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Schulausstattung

Noch viel zu lernen

Lehrer brauchen Fortbildung und passende Inhalte

Vor Jahren schon wurde in den Medien lautstark das Ende der Kreidezeit eingeläutet. Mit dem Einzug von Computer und Internet sah man die Ära von Tafel, Kreide – mitunter sogar von Buch und Heft – für beendet. Eine übereilte Schlussfolgerung, wie sich schnell zeigen sollte. In den letzten Monaten aber wiederholten sich die Schlagzeilen von damals auffällig oft. Grund: die interaktiven Whiteboards

Gegen die multimediale Tafel sieht die konventionelle Schultafel tatsächlich alt aus: Ein Whiteboard vereint die Möglichkeiten einer herkömmlichen Tafel mit allem, was ein Multimedia-PC zu bieten hat – von der Textbearbeitung über Präsentationen bis zu Sound- und Videodarbietungen. Der berührungsempfindliche Bildschirm erlaubt es Lehrern und Schülern, mit Dokumenten zu arbeiten, sie zu verschieben, zu kennzeichnen oder eigene Texte per Handschrift zu ergänzen. Die Dokumente können gespeichert, allen Schülern zur Verfügung gestellt und in der folgenden Unterrichtsstunde wieder aufgerufen werden. Ein ganz entscheidender Vorteil gegenüber der Kreidetafel, auf der sich am Ende alles, was während einer Unterrichtsstunde erarbeitet worden ist, in Kreidestaub auflöst.

Digital aber frontal?

Viele gute Argumente also für die neue Tafelgeneration. Aber reichen sie aus, damit sich diese – relativ teure – Technik durchsetzt? Schließlich zeigt die Erfahrung mit PC und Internet, dass sich neue Technologien nur schleppend in den Schulalltag integrieren lassen. Beim interaktiven Whiteboard wird es anders sein, weiß Gunter Becker, Key Account Manager digitale Medien beim Cornelsen Verlag. Denn dieses Gerät ändert zunächst einmal nichts am traditionellen Bild von Unterricht. „Der Lehrer steht vorne, hat ein Board im Rücken und das Heft in der Hand. Er kontrolliert die Technik und die Kinder konzentrieren sich (mehr oder weniger) auf ihn. Das ist anders, wenn zwanzig Schüler vor ihren Laptops sitzen und der Lehrer gar nicht so genau weiß, was sie gerade treiben.“

Dieser „Vorteil“ der interaktiven Tafel beschreibt aber auch gleichzeitig den Nachteil der neuen Technik. So hat die britische Bildungsforscherin Gemma Moss in einer Untersuchung herausgefunden, dass ein modernes Medium den Unterricht nicht per se „modernisiert“ und der lehrerzentrierte Frontalunterricht durch ein Whiteboard sogar noch verstärkt werden kann. „Der Lehrer ist der Macher, der den großen Stift in der Hand hat und die anderen sehen zu, was er da für wunderbare Sachen macht. Ich stelle mir Schule anders vor“, warnt auch Ralf Hübner, Oberstufenleiter am Kreisgymnasium Neustadt in Schleswig-Holstein. Hier gehören Laptopklassen, eine gemeinsame Lernplattform und auch interaktive Whiteboards längst zum Alltag. „Doch bevor Laptops und jetzt auch interaktive Tafeln angeschafft wurden, haben wir uns ein ausführliches Konzept überlegt“, berichtet Hübner. Ein Ergebnis: In Neustadt werden die Whiteboards genutzt, um die Schüler zu aktivieren. „Die meisten Tafelbilder mache nicht ich, sondern die Schüler“, sagt Hübner.

Warum der Frontalunterricht beim Einsatz der neuen Tafeln zunehmen kann, erklärt die Braunschweiger Erziehungswissenschaftlerin Dr. Gabriele Graube: „Weil die Lehrer sich zunächst mit dem neuen Medium auseinandersetzen müssen und da sind sie einfach sicherer, wenn sie frontal unterrichten“. Eine ganz normale Entwicklung, die sich bei längerem Einsatz auch wieder ändern werde.

