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Medienpädagogik

Diener oder Dämon?

Neue Medien in der Grundschule: Nutzen, Chancen, Anforderungen

Die neuen Kernlehrpläne vieler Bundesländer fordern Computer-Basiskompetenzen schon in der Grundschule. Das stößt bei Eltern nicht immer auf Begeisterung und mancher Lehrer ist damit überfordert. Ist also das Scheitern dieser Pläne programmiert?

Der Computer: seit Jahren ein „heißes Eisen“ in der Diskussion um die Zukunft des (Grund-)Schulunterrichts. Kritiker reduzieren ihn auf „Ballerspiele“ und jugendgefährdende Web-Inhalte. Befürworter dagegen sehen in Computer und Internet neue Chancen für Wissenserwerb und -transfer, Erfolgskontrolle und Kommunikation.

Elmar Fischer ist einer von ihnen. Für den Kölner Montessori-Pädagogen und Grundschulleiter liegt die Notwendigkeit, den Computer als Werkzeug für und im Unterricht zu nutzen, klar auf der Hand: Für ihn ist der Umgang mit dem PC zu einer Kulturtechnik geworden. Beherrscht man sie nicht, ist lebenslanges Lernen nur eingeschränkt möglich. Und: „Ohne die Nutzung des Computers und der dadurch gegebenen schnellen Informations- und Kommunikationsinstrumente ist ein Mithalten und die Nutzung dieser Informationen kaum mehr möglich“, postuliert Fischer. Hinzu käme, dass Kinder in ihrer Welt, ja im eigenen Kinderzimmer, von neuen Medien umgeben seien. Dies sollten sich Schulen und Eltern zu Nutze machen, statt es pauschal zu verteufeln.

Gegebenes akzeptieren

Doch welche Vorteile bringt der Computer denn eigentlich? Zunächst einmal ist er ein Gerät, mit dem selbst viele kleine Kinder ganz selbstverständlich umgehen. Man kann also ihr Vorwissen nutzen, um sie – wie bei anderen Lernbereichen auch – an eine Technik heranzuführen, mit der sie künftig arbeiten werden, in welcher Weise und Form auch immer. „Sie lernen nichts, was sie nicht auch ohne Computer lernen würden“, sagt Elmar Fischer. Allerdings könne man einige Dinge am und mit dem Computer einfacher umsetzen, etwa beim Üben. Wenn ein Kind eine Übung auch nach mehreren Anläufen noch nicht schafft – der PC wiederholt sie emotionslos so lange, bis sie „sitzt“. Eltern dagegen können da schon mal die Nerven verlieren und so ihr Kind unter Druck setzen. Fischer will sich aber nicht missverstanden wissen: „Ich bin nicht der Meinung, dass der Computer der alleinige Übungspartner des Kindes sein soll. Aber er kann das Kind unterstützen.“

Der richtige Zeitpunkt

In der Computer-Debatte taucht immer wieder die Frage auf, ob es denn nicht reiche, wenn die Kinder später, mit zehn, elf Jahren an die Technik herangeführt würden.

Elmar Fischer stellt die Gegenfrage: „Wa­rum reicht es nicht aus, dass Kinder erst in einem Alter von zehn, elf Jahren in die Schule gehen?“ Nein, Nachteile für den Einsatz ab Klasse 1 sieht er keine. Viele Kinder hätten zuhause einen Rechner, an dem sie sich versuchten. Es fehlte ihnen aber zumeist die Kompetenz, den Computer als Werkzeug einzusetzen, „und das kann man nicht früh genug lernen“.

Der Weg dorthin führt über die Einbettung des Computers in den Unterricht. Diese manuelle Tätigkeit und Erfahrung mit den Sinnen entspricht durchaus dem Montessori-Konzept, nach dem Fischer unterrichtet. Die Computertechnik hebelt die traditionellen Arbeitsmaterialien und Methoden nicht aus – sie bietet zusätzliche Informations- und Präsentationsoberflächen, die das Lernen vereinfachen können. Eine Animation z.B. kann komplexe Vorgänge manchmal besser darstellen als ein Tafelbild oder eine Overhead-Folie. Das gilt auch für den Wissenstransfer unter den Schülern. Als Beispiel nennt Fischer eine Animation, die „Schüler meiner ehemaligen Klasse selbst erstellt (haben), um zu verdeutlichen, wie die Fledermaus Insekten fängt.“ Zu sehen ist sie auf den Seiten von www.monte-kids.net.

