Städtereisen
Zwischen Klischee und wahrem Leben
Ein paar Tage München – aus der Sicht eines Nordlichts
Michael Dahlberg / Markus Hofmann
Es ist ein sonniger Septembertag. Ich komme aus dem Münchner Ostbahnhof und schaue mich um. Muss zu einer Fortbildung und würde gern ein paar Meter laufen nach der langen Zugfahrt von Hannover bis hierher. Laut Adresse kann es auch nicht weit sein. Nur – wo muss ich lang? Als ich fragenden Blickes dort herumstehe, spricht mich ein Businessmensch an: „Wo woin's denn hi?“ Ich Nordlicht bin verwirrt: Allein das wäre zuhause sehr ungewöhnlich. Als dann der Mann seine Wegbeschreibung mit einer laxen Handbewegung mittendrin abbricht, um mich höchstselbst bis vor die weit abseits seines Weges liegende Akademietür zu bringen (und nicht in irgendeine dubiose Gegend und ohne mir irgendetwas andrehen zu wollen), bin ich vollends von den Socken: Sowas wäre in Hannover, Hamburg oder auch Berlin unvorstellbar. Genau wie der kurze Gruß, den Horden von Laufsportlern ihrem norddeutschen Sportsfreund im Englischen Garten entbieten. Oder der (sprachlich nicht hürdenlose) Plausch, der sich dort bei einer Maß Bier am Chinesischen Turm mit krachledernen Gamsbartträgern ergibt. Oder die derben Verbrüderungsszenen, die sich bei einem obligatorischen Wies'n-Besuch mit Einheimischen abspielen. Sind das nur Zufälle oder ist München so?
Später erfahre ich von (recht selten anzutreffenden) „Natives“, dass derlei spontane Offenheit für die Stadt recht typisch, aber auch etwas oberflächlich sei. Und wenn schon: Es muss ja nicht gleich eine Freundschaft fürs Leben aus solchen Begegnungen werden. München macht es Fremden leicht, von ihnen entdeckt zu werden, und das ist ja schon viel wert.
Ein Hauch von Süden
Bayerns Landeshauptstadt gibt sich ganz anders als norddeutsche Metropolen. Die Atmosphäre ist betont international, viel glamouröser als in Berlin und weniger kühl-distanziert als etwa in Hamburg. Meine Gastgeberin Diana, eine Halbitalienerin, die hier seit dem Kindesalter lebt, vergleicht München gar mit Rom und Madrid, „nur das Wetter ist hier schlechter.“ Davon kann jetzt zumindest nicht die Rede sein: Die Sonne strahlt, der Föhn bläst warm über den Alpenhauptkamm und schiebt die weißen Gipfel, so täuscht es die grandiose Fernsicht vor, direkt hinter die Frauenkirche.
Beste Voraussetzungen also, um einen kleinen Rundgang im Zentrum zu machen. Er führt mich zunächst über den als „Stachus“ bekannten Karlsplatz bis zum Marienplatz, wo Kleinkünstler ihr Publikumsgrüppchen unterhalten. Hinter dem Alten Rathaus geht es nach rechts auf den Viktualienmarkt (den man tunlichst mit „F“ ausspricht – es heißt ja auch nicht Water, wie einst schon der Münchner Karl Valentin hinsichtlich des Anlauts seines Nachnamens anmerkte). Hier trifft sich Jung und Alt, Reich und Arm, und der Legende nach ist hier auch die Weißwurst erfunden worden. Bis heute ist es Tradition, sie hier aus ihrem Darm zu zuzeln. Ich reihe mich ein – schmeckt wirklich gut mit Brezel und süßem Senf.
Wieder zurück auf dem Marienplatz, sticht bald die Theatinerkirche mit ihrer charakteristisch gelben Barockfassade und den schwarzen Kuppeln ins Auge – ein Vorgeschmack auf die prunkvolle Residenz der Wittelsbacher im nahen Hofgarten mit ihren Rokoko-Sälen und dem Cuvilliés-Theater. Der Besuch kann schon einige Stunden in Anspruch nehmen, und zur Pause lädt das berühmte Hofbräuhaus ein. Sicher, es ist von Touristen überlaufen, aber dennoch hat es eine Atmosphäre, die man einmal erlebt haben sollte, wie auch den Gastgarten im Arkadenhof zur Sommerzeit. Das Treiben auf den Plätzen und Flaniermeilen mit ihren Cafés und Restaurants hat tatsächlich etwas von einer südeuropäischen Metropole, da muss ich meiner Gastgeberin Recht geben.
Kunst, Kultur und Zeitgeschichte
Stylischer geht es im einige U-Bahn-Stationen entfernten Schwabing zu. Hier gibt es viele Szene-, Studenten- und Promi-Lokale – die Bohème treibt sich hier spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert gern herum. Hier lebten zum Beispiel einst Thomas Mann, Lenin, die Geschwister Scholl. Der Platz vor dem Uni-Hauptgebäude trägt den Namen der Studenten, und hier mahnt eine Gedenktafel mit ihrem letzten Flugblatt gegen das Nazi-Regime, für das sie ihr Leben lassen mussten.
München ist natürlich auch eine Stadt der Museen. Bei Schulklassen und Bildungsreisenden ist zu Recht das Technische Museum auf der nördlichen Isarseite populär. Es zeigt nicht nur beeindruckende Exponate, der Besucher darf auch anfassen und mitmachen. Kunstliebhaber müssen viel Zeit mit nach München bringen, denn der Fundus ist fast unerschöpflich – etwa in der Glyptothek mit ihren Statuen, in den drei Pinakotheken mit Gemälden vom Mittelalter bis zur Neuzeit, im Lenbachhaus mit einer wunderbaren Sammlung aus der klassischen Moderne.
Zeit, die ich leider nicht hatte. Aber immerhin: Die paar Tage München reichten, den Charme der Stadt am eigenen Leib zu erfahren. Und zu erleben, dass Klischess nicht immer schlecht sein müssen. Ja sogar den Wunsch wecken können, wiederzukommen.
Historisches Flair trifft Avantgarde von Welt: der Marienplatz mit Neuem Rathaus im Zentrum
© istockphoto
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