Wandern + Pilgern
Pilgern: Der Weg ist das Ziel
Auf dem Jakobsweg von Burgos nach Finisterre
Die Motive, eine solche Wanderung auf sich zu nehmen, sind vielfältig: Der Wunsch nach religiösen oder spirituellen Erfahrungen, die Einsamkeit des Wanderns, fremde Landschaften oder die Verbindung von Sport und Kultur veranlassen Menschen dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen. Es war wohl eine Kombination aus all diesen Gründen, die Annika und mich dazu bewogen haben, diese Reise im Sommer 2007 auf uns zu nehmen. Unsere Wanderung begann in Burgos, der Hauptstadt der Provinz Kastillien-León. Bewusst haben wir die anstrengende Etappe durch die Pyrenäen vermieden, zu unserer Ehrenrettung sei allerdings gesagt, dass wir nicht nur bis Santiago, sondern weiter nach Finisterre, dem „Ende der Welt“ laufen wollten.
Insgesamt lagen 600 Kilometer vor uns, für die wir 30 Tage Zeit eingeplant hatten. Um in Ruhe die Landschaft zu genießen und in zahlreichen kleinen Dörfern bei „dos cafés con leche“ pausieren zu können, war ein Tagespensum von 20 Kilometern für uns genau richtig. Auch wenn uns das oft genug abwertende Blicke eingebracht hat – besonders von Pilgern, die sich gerne damit brüsteten, 50 Kilometer am Tag zurückzulegen. Unser Weg führte durch Industriegebiete, gebirgige Wälder, Weinbaugebiete oder die Einsamkeit der spanische Hochebene (die Meseta). Als wir uns aber plötzlich auf einer Autobahn wiederfanden, war uns doch ein wenig mulmig zumute. Dank der großzügig verteilten gelben Pfeile auf Straßen, Tafeln, Schildern oder Steinen entlang der Strecke haben wir uns jedoch nicht ein einziges Mal verlaufen.
Der harte Pilgeralltag
Um in den Herbergen übernachten zu können, ist ein Pilgerausweis nötig. Er kann bei deutschen Jakobusvereinen oder Stiftungen beantragt werden, wird aber auch an den ersten Stationen des Jakobsweges ausgestellt. Der Pilgerpass ist die wichtigste Requisite auf der Wanderung. Da die Herbergen den Ausweis stempeln, dokumentiert er die einzelnen Stationen der Pilgerschaft. Um im Pilgerbüro von Santiago eine Urkunde, die Compostela, zu erhalten, die die Pilgerschaft offiziell anerkennt, muss der Pilger entweder den ganzen Weg durch Spanien, mindestens aber die die letzten hundert Kilometer, zu Fuß zurückgelegt haben. Pferd- oder Fahrradpilger müssen die letzten zweihundert Kilometer bis Santiago zurückgelegt haben.
Die abwechslungsreiche nordspanische Landschaft, die wir im Laufe des Weges durchquert haben, ist beeindruckend. Ebenso unterschiedlich sind auch die Herbergen, in denen wir übernachtet haben. Häuser, Holzhütten, Turnhallen oder Klöster dienen als Herbergen, Größe und Ausstattung der Unterkünfte variieren.
Nicht selten verbrachten wir die Nächte mit bis zu hundert Mitpilgern in Massenschlafsälen. Für solche Fälle sollte man sich mit Ohropax rüsten, um trotz Schnarchkulisse ein wenig Schlaf zu bekommen – und um die geräuschvolle Aufbruchstimmung der anderen Pilger, die um fünf Uhr morgens ihre Rucksäcke packten, nicht mitzubekommen. Wer auf Komfort nicht verzichten will (oder kann), übernachtet in privaten Herbergen, die beispielsweise über kleinere Schlafsäle, Internetzugang oder Waschmaschinen verfügen und dementsprechend teurer sind. In den Herbergen gibt es oft Küchen, in denen sich die Pilger selbst etwas zu essen kochen können. Die meisten Restaurants auf dem Jakobsweg bieten aber auch so genannte "Pilgermenüs" an, bestehend aus einer Vor-, Haupt- und Nachspeise. Mit einem dieser Menüs allerdings habe (nicht nur) ich schlechte Erfahrungen gemacht: Ich verbrachte die folgende Nacht weniger im Bett als auf der Toilette.
Pilgerritual am Cruz de Ferro
Auf den letzten Kilometern vor Santiago füllte sich der Camino dann noch einmal deutlich, so dass wir uns nach der Einsamkeit der ersten Etappen sehnten. Denn wer die letzten hundert Kilometer bis Santiago zu Fuß zurücklegt, erhält die Compostela, eine Urkunde, die die Pilgerschaft offiziell anerkennt. Ein Pilgerausweis dokumentiert die Wanderung, da er von jeder Herberge gestempelt wird. Viele Spanier nutzen ihre Wochenenden, um die geforderten Kilometer zurückzulegen und die begehrte Urkunde zu bekommen. Das könnte daran liegen, dass das Dokument gerne zur Aufhübschung des eigenen Lebenslaufs verwendet wird.
Am „Ende des Weges“ legen die Pilger in der Kathedrale von Santiago, dem bedeutendsten Monument des Jakobswegs, ihre Hände an die Säule zu Füßen des Apostels.
Doch auch vor der Ankunft in Santiago gibt es Rituale, die typisch für die Pilgerreise sind: Annika und ich haben von zu Hause einen Stein mitgenommen, den wir beim „Cruz de Ferro“, einem großen Eisenkreuz in den galizischen Bergen, nach alter Tradition auf einem riesigen Steinhaufen unter dem Kreuz ablegten. Der Stein symbolisiert die Last, die der Pilger während seiner Wanderung ablegt.
Bis ans Ende der Welt
Unsere Reise war in Santiago noch nicht beendet. Unser Ziel war das Meer in Finisterre, knapp 90 km hinter Santiago. Hier befindet sich ein 140 Meter hoher Felsen mit einem imposanten Leuchtturm. Nach alter Tradition haben wir ein Kleidungsstück von uns verbrannt – als Zeichen des Abschiednehmens von Vergangenem. Ich habe meinen Wanderhut geopfert, Annika ihre Unterwäsche.
Was also war das Fazit unserer Reise? Oft genug fragten wir uns, warum wir das eigentlich machen und nicht einfach den nächsten Flieger nach Hause nehmen. Die Wanderung durch Regen und Hitze, Rückenschmerzen oder Blasen an den Füßen – trotzdem waren Annika und ich uns einig: „Wir würden es immer wieder machen!“
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