-Punkte zu sammeln. Derartige Plattformen wollen nicht nur das Lesen fördern, sondern auch das Umgehen mit Literatur als Teil des kulturellen Lebens attraktiver gestalten.

Neue Lernkulturen schaffen

Selbst das Lesen- und Schreibenlernen können neue Medien unterstützen. Etwa mit multimedialen Anlauttabellen: Eingescannte Buchstaben, Silben und Bilder können mit Filmaufnahmen von Kindern verknüpft werden, die die Anlaute zur Nachahmung vorsprechen. Über ein schuleigenes Intranet oder die Schulhomepage holen sich die Kinder diese Lernhilfe in den Klassenraum – oder nach Hause, wenn sie dort das Lesen und Schreiben üben.

PC-gestützte Schreibwerkstätten beflügeln die Fantasie der Kinder und fördern den Prozess ihres Schriftspracherwerbs. Wiederum mit Hilfe des Internets können sie ihre Text-Kreationen der Schulöffentlichkeit vor- und zur Diskussion stellen und auch zuhause ihren Familien zeigen. Kurz: Durch neue Medien werden individuelle Leseerfahrungen und Lernerfolge öffentlich – und motivieren die Mitschüler dazu, selbst in dieser Richtung aktiv zu werden.

Den Aspekt des Miteinanders betonen innerhalb der Klassenzimmer besonders die interaktiven Whiteboards. Sie sind keine überdimensionierten Computermonitore, die den Frontalunterricht technisch aufpeppen sollen, sondern ermöglichen als kombiniertes Präsentations- und Eingabemedium die unmittelbare Interaktion zwischen daran agierender Person und der Klasse: Mit Hilfe spezieller Stifte und Software können Schüler wie Lehrer darauf Texte verfassen, Bilder bearbeiten und sich im Internet bewegen. So bleibt der Gemeinschaftscharakter bei der Leseförderung erhalten: In der großen Gruppe macht Kindern der Umgang mit Texten und Literatur besonders viel Spaß.

Und genau diesen Spaß müssen die Schulen den Kindern vermitteln, wenn diese ihre Leselust bewahren sollen. Das sieht auch E-Book-Leserin und Grundschullehrerin Karla W. so: „Wer Spaß an Literatur und am Lesen hat, geht selbst auf die Suche nach Neuem. Man öffnet die Tür zu einem Kosmos der Persönlichkeitsentfaltung, auch was das eigene lebenslange Lernen betrifft“, sagt sie und knipst ihren digitalen Schmöker aus. „Und ob diese Tür nun ein Bildschirm oder ein Blatt Papier ist, spielt überhaupt keine Rolle.“

Literatur, ob gedruckt oder elektronisch, bietet Möglichkeiten des Rückzugs in eine ganz eigene, innere Welt

Buch und PC sind keine Konkurrenten, sondern gleichgerechtigte Medienangebote mit eigenen Vorzügen, die sich zur Leseförderung hervorragend verbinden lassen