„Erhebliche Motivationssteigerung“

Die interaktiven Whiteboards tragen zu einer erheblichen Motivationssteigerung im Lernprozess bei und bereichern in vielfältiger Weise den Unterricht: Dies berichtete 2007 das Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung nach zweijähriger Untersuchung. Ein Allheilmittel, so schränkt die Hamburger Studie allerdings ein, seien die neuen Tafeln nicht. „Es muss allen Beteiligten deutlich sein, dass ein abwechslungsreicher Unterricht, der auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler eingeht, sich nicht ausschließlich mit einem Medium realisieren lässt.“

Darum möchte Jan Koop, Lehrer am Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte in Oldenburg, wo bereits zwei Drittel der Klassen mit interaktiven Tafeln ausgestattet sind, auch nicht auf die gute alte Kreidetafel verzichten. „Das Whiteboard ist ein Medium unter vielen, mit denen ich im Schulalltag arbeite“, betont er. So schreiben die Kinder zum Beispiel ihren Tagesplan auf die traditionelle Tafel. Dort ist er den ganzen Tag über sichtbar. Und bevor Koop das virtuelle Geodreieck einsetzt, üben seine Grundschüler mit dem „echten“ Dreieck an der klassischen Tafel.

Didaktische Schulungen

Die Kreidetafeln sollten auf keinen Fall alle abgeschraubt werden, warnt Gabriele Graube, setzt aber gleichzeitig auf die neue Tafelgeneration. Mit der Installation der Boards allein ist es jedoch nicht getan. Professor Dr. Ludwig J. Issing von der Freien Universität Berlin erforschte bereits im Jahr 2004 die Effizienz von Whiteboards in zwölf Berliner Schulen. Er fordert, die didaktische Nutzung des interaktiven Whiteboards in die Lehrerausbildung und in die Fortbildung zu integrieren. Das ist auch das Credo von Gabriele Graube, die davor warnt, die Lehrer lediglich im Umgang mit der Technik zu schulen. „Man muss unbedingt entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen mit didaktischen und mediendidaktischen Schulungen dazupacken, in denen auch Wissen über neue lerntheoretische Ansätze und Konzepte vermittelt wird.“

Bislang ist das Thema in der Lehrerfortbildung noch unterrepräsentiert und kommt in der Lehrerausbildung so gut wie gar nicht vor. Doch das scheint sich – langsam – zu ändern. Schulbuchverlage haben das Thema bereits in ihr Fortbildungsangebot aufgenommen und immer häufiger bieten die Landesinstitute für Lehrerbildung Whiteboardkurse an.

Professionell gestaltete Unterrichtseinheiten

Doch nicht nur der Unterricht soll mit den interaktiven Tafeln interessanter und motivierender werden. Den Lehrern soll die Arbeit einfacher von der Hand gehen, weil sie ihre Unterrichtstunden zu Hause am Rechner vorbereiten können und dann nur noch den Stick in den Whiteboard-Computer stecken müssen. Die Hamburger Wissenschaftler hatten allerdings herausgefunden, dass die Vorbereitung von digitalem Unterrichtsmaterial von den Lehrern zunächst als aufwändiger empfunden wurde als die Vorbereitung mit herkömmlichen Medien, zum Beispiel mit Overheadfolien. Ihr dringender Rat: Es müssen fachspezifisch aufbereitete und an den Schulbüchern orientierte Unterrichtsmaterialien für die interaktiven Whiteboards zur Verfügung gestellt werden. Auch Gabriele Graube erwartet, dass die Schulbuchverlage rasch didaktisch aufbereitetes Material zur Verfügung stellen. So wie das in Tschechien bereits geschieht. Dort liefern die Verlage mit den Lehrwerken auch whiteboardfähige digitale Ausgaben oder Textbooks. In Deutschland hat jetzt eine ähnliche Entwicklung begonnen: Die großen Schulbuchverlage haben ihre ersten CD-ROMS und DVDs von den Boardherstellern zertifizieren lassen und arbeiten mit Hochdruck an weiteren Produkten.

Schulen, die dank des Konjunkturpakets II Whiteboards anschaffen konnte, rät Medienexperte Ralf Hübner, unbedingt vorab ein Konzept zu erarbeiten, Lehrerfortbildung einzuplanen und auch das ‚Problem‘ Frontalunterricht frühzeitig zu diskutieren. Schulträger seien häufig der Meinung, mit der Anschaffung der Tafeln sei es getan, aber das stimme natürlich nicht. Whiteboards brauchen Inhalte und Lehrer brauchen Fortbildung – auch dafür müssen Gelder eingeplant werden.

www.bildungsklick.de

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