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Reden wir mal über deine Schwächen!

Was spricht für Lernentwicklungsgespräche und was dagegen?

Unbequeme Situation: So ganz wohl ist beim LEG kaum einem Schüler zumute. Bei allen Vorteilen: Dem Kind sitzen Autoritätspersonen gegenüber, die immer einen Druck aufbauen – ob sie wollen oder nicht

Lernentwicklungsgespräche (LEG) ersetzen bereits seit einigen Jahren in vielen Bundesländern das klassische Halbjahreszeugnis. Doch über das 30- bis 45-minütige Gespräch zwischen Eltern, Lehrer und dem jeweiligen Schüler wird viel diskutiert. Pro und Kontra zum Thema LEG

Die Einführung der Lernentwicklungsgespräche wurde geradezu euphorisch begrüßt. Als Abschied von der Monologkultur bezeichnete Klaus Wenzel, Ehrenpräsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), 2014 die Einführung der Lernentwicklungsgespräche in Bayern. „Lehrer, Schüler und Eltern treten so in einen Dialog und tauschen sich über Probleme und Lernfortschritte aus. Das ist pädagogisch wertvoller als eine schriftliche Mitteilung, die wesentlich an die Eltern adressiert ist“, sagte Wenzel. Eine Überforderung der Schüler durch diese Gespräche befürchtete der gelernte Hauptschullehrer nicht: „Ich glaube, so ein Austausch kann sehr hilfreich sein.“ Er räumt jedoch ein, dass ein solcher Austausch immer konstruktiv und wertschätzend sein sollte. „Vergessen werde dürfe darüber hinaus auch nicht, dass Kinder keine gleichberechtigten Partner sein können und im Lernprozess Hilfe, Förderung und Unterstützung brauchen“, erklärt Wenzel.

Hilfreicher Austausch: BLLV-Ehrenpräsident Klaus Wenzel will mit dem LEG weg von der Monologkultur in Schulen

Bessere Kommunikation

Das LEG kann also die häufig mangelhafte Kommunikation zwischen Lehrer, Schüler und Eltern aufwerten – und zwar abseits des Unterrichts und weit entfernt von typischen Schüler-Lehrer-Gesprächen, in denen es nur um die Note geht. Es bietet die Chance für ein vertrauliches, individuelles Gespräch, wie es im Schulalltag nur selten zustande kommt. Während des Unterrichts sind solche Gespräche eher zufälliger Natur und natürlich nicht vorbereitet. Nach dem Unterricht handelt es sich dann meistens um Gespräche, in denen lediglich Probleme angesprochen werden.

Ein LEG geht hingegen über reine Krisengespräche hinaus, denn im Fokus steht, wie der Name schon sagt, die individuelle Lernentwicklung des Schülers. Es sollen eine Bestandsaufnahme des Lernstandes und die Planung der weiteren Lernziele erfolgen. Indem die Schüler dabei ihr eigenes Lernentwicklungsziel formulieren und ihre Entwicklungsschritte planen, nehmen sie ihr Lernen selbstständig in die Hand; die Eigenverantwortung wird gestärkt. Statt Schulnoten, deren konkrete Aussagekraft eher gering ist, stehen im Lernentwicklungsgespräch neben der fachlichen vor allem auch die fachübergreifenden Kompetenzen der Kinder im Mittelpunkt – etwa die Zusammenarbeit mit anderen Schülern oder die Teilnahme am Unterricht.

Selbstanklage des Schülers

Soweit die unbestrittenen Vorteile des Lernentwicklungsgesprächs. Allerdings wird es auch durchaus kritisch gesehen. LEG-Gegner bemängeln, dass kein Gespräch auf Augenhöhe zustande kommen kann, da das Kind zwei Autoritätspersonen gegenübersitzt, die – gewollt oder ungewollt – Druck aufbauen. Es findet quasi eine Selbstanklage des Schülers statt. Auch wenn Schwächen und Stärken gleichermaßen angesprochen werden sollen, überwiegen doch die Schwächen, denn sie gilt es zu beheben. Und welche das beim jeweiligen Schüler sind, weiß dieser ganz genau, hat ihm doch der Lehrer seine Schwächen über das Schuljahr hinweg zum Beispiel durch Noten und das LEG begleitende Zeugnisse mehr als deutlich vor Augen geführt.

