Schulgestaltung
Lasst sie nur machen
Schüler als Experten bei der Schulgestaltung
Kinder und Jugendliche sind die größte Randgruppe in Deutschland, denn bei öffentlichen oder politischen Entscheidungen gilt ihre Stimme nichts – selbst wenn es dabei um ihre Belange geht. Eine demokratische Schule dagegen nimmt die Schüler ernst: als aktive, verantwortungsbewusste Kräfte, die Hand in Hand mit Lehrkräften und Schulleitung die Schulentwicklung vorantreiben.
Aus Lernfabriken werden Lernräume
Werden jedoch über den Kopf der Schüler hinweg Entscheidungen getroffen, was angeschafft und wie gestaltet wird, ist es nicht verwunderlich, wenn sich die Schüler an ihrer Schule nicht ernstgenommen und fremd fühlen. Die Folgen sind u.a. Sachbeschädigung und Vandalismus. Da werden Möbel und Wände beschmiert, Toiletten verschmutzt und zerstört, Grünanlagen verwüstet. Sind die Räume, Gebäude und Freiflächen auch noch öde, heruntergekommen und veraltet, wächst die Gleichgültigkeit gegenüber der Schule noch weiter. Soll die Schule wirklich zum Lebensraum für die Schüler werden, sollten sie an der Gestaltung der Räume teilhaben dürfen.
Zu Beginn eines Schuljahres werden die Klassenräume nicht alleine von den Lehrkräften, sondern gemeinsam mit den Schülern gestaltet. Sitzordnung, der Platz für Pult, Schränke, Regale und anderes Mobiliar, die Dekoration des Raumes und seine Pflege: Alles sollte auf einem für alle verbindlichen Konsens basieren. Der Veränderung der Lernerfahrungen und Bedürfnisse der Schüler folgt im Laufe des Schuljahrs auch die Raumgestaltung.
Ältere Schüler organisieren die Renovierung ihres Klassenraumes, der Fachräume und Schulflure nach ihren Bedürfnissen und ihrem ästhetischen Empfinden. Der Schulhof wird unter Beteiligung der Schüler zu einem Spiel-, Tobe- und Ruheraum umgestaltet. Sie übernehmen dort aktiv Verantwortung – von der Planung über Mittelbeschaffung und Ausführung bis zur späteren Instandhaltung.
Lässt man die Schüler walten, gehört zur Neugestaltung der Außenflächen meist auch die Einrichtung eines Schulgartens. Eine jahrgangsübergreifende Gruppe oder einzelne Klassen im Wechsel gestalten und pflegen den Garten. Die Schüler entscheiden, wie sie die selbst gezogenen Blumen und Früchte verwenden wollen, etwa zum Schmücken des Schulgebäudes, als Geschenk für besondere Leistungen oder als Teil einer gesunden Pausenverpflegung.
Die Schüler benennen und fotografieren vier Orte, an denen sie sich am liebsten aufhalten (auch wenn es verboten sein sollte) und weitere vier, die sie überhaupt nicht mögen. Die Bilder können als Ausstellung präsentiert werden, deren Ergebnisse in die Gestaltung von Schulräumen, -gebäuden und -gelände einfließen.
Die Pause als Teil der Schulkultur
Die großen Pausen sollten erholsam, anregend und motivierend sein – immerhin beträgt die wöchentlich auf dem Gelände und im Gebäude verbrachte Pausenzeit (in Halbtagsschulen) oft mehr als zwei Stunden. Doch in der Realität erfreuen sich die großen Pausen bei vielen Schülern und Lehrkräften keiner großen Beliebtheit. Dort entladen sich motorische, emotionale und soziale Bedürfnisse der Schüler, die im Unterricht unberücksichtigt bleiben. Es macht sich Langeweile breit, geschehen die meisten Unfälle und aggressiven Körperkontakte, wird Tabak oder Haschisch geraucht.
Diese Pausenprobleme sind meist Folgen falscher Organisation oder des Anregungsmangels des Pausengeländes. Die traditionelle Pausenhofgestaltung ist nicht an den Bedürfnissen der Schüler, sondern an funktionalen Gesichtspunkten orientiert („einfach zu reinigen“, „stabiles Material“). Noch ernüchternder verlaufen die Regenpausen in Klassenräumen und Schulfluren.
Schüler aller Jahrgänge bilden gemeinsam mit einigen Lehrkräften eine Arbeitsgruppe „Pausengestaltung“. Diese erhebt den Ist-Zustand und klärt die Bedürfnisse in einer Umfrage unter Schülern und Lehrern. Daraus entwickelt die Arbeitsgruppe Ideen, die sie dann wiederum allen Mitschülern, dem Kollegium und der Schulleitung vorstellt. Anschließend entscheidet die Arbeitsgruppe über die endgültige Realisierung und die erforderlichen Arbeitsschritte:
- Was kann überhaupt bei den räumlichen Gegebenheiten realisiert werden?
- Womit können wir anfangen?
- Was können wir erst langfristig angehen?
- Wie hoch sind die Kosten?
- Wo finden wir Sponsoren? Können wir die Eltern, den Förderverein u.ä. ansprechen?
- Wo finden wir Mitarbeiter?
- Wer macht wann was wie?
Da sich Bedürfnisse im Laufe der Zeit und mit jedem neuen Schülerjahrgang verändern, muss die Pausengestaltung veränderbar und optimierbar bleiben.
Schüler beschaffen Spielgeräte für die Hofpause (Softbälle, Stelzen, Pedalos, Springseile u.ä.) sowie Kleingeräte (Jonglierbälle, Plastikkegel, Hulareifen u.ä.) für die Regenpause, organisieren einen Ausleihdienst und eine Spielaufsicht, die auch Geräte und Spiele erklärt und neue Mitspieler einweist.
Speziell für die Regenpausen ist ein Ausleihdienst für Gesellschaftsspiele sinnvoll. An einem Nachmittag im Monat veranstaltet die verantwortliche Gruppe Spielturniere als zusätzlichen Anreiz, neue Spiele kennenzulernen.
Ältere Schüler leiten in den Pausen Sportspiele für die jüngeren an – bei gutem Wetter auf dem Schulhof, bei schlechtem in der Turnhalle. Damit die Gruppen nicht zu groß werden, sollte festgelegt werden, welche Klassen an welchem Tag teilnehmen dürfen.
Eine weitere Arbeitsgruppe oder einzelne Klassen im Wechsel veranstalten Pausendiskos oder ein Pausenradio. In einem Bereich des Schulhofs, bei Regen im Foyer der Schule, gibt es eine Tanzfläche.
Schüler malen ihre „Traumpause“, also wie sie ihre Pausen am liebsten verbringen würden. Die Bilder werden ausgestellt und diskutiert:
- Welche Träume sind besonders verbreitet?
- Welche könnten Wirklichkeit werden?
- Welche können zuerst (ohne großen Aufwand) realisiert werden?
- Wer macht wann was?
Journal der Leipziger Buchmesse