PC + Internet
Hauptsache PC?
IT-Experte Josef Seitner über Investitionen in Computertechnik
Das Problem ist immerhin erkannt: Deutschland gehört laut OECD-Studie zu Europas Schlusslichtern bei der Nutzung von Computern im Unterricht. Nun gilt es also, die Schulen digital aufzurüsten, Deutschlands Schüler sollen schließlich mithalten können im internationalen Wettbewerb. Und es scheint, dass endlich bessere Zeiten anbrechen: Aus dem insgesamt 8,7 Milliarden Euro schweren Investitionstopf für den Bildungssektor verteilen die Landesregierungen Mittel für Projekte: „Jedem Schüler seinen Laptop“ ist nicht nur in Niedersachsen die Parole.
Der PC als Statussymbol
Die Schüler freut‘s. Ist schließlich eine feine Sache, so ein eigener Laptop. Nur: Was macht man denn nun mit der Neuanschaffung? Wie setzt man den Computer im Klassenverband und in verschiedenen Unterrichtsformen zielführend ein? Wie können Schüler und alle Lehrer, ja ganze Schulen miteinander eine Datenbasis schaffen, von der jeder Einzelne profitiert? Und kann man sich als Lehrer mit dem PC nicht auch die schulinterne Arbeit vereinfachen?
Hohe Kosten – und der Nutzen?
Das sind Fragen, die vor der Investition beantwortet werden müssten. „Doch das Pferd wird verkehrtherum aufgezäumt“, kritisiert Josef Seitner. Der Geschäftsführer des IT-Dienstleisters und Schulsoftware-Entwicklers MTS Reinhardt bemängelt die „hardwaregetriebene Investitionspolitik“ der Länder. Es würden immer nur Rechner gekauft, „aber um das spezielle schulbetriebliche IT-Management kümmert sich keiner.“ Dabei stecke, so Seitner, genau hier die große Chance: Eine auf die Bedürfnisse der Schule zugeschnittene Architektur aus einer ganzheitlichen Managementsoftware für unterrichtlich genutzte Rechner und Peripherie-Geräte könne die Unterrichtsqualität steigern, Arbeitsprozesse automatisieren helfen – und das ganze Potenzial der teuren Technik ausschöpfen. Doch die Realität sind Patchwork-IT-Umgebungen: Flickenteppiche aus nach und nach aneinandergebastelten Einzellösungen. Abgesehen von funktionalen Schwächen: Sie sind kaum administrierbar – höchstens von jenen Lehrkräften, die im Auftrag der Schulleitung das IT-Management übernommen haben. Doch was passiert, wenn ein solcher Lehrer länger ausfällt oder die Schule wechselt? „Dann weiß niemand mehr genau, wo die Daten liegen, wie ein neuer Netzwerkdrucker eingerichtet, ein Anwenderprogramm installiert und verteilt oder ein Systemabsturz behoben wird“, sagt Seitner. Und dann stellt sich noch eine Frage: Wenn ein Lehrer stundenweise für die IT-Administration abgestellt wird, wo bleibt sein Unterricht? „Der fällt aus. Oder taucht gar nicht erst auf dem Lehrplan auf“, antwortet Seitner – und beginnt zu rechnen.
Bittere Zahlen
Deutschland verfügt über insgesamt 41.000 allgemein- und berufsbildende Schulen. [ Der einfacheren Berechnung halber gerundete Angaben nach: Statistisches Bundesamt, Bildung im Zahlenspiegel (2006). Die zu Grunde gelegte Schul-Gesamtzahl setzt sich demnach zusammen aus 23.000 Grund- und Hauptschulen sowie aus jeweils 9.000 weiterführenden und berufsbildenden Schulen. In der Rechnung nicht berücksichtigt sind Schulkindergärten, Vor-, Sonder- und Abendschulen.] Nun nimmt man der Einfachheit halber an, dass der IT-Betreuungsaufwand in jeder Grund- und Hauptschule bei durchschnittlich einer Wochenstunde, in der Sek. I / II bei zwei und in der berufsbildenden Schule bei drei Wochenstunden liegt. Diese Stunden fallen für Unterricht aus. Multipliziert man sie nun mit der Gesamtzahl der Schulen je Schulform, kommt man auf insgesamt 68.000 Stunden pro Woche, in denen Unterricht der Systembetreuung zum Opfer fällt. Und da es überwiegend die mathematisch-naturwissenschaftlich ausgebildeten Lehrer sind, die sich darum kümmern, bricht der Unterricht primär in den ohnehin gebeutelten MINT-Fächern weg. Angesichts des akuten Ingenieurmangels in Deutschland ist allein das schon problematisch.
