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Wandern + pilgern

Trekkers Traum im hohen Norden

FJÄLLRÄVEN CLASSIC – 110 km durch Schwedisch-Lappland

Über 150 Kilometer nördlich des Polarkreises verläuft der Fjällräven Classic. Der Trekking Event wird von Skandinaviens wohl bekanntester Outdoor-Marke organisiert und führt über eine Strecke von 110 Kilometer. 2008 war der „Classic“, wie er kurz genannt wird, bereits im April ausgebucht! Unser Autor Till Gottbrath war dabei und verrät warum …

„N ehmt keine Uhren mit,“ sagte Jonas am Start, „nur ohne Zeit erlebt ihr den Norden so richtig intensiv.“ Jonas Hellentin arbeitet für Fjällräven. Er ist der Initiator und Organisator des Classic. Also muss er es wissen. Und er hat recht: Es ist einfach lässig ins Bett zu gehen, wenn man müde ist und aufzustehen, wenn man wach ist. Zelten kann und darf man dank des „Jedermannsrechtes“ überall, Wasser gibt es ebenso fast überall. Und ob es Abend oder Morgen ist, spielt auch keine große Rolle, denn Anfang August werden hier oben die Tage zwar schon wieder kürzer, aber die Nächte noch nicht richtig dunkel.

Insofern stört mich, dass Anita im Nachbarzelt ganz offensichtlich schon „gefühlten Morgen“ hat, während ich mich noch in meiner „gefühlten Nacht“ befinde. Ihr Primus-Kocher zischt vor sich hin und das leise Rascheln und Kruschpeln verrät, dass sie ihren Rucksack packt. Plötzlich herrscht Ruhe. Nur der Kocher zischt noch leise vor sich hin. Sie kann doch nicht schon fertig sein?

Neugierig schäle ich mich aus dem Schlafsack, suche die Brille im Ausrüstungschaos meines Zeltes, warte, bis sie nicht mehr beschlägt und öffne den Reißverschluss des Überdaches. Anita sitzt gedankenverloren auf einem Brett über zwei Steinbrocken, das uns gestern Abend als Luxussitzbank diente und schaut auf die andere Seite des Baches: eine Rentierkuh und ihr Kalb stehen im Gras, äsen, schauen sich mal neugierig um, scheinen sich aber weder an Anita oder sonst was zu stören. Der Bach gluckert leise. Ein paar Wolken ziehen langsam über den Himmel über der vegetationsarmen Landschaft. Ab und zu kommt die Sonne hervor, lässt das Wasser golden aufblitzen. Pinkfarbene Lupinen blühen direkt am Ufer. Die Rentierkuh schmatzt. Anita grinst mich an. Sie traut sich nicht, etwas zu sagen. Jedes Wort wäre auch ein Wort zu viel.

Zelten mit Rentier: Am Kungsleden ist man der Natur ganz nah

Anita gehört zu jenen – vor allem aus dem deutschsprachigen Raum – die den Classic als Einstieg in das Trekking im hohen Norden gewählt haben. Sie geht zwar auch zu Hause in Österreich regelmäßig in die Berge, aber noch nie hat sie eine richtige Trekking-Tour unternommen und schon gar nicht so weit im Norden. Der Classic bildet für viele Einsteiger eine Art „doppelten Boden“. Wenn man es braucht, ist jemand da, der einem hilft oder aufmuntert. Und im Notfall gibt es schnell professionelle Retter. Denn man sollte die Gegend keinesfalls unterschätzen. Jederzeit kann es hier schneien, auch jetzt im Hochsommer, und regnen sowieso. Und wenn man richtig durchnässt ist, führt das schnell zu einer Unterkühlung, die im Extremfall tödlich enden könnte. Auch kann man sich verletzen oder verlaufen.

Es gibt auch Spektakuläres zu entdecken

Andere Wanderer mögen einfach Gesellschaft unterwegs. Man hat sich auf dem Trek viel zu erzählen. Von den Erlebnissen unterwegs, von den Abenteuern in der Vergangenheit oder jenen in der Zukunft. Und egal, aus welchem Land man stammt, irgendwie kann man sich immer verständigen. Und alle teilen die Leidenschaft fürs Wandern und das Outdoor-Leben. Classic-trekker bilden eine echte Gemeinschaft. Wieder Andere machen mit, weil sie die sportliche Herausforderung suchen. Sie laufen den Classic nonstop auf Zeit. Der Streckenrekord für die 110 Kilometer über unebenes Geröll, durch Sümpfe, über Bretterstege und kaum gute Wege liegt bei unter 13 Stunden. Unglaublich – für normale Trekker jedoch kein erstrebenswertes Ziel.

Manche Flüsse können auch trockenen Fußes überquert werden

Unterwegs

Denn wer klug ist, geht langsam. Lässt sich ein auf den Norden. Beobachtet – wie Anita – eine Stunde lang die Rentiere und hat Zeit, mit den anderen Trekkern zu schwätzen. Diese Gelegenheit ergibt sich immer wieder, schließlich starten fast 2000 Leute. Bei dieser Zahl müsste man eigentlich Angst bekommen, denn viel vom Reiz des hohen Nordens liegt sicher auch in dessen Einsamkeit. Aber die 2000 Leute starten über vier Tage verteilt und sie verteilen sich schnell auf der Strecke.