Die Konsequenz ist, dass der Schüler die Schuld allein bei sich sucht, wohingegen andere mögliche Ursachen, die nicht in seiner Macht liegen, ausgeblendet werden. Schließlich ist nicht jeder Pädagoge ein guter Pädagoge. Und natürlich weiß der Schüler auch, welche Ansprüche an ihn gestellt werden, die dann am Gesprächsende in einer Lernvereinbarung schriftlich festgehalten, mitunter sogar vom Schüler unterschrieben werden. Studien belegen zudem, dass auch verbale Beurteilungen nicht gegen Verzerrungseffekte immun sind. Das ist jedoch ein grundsätzliches Problem aller Leistungsbewertungen. Dass es jedoch ausgerechnet in einem Gespräch einem Schüler gelingt, solche Effekte im Beisein des Lehrers und der Eltern auszuräumen, ist mehr als fraglich.

Angesichts dieser Kritik ist es kein Wunder, dass Lehrer und Eltern dem LEG skeptisch gegenüberstehen. Es gibt noch zu viele offene Fragen. „Bei vielen Grundschullehrern erlebe ich eine große Unsicherheit, wie Lernentwicklungsgespräche tatsächlich kindgerecht geführt werden können“, sagt Lerncoach- und Lernberatungs-Expertin Hanna Hardeland. Häufig wird die Beratungskompetenz der Lehrer schlicht vorausgesetzt. „Eltern wiederum wissen oft nicht, was sie im Gespräch erwartet“, sagt Hardeland.

Hoher Arbeitsaufwand

Hinzu kommt, dass die praktische Umsetzung vielerorts für Kritik sorgte. Insbesondere der große Arbeitsaufwand steht im Kreuzfeuer. Lehrkräfte müssen die Gespräche detailliert vorbereiten sowie anschließend mit Eltern und Kindern diskutieren, statt lediglich Ziffern zu addieren und einen Durchschnitt zu bilden. Aber auch für Schüler und deren Eltern ist es mitunter schwieriger, ein Gespräch zu interpretieren. So erfahren sie zum Beispiel in einem Rasterzeugnis für das Fach Mathematik, wie gut sie multiplizieren können, Textaufgaben verstehen und geometrische Formen erkennen. Im Gegensatz zu Ziffernnoten ist so zwar unmittelbar einsichtig, in welchem Bereich tatsächlich Nachholbedarf besteht und in welchem nicht. Was man aber zumindest auf den ersten Blick nicht erfährt: ob das nun insgesamt im Vergleich zu den Mitschülerinnen und Mitschülern eine gute, eine mittelmäßige oder eine schlechte Leistung ist.

Weniger ist manchmal mehr: Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe wollte zunächst zwei LEG pro Schüler und Schuljahr. Jetzt ist nur noch ein Gespräch in Hamburg verpflichtend

Immerhin blieb die Kritik nicht ohne Folgen: So waren beispielsweise in Hamburg zunächst pro Schuljahr zwei Lernentwicklungsgespräche mit Eltern und Schülern vorgeschrieben. Inzwischen ist nur noch ein Gespräch verpflichtend, über das zweite kann die Schule entscheiden. „Ein Lernentwicklungsgespräch pro Schuljahr kann ausreichen, wenn zusätzlich über Zeugnisse, Elternabende, Elternsprechtage sowie im direkten Gespräch zwischen Eltern und Lehrern die Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler reflektiert wird“, umreißt Ties Rabe, Hamburger Senator für Schule und Berufsbildung, den nicht gerade geringen Aufwand für die Schülerbeurteilung.

Richtig angewendet, kann das Lernentwicklungsgespräch dazu dienen, die individuellen und sozialen Kompetenzen des Schülers zu identifizieren und im Unterricht zu fördern. Für ersteres ist das LEG unabdingbar, denn im Unterricht gelingt es nur ungenügend, derartige Kompetenzen zu erkennen. Wenn das LEG jedoch nur ein besseres Gespräch über Noten ist, verfehlt es sein Ziel und führt lediglich zu einer Mehrbelastung des Lehrers.