Wie viel Technik muss sein?

Kreativität am Ende? Die Kritik an neuen Medien im Unterricht zeichnet etwas vorschnell ein düsteres Bild von der Zukunft des Lernens. Sofern der Computer als Werkzeug und nicht um seiner selbst willen eingesetzt wird, unterstützt er Lernprozesse – und tötet sie nicht

Manche Bundesländer haben ehrgeizige PC-Schulprojekte gestartet, wie etwa in Niedersachsen: Hier soll künftig jeder Schüler seinen eigenen Schul-Laptop erhalten. In vielen Grundschulklassen jedoch steht bis heute nur ein Computer für weit über 20 Kinder – zu wenig eigentlich, um zeitgemäße medienpädagogische Arbeit zu leisten. Aber unmöglich ist sie wiederum auch nicht. Schulen, die offene Lernformen praktizieren, haben einen Vorteil: Der Computer oder die Medienecke kann als Lernstation eingesetzt werden, an der die Lerngruppen nacheinander arbeiten. „Regeln, die man direkt zu Beginn aufstellen sollte, erleichtern das“, berichtet Fischer aus seinem Unterricht. „So kann eine Sanduhr die zeitliche Nutzung eines Computers beschränken.“ Arbeiten mehrere Kinder gemeinsam am PC, lernen sie, sachlich miteinander zu kommunizieren – was neben dem Arbeitsfortschritt auch die Sozialkompetenz fördern kann.

Gleichwohl stoßen technisch schlecht ausgestattete Klassen schnell an die Grenzen der Computernutzung, etwa wenn ein neues Thema größeren Schülergruppen mit einer PC-Präsentation näher gebracht werden soll. „Abhilfe würden hier Laptops und Funknetze schaffen, dann können problemlos auch Arbeitsgruppen und Computer-AGs gebildet werden“, sagt Fischer.

Konsequenzen für die Gesellschaft …

Es zeichnet sich eine Spaltung in der Medienbildung ab: Finanziell gut ausgestattete Schulen rüsten auf, die anderen treten auf der Stelle. Ein Glück, dass heute selbst viele Kinder aus einkommensschwachen Familien über Computer und Internet verfügen. So könnte man jedenfalls zunächst meinen. Doch auch hier öffnet sich eine Schere: auf der einen Seite jene Kinder, deren Eltern auf einen reflektierten, dosierten und pädagogisch sinnvollen Umgang mit dem Computer achten. Und dort jene, die in dem Rechner nur einen Entertainer sehen – und sich damit ins informationstechnische Abseits manövrieren. Hier muss die Schule ansetzen – und die Fähigkeit vermitteln, „den Computer als Werkzeug“ zu nutzen, fordert Fischer. So ergibt sich „durchaus die Chance, diese Spaltung wesentlich zu mildern“.

… und für den Unterricht

Begleitet durch eine PC-kompetente Lehrkraft erwerben Grundschulkinder im Computer gestützten Unterricht Kulturtechniken, die das Berufsleben vieler bestimmen werden

Doch auch eine noch so sorgsam vermittelte und angewandte Computertechnik ist in den Augen ihrer Kritiker nicht unproblematisch. Hartmut von Hentig sprach vielen Eltern und Pädagogen aus der Seele, als er feststellte, dass der PC die Kinder voneinander isoliere, das Spiel verdränge, die Kreativität vernichte und der Grundschule die elementaren Erfahrungen austreibe. Und von Hentig hätte sogar Recht, würde der PC allein der „Bespaßung“ dienen. Aber richtig angewendet, kann er die Kommunikation, das Spiel, die Kreativität und die elementaren Erfahrungen geradezu fördern. So sieht das auch Fischer. „Gerade vor dem Computer kann man intensive und sach-/problembezogene Kommunikation beobachten“, berichtet der Schulleiter aus seinem Unterrichtsalltag. „Das ist nicht nur kommunikativ, sondern auch in höchstem Maße kreativ wie beispielsweise das Erstellen und Vorführen von Präsentationen.“ Und selbst das Spielen am PC könne man nicht pauschal verurteilen, würden doch manche Games neuesten Studien zufolge die Wahrnehmung, Konzentration und Reaktion fördern. „Damit der Computer als Werkzeug genutzt werden kann, müssen Lehrer die erforderlichen Kompetenzen vermitteln und Eltern die Schule dabei unterstützen“, fordert Fischer. „Dann ist der Computer Mittel zum Zweck und elementare Erfahrungen spielen weiterhin die größere Rolle.“

„Investition in die Zukunft“

Elmar Fischer im Gepräch

Herr Fischer, nach Englisch sollen die Grundschullehrer nun auch noch Medienkompetenz vermitteln. Sind sie damit nicht reichlich überfordert?