Los geht es für alle in Nikkaluokta, einer alten Sami-Siedlung, die etwa eine Stunde per Bus von der Bergbaustadt Kiruna entfernt liegt. Die Familie Sari, die hier zu Hause ist, gehört zu den berühmtesten Clans der Sami – „Lappen“ sagt man nicht mehr, weil es, – wie „Eskimo“ oder „Zigeuner“ – diskriminierend klingt. Noch immer leben sie von der Rentierzucht. Daneben betreibt der Sari-Clan auch die sicher einträgliche Fjällstation Nikkaluokta.

Hier tragen sich alle Wanderer des Classic in die Startliste ein, bekommen den ersten Stempel in ihr Trail Book und können ihren Rucksack wiegen. Während die Jogger nicht mehr als ein Überlebenspaket und ein Erste Hilfe-Set dabei haben, tragen die echten Trekker Rucksäcke mit einem Gewicht ab 14 oder 15 Kilogramm. Das ist das Minimum, wenn man Zelt, Schlafsack, Kochutensilien, die ersten Rationen, Regenklamotten sowie trockene, warme Sachen dabei hat. Manche gönnen sich etwas mehr Luxus in Form eines größeren Zeltes oder diversen „Sicherheitstafeln“ Schokoladen. Und bei wieder anderen weiß man gar nicht, was die alles mitschleppen. Besonders die Skandinavier scheinen eine Vorliebe für gigantisch große Rucksäcke zu haben. Vielleicht verhält sich das hier, wie bei uns mit dem größeren Auto mit mehr PS …

Schon kurz nach dem Start verteilen sich die Trekker auf der Strecke. Jeder sucht sich sein Tempo und macht unterschiedlich häufige und lange Pausen. Manchmal geht man regelrecht allein und nur in der Ferne blitzt eine der neonfarbenen Flaggen auf, die jeder Classic-Teilnehmer oben auf seinem Rucksack befestigen muss und deren Farbe sich je nach Starttag unterscheidet. Dann wieder gibt es kleine Gruppen.

Von den 200 Teilnehmern war nach kurzer Zeit kaum noch etwas zu sehen

Aber jeder erlebt jetzt die Faszination des hohen Nordens. Und davon gibt es reichlich! Der Classic führt durch die atemberaubendste Berglandschaft Schwedens. Wer bei Schweden nur an Wälder und Seen denkt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Hier liegt der Kebnekaise, Schwedens höchster Berg (2114 m), mit seinen Gletschern. Die Baumgrenze erreicht man bereits bei etwa 600 Metern. Darüber beginnt die arktische Tundra. Eine wilde, abweisende Region. Ihre Kargheit kontrastiert jetzt im Sommer mit einer kurzen Vegetationsphase. Die Natur muss dann im Zeitraffer nachholen, was sie im Winter – und der dauert lange hier oben – nicht erledigen kann.

Farbenspiele in der Weite des schwedischen Nordens

Anita und ich erreichen nach vier Tagen das Ziel in Abisko, die berühmte Touristenstation an der Erzbahn zwischen Kiruna und Narvik. Bewusst haben wir uns Zeit gelassen und sind stolz, nicht dem Ehrgeiz erlegen zu sein. Hier empfängt uns auch die Zivilisation mit ihren Annehmlichkeiten wieder: heiße Duschen, aufrecht am Tisch im Restaurant sitzen, reichlich leckeres Essen, Bier trinken – und abends mit all den anderen Trekkern bei Live-Musik richtig abfeiern.

Und die Zeit hat uns wieder. Es gibt Fahrpläne, Essenzeiten, Handy-Empfang, SMS. Jonas hatte recht: Ohne Uhr ist das Erlebnis intensiver! Man sollte sich unbedingt die Zeit nehmen, ohne Zeit zu wandern!

Fjällräven Classic – Fakten

Termin 2009

7.–8. August 2009

Streckenlänge gesamt

110 km

Start

Nikkaluokta (ca. 1h per Bus von Kiruna; Bustransfer im Preis eingeschlossen)

Checkpoints

Kebnekaise Fjällstasjon (19 km), 690 m
Singistugan (15 km) 720 m
Checkpoint Primus (12,5 km) 835 m
Tjäktja (14 km) 915 m
Alesjaurestugan (12,5 km) 780 m
Checkpoint Fjällräven (17,5 km) 550 m

Ziel

Abisko Turiststation (17,5 km) 385 m

Offizielle Teilnehmerzahl 2008

1921

Aus Deutschland

370

Ausgeschieden / verletzt

95 / 17

Nationalitäten am Start

18 (Schweden, Deutschland, Dänemark, Niederlande, Finnland, Norwegen, Belgien, Österreich, Großbritannien, Japan, Russland, Frankreich, Schweiz, Ungarn, Spanien, China, Luxemburg, Irland)

Durchschnittsalter

35

Freiwillige Helfer

100

Pfannkuchen am Fjällräven-Checkpoint

16.000

Durchschnittslaufzeit

62,5 Stunden

Bestzeit

12:53:59 Stunden

Anmeldung, Teilnahmegebühr

Erwachsene 145 Euro, Jugendliche bis 17 Jahre 100 Euro, Kinder bis 12 Jahre 40 Euro. Anmeldeschluss ist der 17. Juli 2009, wer mitmachen will sollte sich aber früher anmelden.

Mehr Info

www.fjallraven.com/classic/

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