Exkurs: Auf dem Laufenden zu bleiben, schützt vor Stress in der Familie

Bei fast der Hälfte aller Familien, deren Kinder in der Schule Noten bekommen, führen schlechte Noten zu Streit oder schlechter Stimmung. Betroffen sind auch viele Schulkinder mit überwiegend guten schulischen Leistungen. So lautet das Ergebnis einer forsa-Umfrage im Auftrag des Nachhilfe-

instituts Studienkreis, die Anfang 2017 erschienen ist. Befragt wurden die Eltern auch zur Förderung ihres Kindes: Knapp drei Viertel unterstützen ihr Kind auf unterschiedliche Arten, um dessen schulische Leistungen zu verbessern – auch Schüler mit überwiegend Einsen und Zweien werden mehrheitlich gefördert.

41 Prozent aller Eltern, deren Kind in der Schule Noten bekommt, sagen, dass schlechtere Noten den Familienfrieden stören. In einer von zehn Familien kommt es sogar zum Streit. Das ergab die aktuelle Studienkreis-Umfrage zum Thema „Schlechte Noten“. Für die bundesweit repräsentative Studie befragte das Forschungsinstitut forsa in Deutschland gut 1.000 Eltern im Alter von 25 bis 59 Jahren mit schulpflichtigen Kindern. Von denjenigen, bei denen schlechtere Schulnoten zu Streit führen, sagte knapp jeder Zweite, dass im letzten Zeugnis seines Kindes überwiegend Einsen und Zweien standen. „Dass diese Antwort so häufig vorkam, liegt zum Teil daran, dass Eltern die schulischen Leistungen ihrer Kinder insgesamt sehr positiv einschätzten. Es zeugt aber auch von einer hohen Erwartungshaltung“, sagt Max Kade, pädagogischer Leiter des Nachhilfeanbieters Studienkreis. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Streit gibt, bei Kindern mit überwiegend schlechten Noten etwa doppelt so hoch wie bei Einser- und Zweierschülern. Die gute Nachricht sei, dass mehr als die Hälfte der Eltern bei schlechten Noten die Ruhe bewahren, sagt Kade. „Streit um Noten muss nicht schlecht sein, wenn er dazu führt, dass sich die Eltern mit ihren Kindern über schulische Anforderungen und Ziele austauschen und zu einer gemeinsamen Position kommen. Sich aber bei schlechten Noten in gegenseitigen Vorwürfen zu verzetteln, bringt nichts und kostet viel Energie und Motivation.“

Nachhilfe auch für Einserschüler

Der Studienkreis fragte auch, was Eltern tun, um die schulischen Leistungen ihrer Kinder zu verbessern. Gut ein Viertel der Eltern, deren Kind im letzten Zeugnis überwiegend Einsen und Zweien bekommen hat, antwortete: „Nichts, mein Kind benötigt keine Hilfe.“ Gut die Hälfte der Eltern hilft ihrem Kind selbst. Von den Schülern mit überwiegend guten Noten auf dem letzten Zeugnis erhalten 14 Prozent private Nachhilfe und 9 Prozent professionelle Nachhilfe durch ein darauf spezialisiertes Unternehmen wie dem Studienkreis. 

Streit überträgt sich auf die Eltern

Gibt es Streit, so tragen ihn die Eltern meist direkt mit dem Kind aus. Bei jeder dritten betroffenen Familie überträgt er sich allerdings auch auf die Eltern und diese streiten untereinander wegen der schlechten Schulnote. Auf die Frage wie häufig schlechtere Noten Ursache für Streit oder schlechte Stimmung sind, antworteten 38 Prozent der Betroffenen, dass dies mindestens einmal im Monat vorkommt. Bei der Mehrheit (60 Prozent) sind schlechte Noten seltener Konfliktauslöser, beispielsweise nur bei der Zeugnisvergabe. Kade sagt: „Ärger beim Zeugnis gibt es vor allem dann, wenn Eltern von den Noten überrascht werden. Ich empfehle deshalb, sich regelmäßig zu informieren, wie das Kind in der Schule steht. Wer auf dem Laufenden bleibt, kann früher eingreifen und das schont letztlich die Nerven aller Beteiligten.“

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Trotz gewisser Risiken, auf die der vorige Beitrag eingegangen ist: Das Lernentwicklungsgespräch (LEG) kann beim Schüler das selbst … mehr