Reiseziele
Zwischen Fotovoltaik und Trommelworkshop
Ökotourismus im Kasapa Centre in Ghana
Günther Ermlich
Düsseldorf – Tripolis – Accra – Kasapa. Das sind die Stationen unserer Reiseroute. Kurz vor Mitternacht sind wir endlich da, im Kasapa Centre. Die kleine Ferienanlage liegt eine Autostunde westlich der ghanaischen Hauptstadt Accra an einer Steilküste des Atlantiks. Übermüdet sacken wir auf die Stühle des Restaurants, einem halboffenen Pavillon.
Ein deutsch-ghanaisches Ehepaar, Susanne Stemann-Acheampong und ihr Mann Kofi („der am Freitag geborene“) betreibt Kasapa. Sie ist ausgebildete Theologin, er gelernter Hochbauingenieur. Der Name ihrer Anlage ist Programm: Das Wort, das aus der Twi-Sprache stammt, bedeutet „ein gutes Gespräch“ oder „eine gute Rede“. Das Kasapa Centre will Verständnis wecken, Verständigung schaffen, interkulturelle Begegnung ermöglichen. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit „sprechenden“ Trommeln und Tänzen.
Am nächsten Morgen führt uns Susanne durch ihre weitläufige Oase mit Kokospalmen und Agaven, Bäumen mit Mangos und Papayas. Happy Hour? Pool? Hotelzimmer mit Klimaanlage? Buffet? Wer solchen Komfort sucht, ist hier fehl am Platz. Stattdessen vereinen sich hier afrikanische Bautraditionen mit moderner Umwelttechnik. Sechs runde, klimagerechte Lehmhütten mit Reetdächern und überdachten Veranden bieten 24 Gästen Unterkunft. „Sechs Frauen haben wochenlang mit verschiedenen Rhythmen den Boden aus Lehm und Sand und Kuhdung glatt gestampft“, erklärt Susanne.
Weiter geht es zu den überdachten Duschen und Komposttoiletten. Letztere sind in die Erde gebaut, darüber liegt eine Zementdecke, Kaminen gleich dienen vier vertikale Außenrohre der Belüftung. „Guter Kompost stinkt nicht“, sagt Susanne kategorisch, „die Klos müssten nur gut belüftet sein und in der Sonne stehen. Eine ideale Lösung für die Dritte Welt“, meint sie.
Die Elektrizität kommt in Kasapa von 13 Solarpaneelen. Sie liefern 675 Watt, macht bei sechs Stunden Sonnenschein 4.050 Watt Leistung. Ein kleiner, schamhaft versteckter, Generator deckt den Zusatzbedarf, zum Beispiel bei einer großen Party. Und die Abwasser? Sie versickern langsam und biodynamisch in zwei unterirdischen, allerdings überdimensionierten Becken einer Schilfkläranlage.
Ein afrikanischer Familienbetrieb
Gäste sind in Kasapa keine Nummern und die Mitarbeiter haben Namen. Akous und Joana helfen in der Küche und servieren das Essen, Sister Efua arbeitet als Waschfrau und gibt den Gästen ein Gebet mit auf den Weg, wenn sie zu einer Exkursion aufbrechen. Sister werden Frauen respektvoll genannt, die ein bestimmtes Alter und ein soziales Gewicht erreicht haben. Bismark heißt der stets fröhliche Fahrer des Allradautos und Prinz Abdallah, der smarte Reiseführer, der gern erzählt, dass er das 57. Kind der 26. Frau seines Vaters ist, der insgesamt 149 Kinder von 33 Frauen habe. Und Jaw, den Allround-Assistenten, treffen wir in der Früh, wenn er die Klos und Duschen reinigt und bei Einbruch der Dunkelheit, wenn er uns die Kerosinlampen auf der Terrasse anzündet. Frank ist der Supervisor und wichtige Kontaktmann zum Dorf-Chief. Dazu die saisonal beschäftigten Trommler. „Keine fremdbestimmten Arbeitsplätze mit ausländischem Management, sondern ein afrikanischer Familienbetrieb“, lautet der Firmenkodex. Susanne ist die einzige Weiße.
Eingebunden in den Dorfalltag
Kasapa ist eine weitgehend autonome touristische Enklave und will im Kleinen ein Beispiel geben, was mit klima- und umweltgerechten Technologien in sonnigen, tropischen Ländern möglich ist, zum Beispiel Fotovoltaikanlagen zu installieren. „Im Allgemeinen orientieren sich afrikanische Länder in ihrem Verständnis von Technologie, Modernität und Entwicklung an dem, was in Deutschland als ,industrielle Steinzeit‘ gilt“, sagt Susanne. Development in Ghana bedeute: mehr Autos, mehr Stromverbrauch, mehr ölbefeuerte Kraftwerke.
