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Komplexität

Digitalisierung, Komplexität und Urteilskraft

Dr. Thomas Rucker

Komplexe Problemstellungen besitzen keine Regeln, die störungsfrei zur schnellen Lösung eingesetzt werden können.

„Digitalisierung“ ist in aller Munde – auch in Bezug auf Schule. Sie kann als die Radikalisierung einer für moderne Gesellschaften typischen Entwicklung beschrieben werden, die ich als Freisetzung von Komplexität bezeichne. Vor diesem Hintergrund steht der Unterricht an der öffentlichen Schule auch unter dem Anspruch, der Komplexität Rechnung zu tragen, die für das Aufwachsen in einer digitalen Welt charakteristisch ist. Unterricht kommt diesem Anspruch insbesondere dadurch nach, dass Lernende darin unterstützt werden, Urteilskraft zu entwickeln.

Digitalisierung

Ist heute in der Öffentlichkeit von „Digitalisierung“ die Rede, so ist damit ein gesellschaftlicher Transformationsprozess angesprochen, der mit der Ausweitung des Einsatzes digitaler Technik verbunden ist. Wie aber ist dieser Prozess näher zu bestimmen? Möchte man die Frage klären, wie ein Unterricht an der öffentlichen Schule gedacht werden kann, der den Herausforderungen Rechnung trägt, die mit dem Aufwachsen in einer digitalen Welt einhergehen, so muss man sich zunächst Klarheit darüber verschaffen, worin der besagte Transformationsprozess besteht.

Im Folgenden möchte ich eine Facette der Digitalisierung in den Mittelpunkt der Überlegungen rücken, die in der aktuellen (schul-)pädagogischen Debatte weitgehend unterbelichtet ist. Hierzu knüpfe ich an Arbeiten Felix Stalders an, in denen die Verbindung zwischen dem vermehrten Einsatz digitaler Technik einerseits und Fragen der Werteorientierung andererseits untersucht wird (vgl. Stalder 2017). Stalder macht darauf aufmerksam, dass Menschen im Zuge der Digitalisierung in immer mehr Bereichen an der öffentlichen Auseinandersetzung über Wertfragen partizipieren. In diesem Umstand sieht Stalder das Spezifikum einer Kultur der Digitalität. Kulturelle Fragen sind nach Stalder Wertfragen, die letztlich um ein Grundproblem kreisen, das in der Frage zum Ausdruck kommt: „Wie wollen wir eigentlich leben und zusammenleben?“. Antworten auf Wertfragen bringen die Werteorientierung von Menschen zum Ausdruck, d. h. ihre Auffassungen darüber, was im Leben und Zusammenleben vorgezogen bzw. zurückgestellt werden sollte. Dabei sind die Antworten auf Wertfragen notorisch umstritten. Konsense sind immer nur partiell und allenfalls vorläufig stabil. Dies ist freilich nicht neu. Neu ist hingegen, dass Menschen heute mit einer kaum mehr überschaubaren Menge an Themen und Standpunkten konfrontiert sind, was damit zu tun hat, dass immer mehr Personen auf immer mehr Feldern ihren Werturteilen öffentlich Ausdruck verleihen. Die Voraussetzung dafür, dass dies überhaupt möglich ist, ist eine entsprechende Technik.

Stalder macht explizit darauf aufmerksam, dass die Digitaltechnik die Kultur der Digitalität nicht hervorbringt. Sie verhilft stattdessen bestimmten, bereits seit längerer Zeit zu beobachtenden, gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu einer Dominanz, die diese ohne digitale Technik wohl nie erlangt hätten.

Es ist Stalder darin zuzustimmen, dass die von ihm beschriebenen Entwicklungen als Prozesse aufzufassen sind, welche „die Komplexität der Gesellschaft erhöhen und neue Verfahren des Umgangs mit dieser Komplexität erfordern“ (Stalder 2018, S. 8). Wir haben es gleichsam mit einer „IT-unterstützten Komplexitätssteigerung“ zu tun (ebd.). Ich möchte diesen Hinweis aufgreifen und die von Stalder beschriebene Entwicklung einer Kultur der Digitalität im Folgenden als eine durch Digitaltechnik unterstützte Radikalisierung eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses deuten, den wir im abendländisch-europäischen Kontext spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert beobachten können und den ich als Freisetzung von Komplexität bezeichne (vgl. Rucker/Anhalt 2017, S. 13 ff.). Daraus folgt: Möchte man klären, was die Herausforderungen sind, vor denen Unterricht im digitalen Zeitalter steht, und wie diese bewältigt werden können, so wird man nicht umhinkommen, zu klären, was es mit Komplexität auf sich hat.

Komplexität

Gelingt es im Unterricht, den Lernenden spezielles Wissen zu vermitteln, so werden für sie komplexe Problemstellungen zu einfachen.

