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Da geht's lang!

Wie Schüler die Klassenfahrt-Planung selbst in die Hand nehmen

Markus Hofmann

Eine Klassenfahrt zu realisieren, ist mächtig komplex. Verständlich, wenn Pädagogen wenigs­tens die Orga so einfach wie möglich halten und deshalb schnell Tatsachen schaffen möchten. Doch es geht auch anders. IndemSie Ihre Schüler verschiedene Planungsaspekte im Unterricht erarbeiten lassen, schlagen Se zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie fördern die Fach- und Sozialkompetenz Ihrer Schüler und reduzieren zugleich den eigenen Vorbereitungsstress

Mit dem Billigflieger nach Barcelona oder mit dem Bus nach Böhmen? Diese beiden Reiseziele haben die meisten Klebepunkte auf der Flipchart, wo die Klasse gemeinsam recherchierte Pros und Kontras aufgelistet hat. Nun muss sich die 9 D einer mecklenburgischen Realschule entscheiden. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Ökobilanz: Welche Reise wäre die umweltfreundlichere?

Bei den Schülern dreht sich während zweier Projektwochen fast alles um das Thema Umwelt- und Klimaschutz. Letztens kamen drei Schüler auf die Idee, dass man den Nachhaltigkeitsgedanken doch auch in die Entscheidung für das Klassenfahrtziel einbeziehen könne. Schließlich wolle man ja umweltbewusst reisen.

Gesagt, getan. Der Klassenlehrer hat das mit der Mathelehrerin abgestimmt – nun errechnen die Schüler Pro-Kopf-Schadstoff-Emissionen von Jets und Bussen, statt binomische Formeln zu büffeln. Im Internet und bei Forschungsinstituten besorgten sie sich dafür jede Menge Daten. Und so fällt die Entscheidung auf Böhmen: Die viel niedrigere CO2-Bilanz spricht eindeutig dafür. Noch besser wäre eine Zugfahrt dorthin, aber da die Bahn ja auch mit Atomstrom fährt, gibt es ein ideelles Problem – ein Thema, das die Klasse im Wirtschaftsunterricht streift.

Leibliches Wohl unter der Lupe

Die Klasse hat unterschiedliche Planungsausschüsse gebildet; jeder Ausschuss stellt ein Team aus zwei Schülern, die das jeweilige Thema auf der Klassenfahrt moderieren werden. Auch für die Herbergsverpflegung gibt es einen. In Absprache mit den Begleitlehrern forscht die Schülergruppe per Internet und Telefon nach, welche in Frage kommende Herberge Bio-Produkte verarbeitet oder ihnen zu welchem Preis solche Lebensmittel für die Selbstversorgung stellen würde. Und damit es allen schmeckt, hat der Ausschuss zuvor einen Fragebogen erarbeitet, um Vorlieben, Allergien und kulturspezifische Essgebote in der Klasse abzuklopfen. Im Bio-Unterricht, wo ohnehin gerade Ernährungserziehung auf dem Programm steht, unternimmt man derweil eine Exkursion auf einen Bio-Hof in der Nähe und erfährt dort, warum „bio“ eigentlich so gut für Körper und Umwelt ist.

Auch die geistige Nahrung muss stimmen

Geplant ist für die Böhmen-Reise eine Tagesfahrt nach Prag. Und selbst da reden die Schüler mit: nämlich bei der thematischen Ausrichtung des Trips. Nach einigen Recherchen entdeckte der „Kulturausschuss", dass Franz Kafka dort geboren wurde und fast sein gesamtes Werk dort verfasst hat. Was liegt also näher, sich im Deutschunterricht „Die Verwandlung“ und „Ein Landarzt“ vorzunehmen? Wiederum im Internet lässt sich die Schülergruppe inspirieren, wo man in Prag auf Kafkas Spuren wandeln kann. Gemeinsam mit beiden Begleitlehrern zurrt der Ausschuss ein Kulturprogramm für ihre Tagesfahrt fest. Die Pädagogen buchen anhand der von ihren Schülern herausgefundenen Adressen den Besuch einer Ausstellung und eines Museums. Kafkas Grab allerdings steht nicht auf der Agenda. Es liegt recht weit außerhalb, ein Bustransfer wäre nötig. Und der würde nicht nur das Zeit- und Geldbudget, sondern auch die Umwelt belasten, mahnt der Öko-Ausschuss.