Die Ursprungsidee zum Kasapa-Projekt kommt nicht vom Obroni, vom weißen Mann, sondern von Mustafa Tettey Addy. Der ghanaische Master-Drummer stammt aus einer Fetischpriester-Familie und trat als junger Mann zum Islam über. Eines Abends gibt er in Kasapa im Schein der Petroleumlampen ein Solo-Konzert; nach und nach tauchen die Mitarbeiter auf und tanzen stampfend zu den Rhythmen. Einige Jahre lehrte Mustafa Gruppen in Deutschland das Trommeln, bevor er Anfang der achtziger Jahre Deutsche, meist Studenten, nach Ghana zu Ferienworkshops im Trommeln und Tanzen einlud. Für Mustafa waren es zwei Paar Trommeln, ob man drumming in Düsseldorf oder Accra erlernt. „Ihr Europäer“, sagte er damals, „könnt Entwicklungshilfe in Körpergefühl und Rhythmus brauchen, während wir Afrikaner Entwicklungshilfe zum Beispiel durch den Trommel- und Tanztourismus benötigen.“
Heute morgen empfängt uns Obeng Wiabo V., der Chief von Nyanyano, in seiner Residenz. Der 50-jährige oberste Repräsentant der Gemeinde – „ich bin genauso alt wie Ghana“ – thront an der Stirnseite des Raums. Wie die elders, seine Berater, die ihn flankieren, trägt er ein buntes bodenlanges Gewand. Der Besuch folgt traditionellen Riten. Wir schütteln jedem die Hand, vor der Tür wird ein Glas Schnaps ausgekippt, symbolische Fußwaschung und Opfer für die Toten in der Erde, schließlich kreist ein Glas mit hochprozentigem Palmenschnaps in der Runde, alle nippen daran, Gastgeber und Gäste, ein Zeichen, dass wir alle eins sind. Wir werden gebeten, den Grund unsere Reise zu erklären – „What is your mission?“ –, dann erzählt uns der Chief vom Alltag in seinem Dorf, den Nöten der Fischer, weil ausländische Trawler-Flotten die küstennahen Gewässer leergefischt hätten, er erzählt von der bescheidenen Salzgewinnung, und von der fruchtbaren Kasapa-Connection. „Kasapa hat von Anbeginn geholfen, dass sich unser Dorf entwickelt“, sagt er und meint damit Einrichtungen wie das Hospital, die Bücherei, zwei Schulen.
Nachmittags führt uns Ekow, der Sohn von Sister Efua und Neffe von Frank, durch sein Dorf. Wir besuchen eine kleine Krankenstation, die ohne Doktor auskommen muss. Ein neues Hospital wird gerade, unter anderem mit Kasapa-Spenden, errichtet.
Alltag in Ghana
Am Hafen tobt das Dorfleben. Kleine Verkaufsbuden, ein Meer von Fischerbooten. Frauen schleppen fangfrischen Fisch in Flechtkörben ab, Männer sitzen auf dem staubigen Boden und bessern Fangnetze aus, Jungen rollen alte Autoreifen spielend über die Brache, Hühner, Schafe und Hunde nagen am Plastikmüll. Vor 20 Jahren gab es in Ghana noch keinen Plastikabfall, damals wurde Essen noch in Bananenblättern oder alten Schulheftseiten verkauft. Auf einem wackligen Holztisch verkauft ein Mädchen geschälte Orangen, ein Tankwagen bringt Trinkwasser ins Dorf, überall in den nahen Klippen hocken Menschen und machen ihr Geschäft. „Life is war“ steht auf der Wand der rosarot getünchten Bar. Und wir? Schwimmen im Gewusel mit, im Schlepptau von Ekow, den hier jeder kennt, Wellen der Neugierde schwappen uns entgegen. Obroni, how are you?
Gegenwart und ZukunftKasapa ist kein abgeschlossenes Touristenghetto, sondern im Dorf fest verankert. Deswegen umgibt auch kein Zaun die Ferienanlage, der Zugang zum Meer ist frei, natürlich gibt es Wächter am Zugang, doch „unser eigentlicher Schutz ist die Integration ins Dorf“, sagt Kasapa-Chefin Susanne nicht ohne Stolz. Ihr privates Tourismusprojekt unterstützt die Gemeinde und die dörfliche Infrastruktur auf vielfältige Weise, beim Bau der neuen Klinik, bei medizinischen Notfällen, etwa einer Herzoperation oder einer Beinprothese, bei der Förderung von zwei Schulen und der Berufsausbildung von Jugendlichen. Obendrein sponsern ehemalige Gäste die Schulausbildung von 30 Kindern. Der Verein „Kasapa Bridge“, den das Ehepaar Acheampong im Jahr 2007 ins Leben gerufen hat, soll langfristig eine finanzielle und emotionale Verbindung zwischen Kasapa und seinen (meist) deutschen (Stamm-) Gästen und dem Dorf herstellen. Schon im ersten Jahr konnte der Verein rund 50.000 Euro einsammeln.
Susanne Stemann-Acheampong träumt davon, eines Tages mit dem Solarmobil auf den Markt ins Nachbardorf zu fahren. Der Transfer moderner Umwelttechnologie nach Ghana liegt ihr besonders am Herzen. Deshalb trommelt sie unablässig für einen nachhaltigen Tourismus in Afrika, für einen Tourismus, der als ökologischer Motor im Zielland dient.
WEITERE INFORMATIONEN:
Auch deutsche Schülergruppen haben schon mehrfach das KASAPA Centre besucht (meist für 3 bis 4 Wochen). Für die Kinder und ihre erwachsenen Begleiter war das immer eine sehr schöne, interessante und lehrreiche Zeit, weiß Susanne Stemann- Acheampong zu berichten. Informationen zum Aufenthalt gibt es unter www.kasapa.eu.
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