Aber die Rechnung geht noch weiter. Bemisst man den Wert einer Unterrichtsstunde mit 1.700 Euro – eine laut Seitner unter Bildungsplanern gemeinhin anerkannte Zahl –, so entsteht jedes Jahr ein volkswirtschaftlicher Verlust in Milliardenhöhe. Und den kann auch das beste Konjunkturprogramm nicht ausgleichen.
Orientierung fehlt
Der Grund dafür ist so manchem Schulträger offensichtlich nicht bewusst. Er liege, erläutert Seitner, in der bei uns üblichen Differenzierung in „innere“ und „äußere“ Schulangelegenheiten. Wenn die Schulen „innen“ Verluste verursachen, liege das nicht in der Verantwortung der Schulträger, denn diese hätten ja lediglich die Beschaffung zu finanzieren. Sie könnten also nicht für mangelnde funktionale Abläufe verantwortlich gemacht werden, das sei schließlich Sache der Schulverwaltung und somit der Länder. Daher überließen die Schulträger es den Schulen, ihre IT mit Bordmitteln zu betreuen. „Und solange alles irgendwie läuft,“ meint Seitner, „ist auch kein Eingreifen nötig.“ Doch gerade auf dem Gebiet des IT-gestützten Unterrichts hat eine sachgerechte ganzheitliche Ausstattung wesentlichen Einfluss auf die Nutzung. In diesem Kompetenzgerangel bleiben Lehrer, Schüler und der Unterricht auf der Strecke.
„Hinzu kommt noch etwas“, führt Seitner weiter aus: „Die Investoren ignorieren oft, dass bei der Ausstattung der Schulen mit IT andere Voraussetzungen gelten als bei der IT-Ausstattung der eigenen Verwaltung. So sei laut Seitner die in Schulen verbreitete Technik der „thin clients“ (zu deutsch: schlanke Anwender) nur begrenzt einsetzbar. Ein „thin client“ ist ein relativ einfacher PC mit nur kleiner Festplatte, mit dem der Nutzer auf einen zentralen Server zugreift. Hier stehen Speicherplatz und Programme bereit. „Doch der Server bekommt schnell Probleme, wenn er sekündlich Unmengen komplexer Aktionen gleichzeitig ausführen muss“, erläutert Seitner. „Eine solche Lösung installiert nur, wer sich mit unterrichtsbetrieblichen Anforderungen nicht genügend auseinandergesetzt hat.“
Neustart
Was bleibt also zu tun? „Wir brauchen ein Umdenken in der Investitionspolitik und im Technikverständnis der Länder und Schulträger“, fordert Seitner. „Es muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass uns ohne ganzheitliche, individuelle Konzeption und Pflege einer IT-Infrastruktur an den Schulen auch die besten Rechner nichts nützen.“ Erst wenn die Anforderungen für Unterricht und Schule definiert sind, könne man sich nach einer passenden PC-Ausstattung umschauen. Dabei müsse der wesentliche Teil ein Fachverfahren für das IT-Management sein, führt Seitner weiter aus. Und das könne angesichts immer komplexer werdender Technik nicht mehr von latent überbelasteten Lehrern nebenbei erledigt werden. Die Länder und Träger sollten also präventiv handeln und einen Teil ihres Technik-Etats in ein professionelles Fachverfahren investieren. Das sei wesentlich billiger, als kostbare Unterrichtsstunden zu opfern. Klar ist, dass Seitner dabei auch an seine Firma denkt. Aber wer könnte es ihm verübeln? Immerhin ist die PC-Ausstattung der Schulen so, wie sie bisher läuft, ein Verlustgeschäft. Nicht für die Hardware-Lieferanten, aber für das deutsche Bildungssystem – und damit auch für uns Steuerzahler.
Das Gespräch führte Markus Hofmann.
Journal der Leipziger Buchmesse