Ein Thema, bei dem ich mich nur in die Nesseln setzen kann. Schon lange bin ich der Meinung, dass Lehrer in diesen Bereichen mehr Unterstützung und Hilfe benötigen. Es ist nicht damit getan, die Nutzung Neuer Medien und den damit verbundenem Kompetenzerwerb in den Richtlinien und Lehrplänen verbindlich festzuschreiben, sondern sie müssen die Voraussetzungen für die Vermittlung und Anbahnung solcher Kompetenzen auch erwerben können. Es gibt zwar schon seit Jahren Angebote in diesem Bereich, aber die beziehen sich in der Regel auf die Bedienung von Programmen. Wie man den Computer methodisch/didaktisch in den Unterricht einbindet, wird häufig nicht vermittelt. Intel leistet hier mit seinem Angebot „Lehren für die Zukunft“ einen großen Beitrag. Die Medienzentren bemühen sich redlich, hier zu unterstützen, und die Teams vor Ort ebenfalls. (…)

Welche Lerninhalte schreiben die Kernlehrpläne der Länder eigentlich für die Klassen 1/2 und 3/4 vor? Und welche Kompetenzen genau sollen damit erworben werden?

Zumindest in NRW ist es so, dass ab der Schuleingangsphase Basiskompetenzen im Medienbereich vermittelt werden sollen. Dies ist natürlich ein weiter Weg bis zum Ende des 4. Schuljahres und sicherlich in Teilen auch ein individueller Weg.

So lernen die Kinder in der Grundschule nicht nur, den Computer als Übungspartner zu nutzen und um Texte zu erfassen, sondern auch, diese Texte mit verschiedenen Programmen zu Präsentationen zusammenzufassen und benötigte Inhalte, wie zum Beispiel Bilder, selbst zu erstellen oder zu verändern. Gleichzeitig wird ein Bewusstsein für die Rechte anderer vermittelt,also geistiges Eigentum zu achten. Dies heißt im Rückschluss natürlich auch, dass die eigenen Rechte den Kindern bekannt sind.

Man wird sicherlich keinen Schüler im 1. Schuljahr mit einer Internetrecherche beauftragen, denn hier fehlen natürlich die Lesefertigkeiten.

Wird die Einführung des Faches Medienbildung an Grundschulen evaluiert?

Es gibt meines Wissens kein Fach Medienbildung und die Kompetenzen im Bereich Medien und Neuer Medien werden – so ist mein augenblicklicher Kenntnisstand – nicht evaluiert.

Die Einführung eines Faches Medienbildung würde ich allerdings sehr begrüßen, denn hierdurch würde dokumentiert, wie hoch der Stellenwert von Mediennutzung als Werkzeug ist. Meines Erachtens müsste diesem Fach mindestens so viel Bedeutung beigemessen werden wie Englisch in der Grundschule. Hinzu käme, dass hier nicht mehr nach Vorliebe und Beliebigkeit der Umgang mit Medien vermittelt und ausprobiert werden könnte, sondern die Medienbildung verbindlich im Stundenkanon ausgewiesen wäre. Dieses Fach Medienbildung wäre dann auch Grundlage für die weitere Medienbildung an weiterführenden Schulen.

Sicherlich wäre hierzu ein regelrechter Finanzierungs- und Fortbildungskraftakt nötig – es wäre aber auch eine wichtige und richtige Investition in die Zukunft unserer Kinder und unseres Landes, die jede Anstrengung lohnt. (…)

Elmar Fischer ist Herausgeber von: „Mein Computerheft. Lehr- und Arbeitsbuch sowie Lehrerbände für die Klassen 1/2 und 3/4“. Erschienen im HERDT-Verlag. Jeder Band kostet 9,90 Euro.
www.meincomputerheft.de

Interview: Hannelore Ohle-Nieschmidt
© HERDT-Verlag für Bildungsmedien
Vollständiger Wortlaut des Interviews unter www.meincomputerheft.de

Robotermännchen Toni Klix führt in der Reihe "Mein Computerheft" des HERDT-Verlages die Kinder durch die Unterrichtseinheiten