Klassenfahrten
Von Camembert und Kathedralen
Die Normandie entzückt durch Kultur und Gaumengenüsse
Martin Huisman
Calvados
An die 10 Millionen Apfelbäume verwandeln die Normandie jedes Frühjahr in ein weißes Blütenmeer. Viele werden zu einem berühmten Digestive verarbeitet: dem Calvados. Bei den Äpfeln, die für die Calvados-Produktion verwendet werden, liegt das Geheimnis des Aromas in der Größe der Frucht: je kleiner der Apfel, desto stärker ist sein Aroma. Bis aus unzähligen kleinen Äpfeln ein bernsteinfarbener Calvados herangereift ist, vergehen einige Jahre. Und so ist eine Flasche Calvados vor allem etwas für Genießer. Die Traditions-Brennerei „Château de Breuil“ liegt im idyllischen Pays d’Auge. Wenn man mehr über die Herstellung erfahren möchte, kann man im Rahmen einer Führung (auf Anfrage auch auf Deutsch: unter www.chateau-breuil.com) in die Geheimnisse des Kellermeisters eingeweiht werden.
Aber auch historisch hat das Departement etwas zu bieten. Ein wichtiges Geschichtskapitel erzählt der Wandteppich von Bayeux (seit 2007 UNESCO-Siegel: Memory of the World). Dieser historische „Comicstreifen“ stellt die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer im Jahre 1066 dar.
Eure
Nur eine Autostunde von Paris entfernt, liegt dieses ruhige Fleckchen Erde und mitten darin das kleine Dorf Giverny. Claude Monet lebte hier von 1883 bis zu seinem Tod im Jahr 1926 und gestaltete den Garten seines Hauses nach seinen Vorstellungen. Mit dem Vermögen, das er durch den Verkauf seiner Bilder erlangte, kaufte er sich unter anderem ein Stück Land nahe dem Bach Epte, um seinen Traum eines Wassergartens zu verwirklichen. 1899 entstand hier die erste Serie des Teiches, ab 1904 arbeitete er an den berühmten Seerosenbildern. Monets Wohnhaus sowie der Garten mit dem berühmten Seerosenteich stehen heute Besuchern offen.
Aber es gibt noch mehr zu besichtigen: Die Abtei Notre-Dame in Le Bec Hellouin, die Kathedrale von Evreux, der Ort Lyons-la-Forêt und auch die Ruine des Château Gaillard, die hoch über der Seine thront, verdienen ebenfalls das Prädikat „äußerst sehenswert“.
La Manche
Jeder Frankreich-Fan kennt die Felseninsel Mont-Saint-Michel mit seinem 965 gegründeten Benediktinerkloster. Und natürlich ist der Pilgerort, seit 1979 Weltkulturerbe der UNESCO, das bedeutendste touristische Highlight in der Normandie.
Wer sich aber abseits von Besucherströmen bewegen will: Versuchen Sie es doch mit einem Abstecher in die Bucht von Les Veys, auf die Insel Tatihou. Die Besucherzahl ist auf täglich 500 beschränkt, um die vielen hier brütenden Vogelkolonien nicht zu stören. Nur einmal im Jahr ist richtig was los auf Tatihou: Dann findet unter dem Titel „Traversées Tatihou“ ein außergewöhnliches Musikfest statt. Außergewöhnlich vor allem, weil die Besucher zu Fuß durchs Watt auf die Insel wandern. Ein weitere Tipp: Im Elternhaus von Christian Dior in Granville, das inzwischen als Museum eingerichtet ist, können Sie die Kreationen des Modeschöpfers bewundern.
Orne
Normannische Hecken- und Weidelandschaft, Apfelbäume, Herrenhäuser und edle Pferde prägen diesen Teil der Normandie. In Orne befindet sich eines der bekanntesten Nationalgestüte Frankreichs – das Haras du Pin. Außerdem wurde hier – der Legende nach – von der Bäuerin Marie Fontaine Harel aus dem Dorf Camembert der gleichnamige französische Weißschimmelkäse „erfunden“. Doch die Bäuerin hatte einen „göttlichen“ Helfer: Abbé Charles-Jean Bonvoust, ein Priester aus Brie. Während der Französischen Revolution fand er bei ihr Unterschlupf und weihte sie aus Dankbarkeit in die Geheimnisse der Käseherstellung ein.
Besonders für Familien mit Kindern gibt es eine weitere Gaumenfreude: Ein Besuch im Château de Carrouges, denn hier gibt es für die jungen Besucher kostenlos heiße Schokolade und eine Leckerei aus der Bäckerei des Schlosses, um den Besuch dieser historischen Stätte für sie etwas zu versüßen. Die süße Gratis-Bestechung gibt es aber nur jeweils an einem Sonntag pro Monat (Infos dazu im Schloss unter +33 (0)233 311 642).
Seine-Maritime
Direkt gegenüber der englischen Küste säumen beeindruckend schroffe Kreidefelsen die Alabasterküste der Normandie. Doch das Departement hat auch seine lieblichen Seiten, wie das Flusstal der Seine, die hier mäandernd in Richtung ihrer Mündung in Le Havre zieht. Le Havre selbst, Frankreichs zweitgrößte Hafenstadt nach Marseille, wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Der wieder aufgebaute Stadtkern (nach Plänen des Architekten Auguste Perret) mit seiner charakteristischen modernen Betonarchitektur wurde als einziges Stadtensemble des 20. Jahrhunderts in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.
Für Liebhaber des Morbiden lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch der Abtei von Jumièges, für Victor Hugo die schönste Ruine Frankreichs. Aber auch Rouen ist eine Reise wert. Die Kathedrale von Rouen, eine der bekanntesten gotischen Kirchen in Frankreich, war von 1877 bis zur Fertigstellung des Kölner Doms das höchste Gebäude der Welt.
WEITERE INFORMATIONEN:
Comité Régional de Tourisme de Normandie
Atout France - Französische Zentrale für Tourismus
Journal der Leipziger Buchmesse