Einfache und komplizierte Problemstellungen unterscheiden sich von komplexen Problemstellungen dadurch, das Regeln bekannt sind, um ein gegebenes Problem erwartbar erfolgreich zu lösen. Im Falle von einfachen Problemstellungen können die zur Problemlösung erforderlichen Regeln störungsfrei eingesetzt werden. Im Falle von komplizierten Problemstellungen ist der störungsfreie Einsatz von Regeln hingegen nicht möglich, was z. B. daran liegen kann, dass eine Person die entsprechenden Regeln nicht kennt. In diesem Sinne mag sich ein bestimmtes Problem für Expertinnen und Experten als einfach, für Laien hingegen als kompliziert darstellen. Im Unterschied hierzu zeichnen sich komplexe Problemstellungen dadurch aus, dass keine Regeln bekannt sind, die es erlauben würden, ein gegebenes Problem erwartbar erfolgreich zu lösen. Dies gilt – und das ist hier entscheidend – auch auf der Seite der Expertinnen und Experten.

Von einer komplexen Problemstellung wäre zu sprechen, wenn bestimmte Fragen in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert werden, ohne dass es eine Regel gibt, die es erlauben würde, eine Position für allgemeinverbindlich zu erklären. Moderne Gesellschaften kennen komplexe Problemstellungen in diesem Sinne zu Genüge – Problemstellungen, die in einem Wechselspiel von Perspektiven bearbeitet und zu lösen versucht werden, ohne dass eine Perspektive allgemeine Akzeptanz für sich beanspruchen könnte. Man denke hier nur an allzu bekannte Beispiele: Wie lösen wir die Finanzkrise in Europa? Wie gehen wir mit den aktuellen Migrationsströmen um? Wie sollen wir uns gegenüber antiaufklärerischen Tendenzen in unserer Gesellschaft verhalten?

An dieser Stelle gilt es, eine wichtige Einsicht festzuhalten: Der Begriff der Komplexität bringt eine Konstellation in den Blick, die für die meisten Fragen, die wir heute im Zuge der Digitalisierung diskutieren, maßgeblich sein dürfte. Wie wir beispielsweise politisch, wirtschaftlich und moralisch mit einer zukünftig zu erwartenden Massenarbeitslosigkeit umgehen, wird unter den Bedingungen einer Pluralität von Werteorientierungen verhandelt – einer Pluralität, die im Zuge der Digitalisierung weiter zunehmen dürfte. Kurzum: Digitalisierung avanciert unter den Bedingungen der Digitalisierung zum Thema. Aus pädagogischer Perspektive stellt sich nun die Frage, wie Unterricht an der öffentlichen Schule so konzipiert werden kann, dass der Einzelne unter diesen Bedingungen auf seiner Suche nach Orientierung Unterstützung erfährt.

Urteilskraft

Unterricht hat es mit der Transformation von komplizierten in einfache Problemstellungen zu tun. Damit ist nicht gemeint, dass Unterricht darin besteht oder bestehen sollte, Wissen so zu vereinfachen, dass dessen Aneignung mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit gelingt. Gemeint ist vielmehr das Folgende: Unterricht bedeutet, Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Wissen zu führen. Gelingt die Aneignung dieses Wissens, so werden damit Problemstellungen, die sich für die Schülerinnen und Schüler zuvor noch als kompliziert dargestellt haben, in einfache Problemstellungen überführt. So mag es für den Einzelnen zunächst kompliziert sein, die Gleichung x – 5 = 2 zu lösen, die verschiedenen Elemente einer Zelle und ihre Funktionen zu benennen, Gottesvorstellungen in den großen Weltreligionen zu unterscheiden, die Entstehung des Kalten Krieges nachzuzeichnen oder die Technik des Korblegers im Basketball korrekt auszuführen. Hat sich jemand hingegen das erforderliche Wissen und Können angeeignet, so stellt sich das für ihn ehemals komplizierte Problem zukünftig als einfach dar.

In all diesen Fällen können digitale Medien zum Einsatz kommen, um Schülerinnen und Schülern sachliche Einsichten zu ermöglichen und zu festigen (z. B. indem Videos von Expertinnen und Experten zur Erarbeitung, Übung und/oder Vertiefung von Wissen herangezogen werden). Hiervon zu unterscheiden wäre ein Unterricht, in dem Digitalisierung selbst zum Thema avanciert. Im Lichte der genannten Beispiele dürfte es nicht schwerfallen, sich einen entsprechenden Unterricht vorzustellen. Auch mit dem Thema Digitalisierung sind Problemstellungen verbunden, zu deren erwartbar erfolgreicher Lösung Regeln bereitstehen. Diese reichen von Fragen, welche die Benutzung digitaler Medien betreffen („Wie arbeite ich mit einem bestimmten Programm?“), bis hin zu Fragen, welche auf die technischen Hintergründe dieser Medien („Was ist ein Algorithmus?“) oder den durch technische Errungenschaften ermöglichten gesellschaftlichen Wandel bezogen sind („Welche Auswirkungen hat Digitaltechnik auf die Produktion in Unternehmen?“).

