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Vom Größenwahn zum großen Spaß

Die Jugendherberge Prora auf Rügen ist eröffnet

Markus Hofmann

Mit 165 Metern ist die Jugendherberge Prora die wohl längste in Deutschland. Und doch ist sie nur ein winziger Teil jener monumentalen Anlage, die die Nazis einst als KdF-Bad aus dem Rügener Sand stampften. Heute verbinden sich hier Geschichtswerkstatt, Natur­erlebnis und Badeurlaub auf einzigartige Weise

In einem winzigen Abschnitt der gewaltigen KdF-Anlage Prora hat die Jugendherberge kürzlich eröffnet. Hier kann man Zeitgeschichte förmlich atmen – und am nahen Ostseestrand seinen Bade- und Aktivurlaub verbringen

Größenwahn – das kommt dem Besucher des ehemaligen KdF-Seebades Prora wohl als Erstes in den Sinn, wenn er sich diesem Betonkoloss nähert. Und tatsächlich manifestiert sich in dem viereinhalb Kilometer langen Ungetüm die irrsinnige Sucht der Nazis nach Geltung und Ewigkeit, nach Gleichschaltung und Massen-Aufmärschen. Gut 20.000 „Volksgenossen“ sollten hier für wenig Geld Urlaub machen können, inklusive sportlichem und ideologischem Drill für jenen Krieg, mit dem sich die Deutschen die Welt untertan machen wollten.

Heute ist davon zumindest in Block V nicht mehr viel zu spüren. Auf den ersten Blick jedenfalls. Das triste Kasernenflair in diesem nördlichen Teil der Anlage ist viel Farbe und freundlicher Raumgestaltung gewichen – einer modernen Jugendherbergs-Architektur, die jedoch stets das Gedenken wachhält. „Natürlich werden uns ständig Fragen gestellt“, sagt Herbergsvater Dennis Brosseit: Wer hat diesen Komplex gebaut? Wie wurde er genutzt? Was passierte in dem Gemäuer mit den unendlich langen Fluren? „Auf all jene Fragen wollen wir in Führungen und Gesprächsrunden Antworten geben“, sagt Brosseit. „Das ist fest in unserem Programm.“ Darum bedeutet eine Klassenfahrt nach Prora immer mehr als nur Strand und gute Laune: Man wird hier zum Teil eines Denkmals deutsch-deutscher Zeitgeschichte.

Finstere Vergangenheit

Im Jahr 1936 legen die Nazis zwischen Sassnitz und Binz den Grundstein für das Seebad Prora, einem Vorzeigeprojekt der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF). Auch deshalb bekommt Rügen eine Brücke zum Festland und eine Eisenbahnlinie.

Vier Jahre später sollen die ersten Touristen in Prora Urlaub machen, doch daraus wird nichts. Als das NS-Regime den Zweiten Weltkrieg anzettelt, stoppt es den Ausbau zum Seebad. Prora hat nun kriegswichtige Zwecke zu erfüllen: als Stützpunkt für die Ausbildung militärischer Einheiten, als Behelfsunterkunft für Ausgebombte und Evakuierte, als Lazarett. Zwangsarbeiter richten den Rohbau provisorisch dafür her.

Nach dem Krieg versuchen die Sowjets, das Nazi-Monument zu sprengen, doch auch sie bringen ihr Werk nicht zuende: Der Stahlbeton ist zu massiv. Also flicken sie den ramponierten Rohbau notdürftig und vereinnahmen ihn für militärische Nutzung. Das DDR-Regime bringt dort Einheiten der Kasernierten Volkspolizei unter, danach Truppenteile der Nationalen Volksarmee. Auch unter den neuen Herren ziehen Tausende „Zwangsarbeiter“ nach Prora: Bausoldaten, die Kriegsdienstverweigerer der DDR. Sie schuften beim Bau des Eisenbahn-Fährhafens in Mukran und auf anderen Baustellen. Stationiert sind sie in Block 5, jenem Teil des Komplexes, in dem später die Jugendherberge mit einer Gedenktafel an sie erinnern wird.

Nach der Wiedervereinigung übernimmt die Bundeswehr das Gebäude, das nun unter Denkmalschutz, aber größtenteils leer steht. Verschiedene Interessenverbände ringen um neue Nutzungen für Teile der Anlage, hier und da eröffnen kleine Museen und Galerien. Anfang der 2000er-Jahre schließlich ergreifen immer öfter junge Leute von Prora Besitz: im Rahmen verschiedener Events und mit dem neuen Jugendzeltplatz, der 2007 in der Nähe von Block V eingeweiht wird. Zwei Jahre später beginnt der Umbau zur Jugendherberge, den die EU, der Bund, das Land Mecklenburg-Vorpommern und das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) mit insgesamt 16,4 Millionen finanzieren. Und dieses Projekt wird auch vollendet.

Einzigartiger Mix

In der ehemaligen KdF-Urlaubsmaschine eine Jugendherberge einzurichten, war ein Geniestreich, soviel kann man heute schon sagen. Gleich zur Eröffnung waren viele der insgesamt 402 Betten in 96 Zimmern belegt. Der weiter ausgebaute Zeltplatz bietet zusätzlich Platz für 1000 Camper. Herbergsleiter Brosseit beschreibt Prora als „Ferienort für ganz unterschiedliche Urlauber – ob Individualreisende, Familien oder Schulklassen.“ Die Herberge verfügt über helle Zwei-, Vier- und Sechs-Bett-Zimmer – viele mit Blick auf die Ostsee, die direkt hinter dem Komplex an den kilometerlangen Sandstrand brandet. Gegen Aufpreis können Gäste auch Einzelzimmer buchen.

Durch seine unmittelbare Strandnähe wird Prora natürlich vor allem Badeurlauber anziehen. Aber auch Aktivitäten wie Kanufahrten, Segeltörns, Surfausflüge und Klettern im nahegelegenen Seilgarten sind möglich. Die Herberge wirbt außerdem mit Erlebnis-Programmen, die sich vor allem für Schulklassen beinah jeden Jahrgangs anbieten. Denn Prora „ist auch ein Ort, an dem man sich mit Geschichte auseinandersetzt“, sagt Kathrin Röder vom Deutschen Jugendherbergswerk (DJH). In unmittelbarer Nähe zur Herberge liegt das Prora-Zentrum. Der gemeinnützige Verein bietet regelmäßig Führungen durch den historischen NS-Bau sowie Mitmach-Projekte im Rahmen seiner historisch-politischen Bildungsarbeit an. Kurz: Prora ist ein äußerst attraktives Ziel für Pädagogen, die ihre Schulklasse nicht nur bespaßen, sondern auch auf Tuchfühlung mit den dunklen Kapiteln unserer Vergangenheit bringen wollen.

Weitere Informationen:

http://prora.jugendherbergen-mv.de

www.prora-zentrum.de

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