Schüler einbeziehen statt unterbuttern

Die Planung einer Klassenfahrt auf mehrere Unterrichtsfächer ausdehnen – macht das den Lehrern nicht noch mehr Arbeit? „Letztlich nicht“, sagt Begleitlehrerin Corinna Wüstrow (Name geändert; Red.). „Zwar ist es schon etwas aufwendig, die Fachlehrer ins Boot zu holen und den Planungsprozess zu moderieren. Umgekehrt nehmen uns die Schüler aber viel Orga- und Recherche-Aufwand ab. Wir können uns besser auf die formalen Dinge und die Kommunikation mit den Eltern konzentrieren.“ Dank dieses Vorgehens unterblieb zudem fast vollständig das übliche Querschießen und Genöle: „Die Schüler sind ganz anders bei der Sache, weil sie erkennen, dass sie nicht nur gefragt, sondern verantwortlich eingebunden werden“, berichtet Wüstrow. Natürlich kommt es immer wieder mal zu Streitereien, aber die sind kaum der Rede wert: „Die Akzeptanz ist wesentlich höher als früher.“ Lob gibt es auch von den Eltern. Viele haben bemerkt, dass sich ihre Kinder nicht nur auf Fun, Action und „Lehrer veräppeln“ freuen, sondern auf Themenbausteine, die sie selbst erarbeitet haben. Manchmal sogar in „Ausschuss-Sitzungen“ nach der Schule.

Pädagogisch-didaktische Dimensionen

Jenseits des unmittelbaren Nutzens für die Planungsgemeinschaft hat auch jeder einzelne Schüler etwas von seinem Engagement. „Die Schüler lernen systemisches Denken und systematisches Handeln an einem sie unmittelbar betreffenden, konkreten Gegenstand“, sagt Corinna Wüstrow. „Sie lernen, wirtschaftliche, ökologische und soziale Zusammenhänge zu durchschauen und die Folgen ihres Handelns besser abzuschätzen.“

Nebenbei schulen die Klassen-Fahrer auch ihre Sozialkompetenz, denn sie erkennen, dass an einem Konsens über Ziel, Ablauf und Zweck ihrer Reise jeder konstruktiv mitarbeiten muss. Nicht das Recht des Stärkeren und Lauteren zählt, sondern die Dialog- und Kompromissbereitschaft. „Sich hinstellen und alles doof finden, ohne selbst einen Alternativvorschlag zu bringen, das funktioniert eben nicht“, sagt die Lehrerin. „Die Klasse bildet ein Korrektiv, das individuelle Freiheiten nur zulässt, wenn diese die Freiheit anderer nicht einschränken.“

Doch zurück zur Planungsarbeit. Denn da ist eine grundsätzliche Frage noch offen: Warum bucht die Schule nicht einfach ein All-inclusive-Angebot eines Klassenfahrt-Veranstalters? „Weil wir da die Aspekte der Nachhaltigkeit nicht so beeinflussen könnten“, antwortet Wüstrow. Und setzt lächelnd hinzu: „Vielleicht ist es auch so wie bei Marmelade und Kuchen: Selbstgemacht ist zwar aufwendiger, schmeckt aber besser.“

Statt immer alles selbst zu organisieren, können Lehrer ihre Schüler an der Vorbereitung der Klassenfahrt konstruktiv beteiligen. Das spart Arbeit – und schafft interdisziplinäre Lerneffekte

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