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Vielfalt

Kulturelle Wirklichkeit

Wie realistisch geben Schulbücher die gesellschaftliche Wirklichkeit wieder?

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Viele Lehrbücher nutzen Geschichten und Figuren, um Schülern Sprach- oder Wissenswelten zu eröffnen. Doch wie realistisch geben diese Bücher die gesellschaftliche Wirklichkeit wieder, in der wir leben? Der Lehrer und Vorstandsvorsitzende des Vereins Public Diversity e.V. Cahit Basar setzt sich dafür ein, dass Schulbücher die kulturelle Vielfalt widerspiegeln, die in heutigen Klassen mit Schülern ganz unterschiedlicher Herkunft zu finden ist.

Wie beurteilen Sie die kulturelle Vielfalt in deutschen Schulbüchern?

Cahit Basar: Wir haben in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt. Protagonisten, Namen, Gepflogenheiten oder äußerliche Merkmale, die unsere gesellschaftliche Realität abbilden, werden deutlich stärker in den Lehrbüchern aufgenommen als dies in den vergangenen Jahren der Fall war. Einige Verlage zeigen eine enorme Sensibilität darin, kulturelle Diversität verstärkt abzubilden und somit Schülerinnen und Schülern diversester Herkunft Identitätsbilder mitzugeben. Gerade in Sprachlehrbüchern wird dies wunderbar aufgegriffen. So sehr wir aber Fortschritte erzielt haben, heißt das noch lange nicht, dass unsere Ansprüche erfüllt werden. Migranten werden zwar als Teil der Bevölkerung aufgegriffen, aber es werden häufig visuelle Klischees bedient.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Cahit Basar: Erst neulich habe ich im Fach Sozialwissenschaften mit einem aktuellen Buch folgende Aufgabenstellung mit meinen Schülerinnen und Schülern erarbeitet: „Vergleichen Sie den Familienalltag in Polen mit dem in der Bundesrepublik Deutschland.“ Meine Schülerinnen und Schüler waren völlig überfordert und fragten: „Ja, aber Herr Basar, was meinen Sie denn damit?“ Und dann haben wir versucht, das im Unterrichtsgespräch zu klären und festgestellt, dass die 15 Schüler, die sich gemeldet hatten, alle ganz unterschiedliche Rituale und Umgangsformen in ihren Familien pflegen. In solchen Situationen steht man als Lehrer vor unerwarteten didaktischen Herausforderungen. Die Schüler wollen wissen: „Ja, ist mein Familienalltag denn ein Familienalltag in der Bundesrepublik?“ Und ich sage: „Natürlich, denn du lebst in Deutschland, fertig, aus!“ Bei dieser Aufgabe haben die Autoren geschlafen, würde ich sagen.

Wer muss noch stärker für das Thema sensibilisiert werden?

Cahit Basar: Da gibt es eine Vielzahl von Akteuren, bei denen sich aktuell etwas tut. Die Kultusministerkonferenz hat mit einer Reihe von Migrantenorganisationen und Verlagen eine Bildungsvereinbarung getroffen. 2014 wurde daraus eine zweite Erklärung erarbeitet, die ich als Verbandsvertreter der Kurdischen Gemeinde Deutschland unterschreiben durfte. Darin stehen konkrete Schritte, unter anderem, dass Autorenteams von Schulbüchern stärker für die Darstellung kultureller Vielfalt sensibilisiert werden sollen.

Was muss noch getan werden, damit kulturelle Vielfalt in Schulbüchern angemessener dargestellt wird?

Cahit Basar: Erstens, wir brauchen eine Themenvielfalt, die die unterschiedlichen Adressatengruppen einer Schulklasse anspricht. Zweitens brauchen wir Redaktionsteams, in denen Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten. Immerhin haben heute etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Drittens, die Visualisierung soll und darf keinen Klischees entsprechen oder Vorurteile bedienen. Eine Muslima muss nicht mit Kopftuch abgebildet werden. Das geht auch anders.

Welche Rolle spielen Schulbücher für die Integration von Flüchtlingen?

Cahit Basar: Allein im letzen Jahr haben wir etwa eine Millionen Flüchtlinge aufgenommen und werden auch in den kommenden Jahren eine ansehnliche Zahl von Menschen aufnehmen. Bereits jetzt gibt es in NRW ca. 1.300 Integrationsklassen mit im Schnitt zehn bis 15 Schülerinnen und Schülern. Selbst wenn wir hier nur von zehn Schülerinnen und Schülern sprechen, haben wir 13.000 Jugendliche, die versorgt werden müssen. Dafür will die Landesregierung NRW 2.500 zusätzliche Lehrerstellen schaffen. Die Unterrichtsmaterialien hinken aber dieser Realität hinterher. Das kann ich auch verstehen, denn ihre Erstellung braucht seine Zeit. Was diesen jungen Menschen vermittelt werden muss, ist nicht nur die deutsche Sprache. Sie brauchen vor allem Demokratiepädagogik. Viele kommen aus Ländern, in denen Demokratie oder gewaltfreie und zivilgesellschaftliche Diskussionskultur an sich völlig unbekannt sind. Das Verhältnis zwischen jung und alt, Mann und Frau, hetero und homo; die Fähigkeit, zu akzeptieren, dass andere anders sind und wir damit leben können und sogar wollen. Das ist die große Herausforderung, nicht nur Vokabeln pauken. Wir müssen dafür sorgen, dass diese jungen Menschen nicht nur sprachlich, sondern auch werte- und normentechnisch bei uns ankommen und uns in diesem Bereich stärker aufstellen, im Übrigen auch für unsere Jugendlichen generell. Ich kann nur hoffen, dass Schulbuchverlage jetzt Teams zusammensetzen, um sich dieser Aufgabe zu widmen. Sonst haben wir in einigen Jahren ganz andere Probleme.

Cahit Basar ist seit 14 Jahren als Oberstudienrat im Schuldienst in Nordrhein-Westfalen tätig; Gründungsmitglied und Sprecher des Netzwerks der Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte in NRW; seit 2012 Mitglied im Beirat „Integrationspolitischer Dialog“ der Staatsministerin für Integration der Bundesregierung und seit 2013 Vorstandsvorsitzender des Vereins Public Diversity e.V. ( www.public-diversity.de)

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