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Island

Gipfelstürmer in Island

Zu Fuß auf Europas größten Gletscher

Martin Hülle

Nach dem Aufbruch in Sandfell: Tief hängende Wolken und Nieselregen

Über 2000 Meter hoch, halb so groß wie Thüringen und komplett mit Eis und Schnee bedeckt: Das ist der isländische Gletscher Vatnajökull. Martin Hülle hat ihn zusammen mit 150 Isländern im Gipfelsturm bezwungen.

Fünf Uhr morgens in Island. Ich stehe inmitten von 150 Isländern am verlassenen Bauernhof Sandfell. Unter dem Motto „Gipfelsturm mit 66°North“ wollen wir den Gipfel von Europas größtem Gletscher erklimmen – den Hvannadalshnúkur im Süden des Gletschers Vatnajökull (Höhe 2110 m). Nach Leistungsstärke sortiert bekommt jedes Trüppchen einen der 18 Guides zugewiesen, die von nun an das Tempo und die Richtung bestimmen. Vor uns liegen über 2000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg. Dazu eine Wegstrecke von mehr als 25 Kilometern. Ein langer Tag steht uns bevor.

Das Wetter ist trist an diesem Samstag: tiefhängende Wolken, Nieselregen. Unser Guide Gísli gibt letzte Informationen. Nebel verschluckt uns, die Szenerie ist wild. Geröll, von Moosen überzogen, Felsabstürze. Die feuchte Luft legt sich auf die Kleidung und über die Gesichter. Schweißvermengt. Nach einer Stunde ein letzter Bach, so klar, dass wir die Flaschen hineinhalten und den Durst in großen Schlucken stillen.

Doch der Wettergott meint es gut mit uns an diesem Tag – auf etwa 1000 Meter Höhe durchbrechen wir die Wolkendecke. Wir erreichen das Ende des dunklen Gerölls und betreten die ersten hellen Schneeflecken des Öræfajökull, einem mächtigen und vergletscherten Zentralvulkan am Südrand des Vatnajökull. Doch anders als der Eyjafjallajökull, der im Frühjahr die Welt in Atem hielt, ist der Öræfajökull ruhig und still – momentan, denn die unter dem Gletscher liegenden Vulkane Grímsvötn und Bárðarbunga gehören zu den aktivsten der Insel.

Am Rand des Eises verbinden wir uns zu einer Seilschaft, steigen über einen langgezogenen Gletscherhang aufwärts und überqueren schmale Spalten im Schnee. Die Sonne brennt und in windstillen Momenten wird es unerwartet warm. Unter blauem Himmel und in den Sonnenschein getaucht, erstrahlt die Gletscherlandschaft in einem Licht, so hell, wie man es sonst nur aus dem Flugzeug kennt, das über einem Meer aus Wolken seinem Ziel entgegen fliegt. Nun ja, wir fliegen nicht, sondern stapfen Schritt für Schritt höher. Auf etwa 1900 Meter Höhe erreichen wir die 5 km breite und etwa 550 m tiefe Caldera des Öræfajökull, aus der sich neun Talgletscher bis hinunter ins Flachland erstrecken. 14 Bergspitzen ragen am Rand dieser Caldera auf, alle über 1500 m hoch. Unser Ziel, der Hvannadalshnúkur liegt im nordwestlichsten Eck der Gipfelcaldera des Öræfajökull.

Über einige Kilometer geht es flach hinüber zum Gipfelaufbau des Hvannadalshnúkur, der das Plateau um gute 200 Höhenmeter überragt. Am Fuße des steilsten Stücks legen wir Steigeisen an und nehmen Eispickel in die Hände. Zwischen senkrechten Abbrüchen hindurch winden wir uns hinauf zum Gipfel. Um 14 Uhr stehe ich bei Windstille 2110 Meter hoch am höchsten Punkt von Europas größtem Gletscher.

Freude in den Gesichtern, Jubelschreie, Siegesposen. Zu unseren Füßen im Norden der Vatnajökull. Endloser Schnee, vereinzelt von Felsen durchbrochen. Wolkenfetzen und die zerrissenen Gletscher im Süden, die kilometerlang hinab ins flache Land ziehen. Weit weg von Islands höchstem Gipfel. Weit weg von ausgelassenen Gefühlen.

Hinab geht es nicht bedeutend schneller. Man kann sagen, es zieht sich. Doch beflügeltob der gewaltigen Landschaft, des intensiven Erlebnisses, nehmen wir auch noch diese Hürde. Wir tauchen wieder ein in die Wolken und den Nebel, lassen Schnee und Eis zurück, und steigen die letzten 1000 Höhenmeter wieder im Grau und Grün hinab. Nach 14,5 Stunden trudeln wir am Ausgangspunkt Sandfell ein, erschöpft aber sichtlich stolz.

!WEITERE INFORMATIONEN:

Das Trainingsprogramm „Gipfelsturm mit 66°North” wurde vom isländischen Funktionsbekleidungshersteller 66°North und der Isländischen Bergführergesellschaft ( www.mountainguides.is) ins Leben gerufen. Es wird auch in diesem Jahr wieder stattfinden. Informationen unter: www.66north.com.

Mehr zu Martin Hülle und seinen Expeditionen gibt es im Internet unter: www.martin-huelle.de und www.stadtlandflucht.de

Aufwärts: Am Übergang von Geröll zu Schnee

Gletscherspalten und Sonne von oben

Eine Seilschaft auf Europas größtem Gletscher

Hinein in die Gletscherwelt

Geschafft: Am Gipfel des Hvannadalshnúkur