In der Tradition der modernen Pädagogik ist allerdings ein weitergehender Anspruch formuliert worden, nämlich Unterricht unter den Anspruch der Bildung zu stellen und – damit verbunden – als werteorientierten Unterricht bzw. – in klassischer Diktion – als erziehenden Unterricht zu konzipieren. Was ist hierunter zu verstehen? Nun, ein Unterricht mit Bildungsanspruch ist darauf gerichtet, Lernende für ein selbstbestimmtes Leben freizusetzen. Wissen, das im Unterricht vermittelt und angeeignet wird, trägt als solches jedoch nicht notwendigerweise zu einer selbstbestimmten Lebensführung bei. Hierfür ist es vielmehr erforderlich, sachliche Einsichten mit eigenen Werturteilen zu verbinden. Der Anspruch lautet deshalb: Schülerinnen und Schüler sollen nicht nur zum Wissen geführt, sondern sie sollen darüber hinaus mit Situationen konfrontiert werden, in denen sie sich vor die Aufgabe gestellt sehen, im Lichte alternativer Werteorientierungen eigene Urteile zu fällen.

Unterricht mit Bildungsanspruch geht nicht darin auf, eingewöhnte Orientierungsmuster („Facebook bietet mir die Möglichkeit, Freunde an meinem Leben teilhaben zu lassen.“) aufzubrechen, indem Schülerinnen und Schüler zu einem Wissen geführt werden, das diese sich ohne Unterricht nicht aneignen können (z. B. Wissen über ökonomische Interessen hinter Big Data). Die Freisetzung zu einer selbstbestimmten Lebensführung dürfte nämlich nicht zu haben sein, wenn Fragen der Werteorientierung ausgeklammert bleiben. Es würde dem Bildungsanspruch allerdings zuwiderlaufen, wenn Lernende zu einer bestimmten Werteorientierung angehalten werden, z.B. den Auffassungen, die eine Lehrkraft in Bezug auf einen Sachverhalt als vorziehenswürdig ansieht („Am besten wäre es, wenn Ihr Euch gleich von Facebook abmeldet!“).

In einem an Bildung orientierten Unterricht werden Schülerinnen und Schüler dazu aufgefordert, Werturteile nicht vorbehaltlos zu übernehmen, sondern diese auf ihre Überzeugungskraft hin zu prüfen, um die Möglichkeit zu erhalten, eigene Werturteile zu entwerfen. Dies sollte man nicht vorschnell individualistisch missverstehen. Urteilsfähigkeit ist in der Tradition immer auch im Sinne einer verantwortlichen Bezugnahme des Einzelnen auf seine Mitmenschen, auf Kultur, Gesellschaft und Politik verstanden worden.

Die Unterstützung der Entwicklung von Urteilsfähigkeit setzt voraus, dass Unterricht sich gegenüber Fragen des gelingenden Lebens und Zusammenlebens öffnet, die sich im Zuge des Aufwachsens in der digitalen Welt stellen: Welche Informa­tionen über mich möchte ich im Internet preisgeben? Wie soll ich damit umgehen, wenn ich selbst oder meine Mitmenschen Opfer von Hate Speech oder Cybermobbing werden? In welchem Ausmaß will ich mich abhängig machen von bestimmten technischen Errungenschaften? Wie möchte ich meine Freundschaften pflegen? Welche Möglichkeiten eröffnen mir in diesem Zusammenhang soziale Netzwerke, welche Grenzen sind mit ihnen verbunden? Schließlich: Für welche Politik setze ich mich ein, um den Herausforderungen des digitalen Zeitalters in einer humanen Art und Weise zu begegnen? Antworten auf diese und ähnliche Fragen erfordern zweifelslos Wissen. Sie verlangen darüber hinaus aber auch noch etwas anderes, nämlich Urteilskraft. Die Schule der Zukunft wird deshalb (hoffentlich) eine Schule der Urteilsbildung sein und damit (endlich) an die große Tradition der modernen Pädagogik Anschluss finden.

Literatur

Rucker, Thomas/Anhalt, Elmar: Perspektivität und Dynamik. Studien zur erziehungswissenschaftlichen Komplexitätsforschung. Weilerswist: Vellbrück 2017.

Stalder, Felix: Kultur der Digitalität. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2017.

Stalder, Felix: Herausforderungen der Digitalität jenseits der Technologie. In: Synergie. Fachmagazin für Digitalisierung in der Lehre (2018) 5, S. 8-15.

Komplexität

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